Ein Expertenteam unter der Leitung von Thomas Hildebrandt führt eine Eizellentnahme bei einem nördlichen Breitmaulnashorn im Zoo-Park Chorzow durch. | Bildquelle: dpa

Kampf gegen Artensterben "Star Wars Science" für ein Nashorn?

Stand: 30.09.2020 02:05 Uhr

Ein deutsches Forscherteam will das nördliche Breitmaulnashorn mit künstlicher Befruchtung retten. Während der Bund das Projekt fördert, zweifeln andere Wissenschaftler am Sinn der Mission.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Fatu, eine Nashorn-Dame, liegt lang ausgestreckt und tief betäubt auf dem Boden. Rund herum viele Monitore, medizinisches Gerät und Ärzte. Dem Nashorn sollen Eizellen entnommen werden. Denn Fatu ist eins von nur noch zwei nördlichen Breitmaulnashörnern weltweit.

Sie lebt mit ihrer Mutter in einem Reservat in Kenia. Der letzte Bulle starb vor zweieinhalb Jahren. Mit künstlicher Befruchtung soll die Art vor dem Aussterben gerettet werden. Denn auch wenn es noch südliche Breitmaulnashörner gibt - die nördlichen unterscheiden sich von ihnen deutlich, erklärt der Berliner Tierarzt Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, der das Team leitet:

"Das nördliche Breitmaulnashorn lebte für über eine Million von Jahren im zentralen Afrika, war mindestens 100.000 Jahre von der südlichen Schwesterart getrennt - und hat dadurch eine ökologische Funktion übernommen, die durch den Wegfall dieser Art große Risse in dieses fragile Ökosystem reißt."

Große Unterschiede zur Schwesterart

Beispielsweise hat das nördliche Breitmaulnashorn keinen so langen Nacken. Denn das Gras wächst in der Region höher, so dass es sich nicht tief bücken muss. Es hat keine Haare - außer auf den Ohren.

Eine charmante Eigenart, die sich auch der Forscher Hildebrandt nicht so richtig erklären kann. Aber genauso wie es ist, erfülle es in Ost- und Zentralafrika seine Rolle, sagt er: "Es wäre wirklich naiv zu glauben, dass - wenn man südliche Breitmaulnashörner im zentralen Afrika plötzlich auswildert - sie diese ökologische Funktion des nördlichen Breitmaulnashorns übernehmen können."

Ein kenianischer Ranger streckt seine Hand nach dem Nördlichen Breitmaulnashorn-Weibchen Najin aus. | Bildquelle: dpa
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Ein kenianischer Ranger streckt seine Hand nach dem Nördlichen Breitmaulnashorn-Weibchen Najin aus.

Viele Rückschläge

Nach dem Eingriff wacht Fatu langsam wieder auf. Später wird sich zeigen, dass die Prozedur dieses Mal leider nicht erfolgreich war: Die Entnahme hatte sich durch die Corona-Reisebeschränkungen verzögert, die Eizellen waren schon zu alt.

Einer von vielen Rückschlägen für die Forscher. Seit mehreren Jahren schon versuchen sie, die Nashornart zu retten - und müssen dafür oft Kritik einstecken: "Wir wurden mal bezeichnet als 'Star Wars Scientists' - also Menschen, die so völlig unnötig Geld verschleudern und Dinge erforschen oder machen, die sowieso kein Mensch braucht", erzählt Hildebrandt.

Ein zu kleiner Genpool - selbst bei Erfolg?

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt die Rettungsversuche mit vier Millionen Euro. Verglichen mit anderen Investitionen relativiere sich diese hohe Summe, meint der Tierarzt: Immerhin sei das Ziel, eine Tierart zu retten, die eigentlich schon ausgestorben sei. "Wenn Sie einen Aschenbecher oder einen Kotflügel oder einen Scheinwerfer für einen Mercedes entwickeln, dann sind sie ganz leicht bei vier Millionen Entwicklungskosten."

Andere Kritiker meinen, der Genpool sei viel zu klein. Wenn es neue Nachkommen geben sollte, könnten sie leicht Erbkrankheiten haben. Hildebrandt glaubt das nicht: "Es zeigt sich, dass wir mit unseren Proben, die wir vom nördlichen Breitmaulnashorn zur Verfügung haben, mehr genetische Vielfalt besitzen als die gesamte Population der südlichen Breitmaulnashörner", sagt er.

Denn auch die waren mal vom Aussterben bedroht. Vor ungefähr hundert Jahren gab es nur noch etwa 20 Exemplare. Engagierten Farmern in Südafrika gelang es, sie auf natürlichem Wege nachzuzüchten. Inzwischen gibt es wieder etwa 25.000 südliche Breitmaulnashörner. Eine Erfolgsgeschichte, die ihre nördlichen Artverwandten gerne wiederholen würden.

Anfang Juni kam im Salzburger Zoo das südliche Breitmaulnashorn "Tamika" zur Welt. Der Bestand stabilisiert sich - darauf hofft auch die Schwesternart. | Bildquelle: dpa
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Anfang Juni kam im Salzburger Zoo das südliche Breitmaulnashorn "Tamika" zur Welt. Der Bestand stabilisiert sich - darauf hofft auch die Schwesterart.

UN-Gipfel zur Artenvielfalt: Warum Forscher das nördliche Breitmaulnashorn vor dem Aussterben retten wollen
Antje Diekhans, ARD Nairobi
29.09.2020 16:54 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 30. September 2020 um 05:44 Uhr in der Sendung "Studio 9".

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