Interview

Interview zu Russlands Umgang mit der Ukraine "Entscheidung liegt beim Volk"

Stand: 09.12.2013 19:29 Uhr

Russland ist für seinen Umgang mit der Ukraine vielfach kritisiert worden - das Land vertrete aber lediglich eigene wirtschaftliche Interessen, sagt der russische Journalist Dmitri Tultschinski im Interview mit tagesschau.de. Allein die Ukraine selbst entscheide über ihre Zukunft.

tagesschau.de: Was spricht aus der Sicht Russlands gegen eine Annäherung der Ukraine an die Europäische Union?

Dmitri Tultschinski: Es spricht nichts gegen eine Annäherung der Ukraine an die EU oder auch an eine Wirtschaftsallianz, die der Ukraine am nützlichsten erscheint. Dagegen hat sich Russland auch nie ausgesprochen. Aber durch die Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens zwischen der EU und der Ukraine, so wie es vorgelegt worden ist, würde man die bilateralen Handelsbeziehungen zwischen Russland und der Ukraine verändern müssen. Darauf ist die ukrainische Regierung von Moskau hingewiesen worden - ganz sachlich und emotionslos.

alt Dmitri Tultschinski

Zur Person

Dmitri Tultschinski ist russischer Journalist in Berlin. Er leitet das Deutschland-Büro der staatlichen Nachrichtenagentur "RIA Novosti".

tagesschau.de: Warum müsste Russland denn anders agieren als vorher, wenn die Ukraine ein Abkommen mit der EU abschließen würde?

Tultschinski: Russland hat mit der Ukraine Handelsbeziehungen, die mit Steuererleichterungen einhergehen. Durch ein Assoziierungsabkommen mit der EU würden die europäischen Produkte massenweise in die Ukraine drängen, während wiederum die ukrainischen Waren durch die Steuererleichterungen den russischen Markt überschwemmen würden. Russland muss deshalb die Interessen der russischen Produzenten schützen.

tagesschau.de: Welche Faktoren sind für Putin im Verhältnis mit der Ukraine ausschlaggebend: die angesprochenen wirtschaftlichen oder militärische oder machtpolitische?

Tultschinski: In erster Linie sind es wirtschaftliche Faktoren. Die Konsequenzen eines Assoziierungsabkommens müssen genau durchgerechnet werden. Und das hat Kiew - offenbar sehr spät, aber in letzter Sekunde - gemacht und ist scheinbar zum Schluss gekommen, dass es für die Ukraine eher nicht nützlich sein wird, wenn das Assoziierungsabkommen unterschrieben wird.

"Abhängigkeit ist gegenseitiger Natur"

tagesschau.de: Die Ukraine ist vor allem wirtschaftlich stark von Russland abhängig. Was verspricht sich Russland davon, wenn es den Druck auf die Wirtschaft verschärft?

Tultschinski: Das Wort "Druck" ist fehl am Platz: Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind sehr eng. Die Ukraine ist ein großer, nicht außer Acht zu lassender Absatzmarkt für russische Waren genauso wie Russland für die Ukraine wichtig ist. Die Märkte der postsowjetischen Republiken sind noch immer die wichtigsten füreinander. So liefert Russland zum Beispiel Erdgas über die Ukraine nach Westeuropa. Die Ukraine ist ein sehr wichtiges Transitgebiet. Insofern kommt es darauf an, dass die Gaslieferungen im Interesse aller Beteiligten - des Lieferanten, des Transitlandes und der Endabnehmer - reibungslos ablaufen. Zudem sind die Gas-Pipelines noch in der sowjetischen Zeit gebaut worden: Es ist also nicht nur Verdienst der Ukraine, dass die Pipelines durch ihr Land führen. Und umgekehrt ist es genauso: Weil die Ukraine nicht soviel Erdgas hat, muss sie es aus Russland kaufen.

tagesschau.de: Die Ukraine ist in einer dramatischen finanziellen Lage und wirtschaftlich schwach. Warum hat Russland trotzdem offenbar großes Interesse an dem Land?

