Wolodymyr Selenskyj | dpa

Angriffe auf AKW Saporischschja Selenskyj warnt Europa vor nuklearer Gefahr

Stand: 14.08.2022 09:34 Uhr

Angesichts der Angriffe auf das AKW Saporischschja hat der ukrainische Präsident Selenskyj vor einer wachsenden nuklearen Bedrohung für Europa gewarnt. Er forderte neue Sanktionen gegen Russlands Atomindustrie.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Europa vor einer wachsenden atomaren Gefahr gewarnt. Angesichts der andauernden Kämpfe rund um das Atomkraftwerk Saporischschja warnte er in einer Videobotschaft davor, dass sich "die radioaktive Bedrohung für Europa so erhöht, wie es sie nicht einmal zu den schwierigsten Augenblicken der Konfrontation in den Zeiten des Kalten Krieges gab".

Er warf Russland erneut Erpressung vor. Die "Besatzer" nutzten das AKW, um "auf extrem zynische Weise", Angst zu verbreiten, so Selenskyj. Russische Truppen würden sich hinter dem AKW "verstecken", um die ukrainisch kontrollierten Städte Nikopol und Marhanez zu beschießen.

Selenskyj: Sanktionen gegen Moskaus Nuklearindustrie

Selenskyj forderte den Westen zu Sanktionen gegen Russlands Atomindustrie auf. Die Strafmaßnahmen müssten die Nuklearindustrie Russlands treffen. Ukrainische Diplomaten und Vertreter der Partnerstaaten unternähmen nun alles, um Russlands Atomindustrie zu blockieren. Zudem müssten die verantwortlichen Amtsträger des "Terrorstaates" durch die internationale Strafjustiz zur Verantwortung gezogen werden. Jeder russische Soldat, der das AKW beschieße oder sich dort verschanze, werde zum Ziel ukrainischer Geheimagenten und der Armee, so Selenskyj.

Moskau und Kiew machen sich seit Tagen gegenseitig für die Angriffe in der Nähe des mit sechs Reaktoren und einer Nettoleistung von 5700 Megawatt größten Atomkraftwerks Europas verantwortlich. Seit Anfang März ist die Anlage von der russischen Armee besetzt. Die Führung in Moskau und die Besatzungsbehörden in Saporischschja lehnen Forderungen ab, das AKW wieder unter ukrainische Kontrolle zu geben.

Nach den ersten Angriffen am 5. August musste ein Reaktor heruntergefahren werden. Bei Angriffen am vergangenen Donnerstag wurden eine Pumpstation und Strahlungssensoren beschädigt. Die ukrainischen Behörden und westliche Verbündete fordern eine entmilitarisierte Zone rund um das AKW und einen Abzug der russischen Truppen.

Lage im Osten weiter schwierig

Selenskyj sagte in einer Ansprache auch, dass die Lage im Osten der Ukraine weiter schwierig, aber ohne große Veränderungen sei. Besonders die Region Charkiw werde immer wieder angegriffen, die Verteidigung aber halte. Russland habe im Donbass indes "kolossale Ressourcen" an Artillerie, Personal und Ausrüstung aufgefahren. Unabhängig überprüfen ließen sich die Angaben zunächst nicht.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Im Süden gebe es aber auch gute Nachrichten. Dort gelingt es laut Selenskyj dem ukrainischen Militär immer wieder, der russischen Armee Schläge zu versetzen. Die Autobrücke des Staudamms Nowa Kachowka im Gebiet Cherson ist nach ukrainischen Angaben infolge mehrerer Angriffe nicht mehr befahrbar. Die Brücke sei von Raketen- und Artillerieeinheiten gezielt unbrauchbar gemacht worden, teilte das ukrainische Armeekommando Süd bei Facebook mit.

Nach Einschätzung des britischen Geheimdienstes will das russische Militär seine Truppen im Süden der Ukraine verstärken. Dazu habe es sich in der vergangenen Woche wohl auf eine Umgruppierung von Einheiten fokussiert, teilte das Verteidigungsministerium in London auf Twitter mit.

Angriffe auf Donezk

Im Osten starteten die von Russland unterstützten Separatisten-Truppen weiterhin vom Norden aus Angriffe auf die Regionalhauptstadt Donezk. Hier liege der Vorort Pisky in der Nähe des Donezker Flughafens im Zentrum besonders schwerer Kämpfe.

Russland versuche zudem, die Kontrolle über die Fernstraße M04 zu erlangen und damit über den Hauptzugang nach Donezk von Westen her. Das Dorf Pisky ist seit einiger Zeit schwer umkämpft. Russland hat erst am Samstag erneut erklärt, es vollständig eingenommen zu haben, was die Ukraine umgehend dementierte.

Kiew: Letzte Flußquerungen zerstört

Demnach gelang es der ukrainischen Armee nun, mittels weitreichender Raketensysteme die letzte der drei Flussquerungen zu zerstören. Damit soll der Nachschub der russischen Armee auf dem rechten Dnipro-Ufer verhindert und eine Rückeroberung ermöglicht werden. Die Eisenbahnbrücke und die Straßenbrücke bei Cherson hatten die Ukrainer zuvor schon unbrauchbar gemacht.

Russische Truppen errichteten über den Fluss eine Fährverbindung für Zivilisten sowie Berichten zufolge auch mehrere Pontonbrücken fürs Militär. Die Verwaltung der russischen Besatzer bestätigte den Beschuss der Staudammbrücke. Zugleich warnte sie vor Schäden an der Staumauer, was zu einer Katastrophe führen könne. Die Betreiber haben nach eigenen Angaben die Leistung des angeschlossenen Wasserkraftwerks auf Notbetrieb heruntergefahren. "Wir arbeiten in einem sehr gefährlichen Modus", sagte der Vizechef des Kraftwerks, Arsenyj Selenskyj, der russischen staatlichen Nachrichtenagentur Tass zufolge.

16 Schiffe mit Nahrungsmitteln unterwegs

Als gute Nachricht bezeichnete Selenskyj auch den Transport von ukrainischem Getreide und Lebensmitteln über die Häfen im Schwarzen Meer. Inzwischen seien 16 Schiffe mit Mais, Weizen, Soja, Sonnenblumenöl und anderen Produkten ausgelaufen, um die Lage auf dem globalen Lebensmittelmarkt zu entspannen. Die Einnahmen aus dem Verkauf kämen dem Staat und den Landwirten zugute, die nun die neue Saat ausbringen könnten, sagte Selenskyj.

Agrarexporte über die ukrainischen Schwarzmeerhäfen waren wegen des Krieges monatelang blockiert. Am 22. Juli unterzeichneten die Kriegsgegner Ukraine und Russland unter UN-Vermittlung jeweils getrennt mit der Türkei ein Abkommen, um Getreideausfuhren aus der Ukraine wieder zu ermöglichen.

Über dieses Thema berichtete am 14. August 2022 die tagesschau um 09:55 Uhr und tagesschau24 um 10:00 Uhr.