Das Satellitenbild zeigt russische Truppen bei Jelnja, Russland. (Archivbild: 01.11.2021) | AFP

Grenze zu Belarus Ukraine besorgt über russische Truppen

Stand: 30.11.2021 10:23 Uhr

Im Konflikt mit Russland sorgt sich die Ukraine um massive russische Truppenbewegungen. An der Grenze zu Belarus sollen sich laut Geheimdienst rund 92.000 russische Soldaten sowie Panzer und schweres Gerät befinden.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau

Inzwischen dauert der Krieg im Donbass länger als sieben Jahre. Russische Truppenbewegungen im Grenzgebiet zur Ukraine beunruhigen viele. Grundsätzlich könne die Situation täglich eskalieren, von Seiten Russlands oder der Rebellen, die von Russland unterstützt würden, sagt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Andrea Beer ARD-Studio Moskau

Schon im Frühjahr habe es mehr russische Manöver an der Grenze gegeben, die Lage schätzt er nun ähnlich ein: "Das passiert, weil sie uns und auch den westlichen Nachrichtendiensten demonstrieren wollen, dass es eine Truppenansammlung gibt. Wir beobachten auch mehr technische Einheiten", so Wolodymyr. "Sie bringen Technik und ziehen dann Personal zurück, damit wir diese Technik auch dort sehen können. Deshalb besteht ein Risiko." 

Mindestens 92.000 Soldaten an Grenze zu Belarus

Nach Angaben von Verteidigungsministerium und Geheimdienst befinden sich rund 92.000 russische Soldaten sowie Panzer und schweres Gerät an der Grenze zu Belarus - nahe der russischen Stadt Jelnja und rund 250 Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt. 

Mykola Sunhurowskyi vom unabhängigen Razumkov-Zentrum in Kiew hält sogar bis zu 98.000 russische Soldaten für möglich. Im Grenzgebiet seien insgesamt mehr als 40 offensive Kampfgruppen stationiert, zudem Artillerie oder Luftwaffeneinheiten. Und vor Ort gebe es Verwaltung und Logistik.

Eine so große Armee schicke man nicht ohne Grund los, so Militärexperte Sunhurowskyi. "Diese Truppenbewegung ist entweder der Versuch, ausländische Nachrichtendienste in die Irre zu führen oder unter diesem Deckmantel die Kräfte an Orten zu konzentrieren, die Russland für die wichtigsten Richtungen hält", so Sunhurowskyi. Diese seien eigentlich gut bekannt: die vorübergehend eroberten Teile der Regionen Donezk und Luhansk, Mariupol, und auch die Krim, auf der eine recht große offensive Armeegruppe gebildet wurde. 

Russland weist Vorwürfe zurück

Moskau weist alle Vorwürfe zurück. Man könnte aber mögliche Provokationen nicht ausschließen - im Zusammenhang mit Informationen ukrainischer und westlicher Geheimdienste. Diese könnten sich eignen, Russland einen Angriff auf die Ukraine vorzuwerfen, so Kremlsprecher Dmitrij Peskow.

Beim russischen Präsidenten sieht der Ukrainer Mykola Sunhurowskyi politisches Kalkül. "Indem Putin die Kräfte an der Grenze zur Ukraine verstärkt, testet er, wie bereit der Westen wäre, ernsthaft darauf zu reagieren", so Sunhurowskyi. "Und andererseits erhöht er die Spannung, um dem Klub der Vermittler beizutreten. Das heißt, er will US Präsident Biden zu Zugeständnissen zwingen."

Zum Beispiel beim Grenzstreit mit Belarus, bei der umstrittenen Inbetriebnahme der Ostseepipeline Nord Stream 2, den bestehenden EU- und US-Sanktionen gegenüber Belarus und Russland oder bei den brachliegenden Verhandlungen über den Donbass. Nach den Manövern im Frühjahr habe Russland russische Technik-Einheiten von dort nicht abgezogen und einfach weiter transportiert: in die besetzten Gebiete rund um Donezk und Luhansk, so der Menschenrechtler Pawlo Lysnjanskyj im ukrainischen Staatssender Dom.  

Waffenruhe hält nicht

"Sie wollten Reservisten ausbilden und Arbeiter mobilisieren, um ihnen Waffen in die Hand zu geben und sie in den Krieg zu schicken. Aber es gelingt ihnen nicht, denn die Leute gehen nicht, sondern verlassen das Gebiet, um in anderen Ländern zu arbeiten", so Lysnjanskyj. "Sie sehen, dass es weniger Ressourcen gibt und bringen absichtlich russische Militärs dorthin, damit sie zur Stunde X die Ukraine überfallen und kämpfen. Ich will die Spannung nicht erhöhen, aber all dies sehen wir dort, diese Prozesse sehen wir dort."

Seit Mitte vergangenen Jahres gilt im Donbass zwar offiziell eine Waffenruhe, doch diese verdient den Namen nicht. Seit rund einem Monat gibt es dort jedoch deutlich mehr Schusswechsel sowie Tote und Verletzte als zuvor. Auch die OSZE-Mission in der Ukraine zählte mehr Verletzungen der Waffenruhe. An einem Tag Ende November waren es in den Regionen Donezk und Luhansk fast 800.

Panik herrscht nicht, aber die russischen Truppenbewegungen werden in der Ukraine sehr ernst genommen, auch von dem Militärexperten Mykola Sunhurowskyi: "Einzelne Informationen deuten darauf hin, dass Russland sich ernsthaft vorbereitet. Und wenn der Kreml es nicht schafft, die Ukraine 'friedlich' zu destabilisieren, dann entscheidet er sich für ein militärisches Szenario, nämlich eine großangelegte Offensive, was wir uns nicht wünschen. Und ich glaube, nicht nur wir."

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 30. November 2021 um 10:36 Uhr.