Anwohner von Kiew füllen sich Wasser in Flaschen ab. | AP

Nach Angriff auf Infrastruktur Wieder Wasser und Strom in der Ukraine

Stand: 24.11.2022 17:04 Uhr

Nach den Blackouts gestern soll das Stromnetz in der Ukraine wieder funktionieren. Noch immer sind Stadtteile von Kiew und andere Regionen von der Versorgung mit Strom und Wasser abgeschnitten. Ärzte ohne Grenzen warnen vor den Folgen.

Das gesamtukrainische Stromnetz ist nach den massiven Blackouts vom Vortag offiziellen Angaben zufolge wieder intakt. "Faktisch werden alle Gebiete der Ukraine mit Strom versorgt", sagte der Vizechef des Präsidentenbüros, Kyrylo Tymoschenko, im Fernsehen.

Das heißt allerdings nicht, dass auch alle Haushalte wieder Strom bekommen. Wie viele Ukrainer tatsächlich wieder mit Elektrizität versorgt werden, führte Tymoschenko nicht aus. Wie es hieß, kann in vielen Landesteilen noch kein Strom und Wasser bezogen werden. Vom staatlichen Energieversorger Ukrenerho gab es ebenfalls keine neuen Informationen darüber, ob das Stromnetz von Notabschaltungen wieder zu planmäßigen Abschaltungen übergegangen ist.

Bürgermeister Vitali Klitschko sagte, dass mehr als zwei Drittel von Kiew noch nicht wieder versorgt würden, obwohl städtische Mitarbeiter Teile der Wasserversorgung bereits in der Nacht reparieren konnten.

Russland weist Verantwortung zurück

Am Mittwoch hatte Kiew erneut heftige russische Raketenangriffe auf wichtige Infrastruktur in der Hauptstadt Kiew gemeldet. Insgesamt feuerte Russland nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe rund 70 Marschflugkörper ab. Auch Kamikaze-Drohnen kamen zum Einsatz. Mindestens zehn Menschen seien bei dem Beschuss getötet und 50 weitere verletzt worden, zitierten lokale Medien die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft. 

Russland wies jegliche Verantwortung für Zerstörungen in der Hauptstadt zurück. "Nicht ein einziger Schlag" sei innerhalb Kiews erfolgt, erklärte das russische Außenministerium. Jedwede Zerstörung sei das Ergebnis von Raketen, die "ausländische und ukrainische Luftabwehrsysteme" von bewohnten Gebieten der ukrainischen Hauptstadt aus abgeschossen hätten. Das Ministerium sprach allerdings von "massiven Schlägen" auf die "Militärführung der Ukraine" und "damit verbundene Energieeinrichtungen". 

In der Stadt herrschen in diesen Tagen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Präsident Selenskyj verurteilte die Angriffe, die ukrainische Bürger in der Kälte träfen: "Wenn wir Temperaturen unter Null Grad haben und Millionen von Menschen ohne Energieversorgung, ohne Heizung und ohne Wasser sind, ist das ein offenkundiges Verbrechen gegen die Menschlichkeit", sagte er in seiner Videoansprache vor dem UN-Sicherheitsrat in New York.

Shutdowns in Charkiw

Auch in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine im Osten des Landes, gab es nach Angaben des örtlichen Regionalgouverneurs Probleme mit der Elektrizität und "Strom-Notabschaltungen". Dmytro Lunin, Gouverneur der zentral gelegenen Region Poltawa, erklärte indes: "In den kommenden Stunden werden wir damit anfangen, die kritische Infrastruktur mit Energie zu versorgen und dann die Mehrheit der Haushalte." Etwa die Hälfte der ebenfalls im Zentrum gelegenen Region Dnipropetrowsk verfüge über Strom, gab deren Gouverneur Valentin Resnitschenko an. Er warnte, dass es Shutdowns geben werde, um das Stromnetz zu entlasten.

Auch in anderen Landesteilen, darunter die Regionen Riwne, Tscherkassy, Kirowograd und Schytomir, liefen Reparaturarbeiten.  "So viele Opfer, so viele Häuser zerstört", sagte die 52-jährige Iryna Schyrokowa der Nachrichtenagentur AFP in Wyschgorod außerhalb Kiews. "Die Menschen haben keinen Ort zum Leben, keinen Ort zum Schlafen. Es ist kalt. Ich kann es nicht erklären. Wofür? Wir sind auch Menschen", sagte sie.

Auch im Nachbarland Moldau, das wegen des Kriegs bereits mit erheblichen Energieproblemen zu kämpfen hat, kam es nach Angaben von Vize-Regierungschef Andrej Spinu nach den Angriffen zu "massiven Stromausfällen". Das Land grenzt an die Ukraine und ist an das ukrainische Stromnetz angebunden.

Ärzte ohne Grenzen warnen

Die massiven Stromausfälle bringen nach Angaben von "Ärzte ohne Grenzen" Millionen Zivilisten im Land in Gefahr. Tausende Menschen, die bereits in vom Krieg zerstörten Häusern leben, seien nun mit Temperaturen konfrontiert, die in Teilen der Ukraine bis zu minus 20 Grad erreichen könnten, erklärte der Landeskoordinator der Hilfsorganisation in der Ukraine, Christopher Stokes.

"Ausfälle bei der Energie- und Wasserversorgung werden sich auch auf den Zugang der Menschen zur Gesundheitsversorgung auswirken, da Krankenhäuser und Gesundheitszentren nur schwer funktionieren werden", sagte Stokes.

Lührmann kündigt Winterhilfspaket an

Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Anna Lührmann (Grüne), bezeichnete die russischen Raketenangriffe als "Staatsterrorismus". "Es ist ganz klar, dass Putin alles daran setzt, dass die Ukraine im Winter in der Kälte und im Dunkeln versinkt", sagte sie der Deutschen Welle bei einem Besuch in der Ukraine.

Sie kündigte ein Winterhilfspaket der Bundesregierung von mehr als 55 Millionen Euro an. "Wir unterstützen Schulen beim Wiederaufbau und anderen Maßnahmen, um hier zu helfen, dass die Leute einigermaßen durch den Winter kommen. Aber es wird hart", sagte die Staatsministerinisterin.