Ein ukrainischer Soldat vor einem zerstörten Haus bei Charkiw | AFP

Ukraine-Krieg Kämpfe verlagern sich in Richtung Osten

Stand: 09.04.2022 19:51 Uhr

Der Krieg in der Ukraine konzentriert sich offenbar immer mehr auf den Osten und Süden des Landes. Präsident Selenskyj erwartet eine "schwere Schlacht". Kiew sei dennoch weiter zu Verhandlungen mit Moskau bereit.

In der Ukraine verlagert sich der russische Angriffskrieg immer stärker in den Osten und Süden des Landes. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von Vorbereitungen "für einen wichtigen - einige sagen: den entscheidenden - Kampf im Osten unseres Staates." Er bestätigte russische Truppenkonzentrationen in der Region. "Eine große Zahl an Truppen, Technik und Waffen. Bewaffnete Menschen, die noch einen weiteren Teil unseres Landes besetzen wollen", sagte Selenskyj. Das werde eine schwere Schlacht.

Auch das US-Verteidigungsministerium beobachtet nach eigenen Angaben, dass sich die russischen Streitkräfte bemühten, ihre Einheiten mit neuem Material und Soldaten wieder aufzubauen. Pentagon-Sprecher John Kirby erwähnte Berichte, wonach die Einheiten durch das Mobilisieren "Zehntausender Reservisten" verstärkt werden sollten. Nach Angaben eines führenden Vertreters des Pentagon hat Russland bereits Tausende zusätzliche Soldaten nahe der Grenze zur ukrainischen Stadt Charkiw zusammengezogen.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/08.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/08.04.2022

Kriegsführung umorganisiert?

Zudem soll Russland - einem westlichen Regierungsvertreter zufolge - seine Kriegsführung umorganisiert haben. Das meldet die Nachrichtenagentur dpa. An der Spitze steht demnach ein neuer Kommandeur mit Syrien-Erfahrungen. General Alexander Dwornikow war für seinen Einsatz im Syrien-Krieg 2016 von Präsident Wladimir Putin mit dem Heldenstatus ausgezeichnet worden.

Zuletzt war er Befehlshaber im südlichen Wehrbezirk Russlands. Offiziell wurde der Kommandowechsel von russischer Seite allerdings nicht bestätigt.

Selenskyj weiter zu Verhandlungen bereit

Trotz der Truppenkonzentrationen zeigt sich Kiew weiterhin zu Verhandlungen mit Russland bereit. Das sagt Selenskyj nach einem Treffen mit Österreichs Bundeskanzler Karl Nehammer in Kiew. "Wir sind bereit, gleichzeitig zu kämpfen und nach diplomatischen Wegen Ausschau zu halten, um diesen Krieg zu beenden."

Johnson verspricht gepanzerte Fahrzeuge

Auch der britische Premierminister Boris Johnson traf sich heute in Kiew mit Selenskyj. Er sagte der Ukraine zur Abwehr des russischen Angriffs 120 gepanzerte Fahrzeuge und Anti-Schiffsraketensysteme zu. "Wir steigern unsere militärische und wirtschaftliche Unterstützung und bringen eine weltweite Allianz zusammen, um diese Tragödie zu beenden", sagte Johnson nach dem Treffen. Es müsse sichergestellt werden, dass "die Ukraine als freie und souveräne Nation überlebt und gedeiht".

Bereits am Freitag waren EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell nach Kiew gereist. Angesichts der erwarteten russischen Offensive in der Ostukraine drängt Borrell die Mitgliedstaaten der Europäischen Union nun dazu, ihre Waffenlieferungen zu verstärken. "Legt den Schwerpunkt auf Waffenlieferungen", forderte er auf seiner Rückreise. "Sanktionen sind wichtig, aber Sanktionen werden das Problem der Schlacht im Donbass nicht lösen."

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Rückkehr der Diplomaten

Russland hat es bisher nicht geschafft, größere Städte wie die Hauptstadt Kiew einzunehmen. Nach dem russischen Rückzug vor Kiew kehren nun immer mehr Diplomaten zurück in die Stadt. Der Botschafter der Europäischen Union ist inzwischen wieder in der EU-Vertretung der Stadt. Botschafter Matti Maasikos will seine Arbeit in der ukrainischen Hauptstadt mit einem kleinen Team wiederaufnehmen.

Die EU-Vertretung war einen Tag nach Kriegsbeginn komplett evakuiert worden. Auch Italien will seine Botschaft gleich nach Ostern wieder öffnen. "Wir waren die letzten, die Kiew verlassen haben, und wir werden unter den ersten sein, die zurückkehren", sagt Außenminister Luigi Di Maio.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. April 2022 um 20:00 Uhr.