Tultschinski: Wir suchen uns ja unsere Nachbarn nicht aus. Und wir sind vielmehr daran interessiert, unsere Nachbarn zu stärken. Gerade eine ausgewogene, gegenseitig nützliche Zusammenarbeit kommt nicht nur der Ukraine, sondern auch Russland zugute. Der ukrainische Markt ist auch für viele russische Produkte wichtig und deswegen ist Russland natürlich daran interessiert, dass sich die ukrainische Wirtschaft erholt. Ungeachtet der Proteste in Kiew laufen die Kontakte und Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine bezüglich der Wirtschaftskooperation deshalb weiter. Es geht natürlich darum, wie Russland der Ukraine helfen kann, ohne sich selber zu schaden. Das ist ja keine Frage der Wohltätigkeit.

Gas-Pumpstation in Russland
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Gas-Pipelines führen auf dem Weg nach Westeuropa auch durch die Ukraine, die dadurch für Russland ein wichtiges Transitland ist.

"Russisch-ukrainische Beziehungen auch auf persönlicher Ebene"

tagesschau.de: Spielt die Tatsache, dass die Ukraine durch "Kiewer Rus" geschichtlich die "Wiege Russlands" ist, in dem Verhältnis zwischen den beiden Ländern heute noch eine Rolle?

Tultschinski: Geschichte spielt immer eine Rolle. Wir sind historisch sehr eng miteinander verbunden. Es gibt auch familiäre Beziehungen, die ineinander verflochten sind. Mein Vater wurde beispielsweise in der Ukraine geboren. Ich war schon zigmal bei meinen Großeltern dort - und ich bin natürlich kein Einzelfall. Es gibt Hunderttausende, die russisch-ukrainische Beziehungen auf der persönlichen Ebene erleben. Insofern kann uns die Ukraine nicht gleichgültig sein.

tagesschau.de: Russland versucht beispielsweise durch die Zollunion, Länder der ehemaligen Sowjetunion an sich zu binden, hat aber selbst Modernisierungsprobleme. Warum ist es Putin trotzdem offenbar so wichtig, den Einflussbereich beizubehalten?

Tultschinski: Russland versucht nicht zu "binden", sondern durch die Zollunion und andere Vorschläge, diese Länder - auch wenn sie wirtschaftlich schwächer sind - zu einer gegenseitig nützlichen Zusammenarbeit einzuladen. Und durch die Zollunion möchten wir uns auch im globalen Verhältnis besser stellen. Denn die Wirtschaft ist globalisiert und auch diese Länder stehen nicht nur in Beziehung zu Russland. Und wenn man sich gegenseitig unterstützt, dann wird es auch diesen Ländern besser gehen - zumal wir immer noch als postsowjetische Republiken mit ehemals entstandenen Marktverbindungen ziemlich starke Beziehungen zueinander haben.

"Entscheidung liegt beim ukrainischen Volk"

tagesschau.de: Russlands Marine hat auf der Schwarzmeerhalbinsel Krim einen wichtigen Flottenstützpunkt. Spielen die militärischen Interessen auch eine Rolle?

Tultschinski: Ja, sicherlich. Deswegen unterhalten wir diesen Flottenstützpunkt. Die Vereinbarung darüber läuft über viele Jahre. Russland hat ein Interesse daran, in der Ukraine einen guten Nachbarn und Partner zu haben.

tagesschau.de: Wie wird Russland weiter agieren, wenn die pro-europäischen Proteste nicht abflauen sollten?

Tultschinski: Russland wird die Ereignisse in der Ukraine genau verfolgen, aber auch auf seine nationalen Interessen achten. Welche Entscheidung die Ukraine auch immer treffen wird: Moskau wird das respektieren ohne sich einzumischen oder gar zu drohen. Die Entscheidung, wie sich die Ukraine weiterentwickelt, liegt beim ukrainischen Volk und bei der ukrainischen Staatsführung.

Die Fragen stellte Caroline Ebner, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Dezember 2013 um 20:00 Uhr.

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