Zerstörungen am 30.3.2022 in Browary in der Region Kiew in der Ukraine | via REUTERS

Entgegen russischer Ankündigung Ukrainische Städte weiter unter Beschuss

Stand: 30.03.2022 13:40 Uhr

Trotz der Ankündigung Russlands, seine Kämpfe rund um Kiew zu reduzieren, gehen die Angriffe dort offenbar weiter. Im Osten des Landes soll es schweren russischen Artilleriebeschuss gegeben haben.

In der Nacht hat es nach ukrainischen Angaben neue Angriffe gegeben - obwohl die russische Seite angekündigt hatte, die militärischen Aktivitäten in der Nordukraine zu reduzieren.

"Tschernihiw wurde die ganze Nacht bombardiert", teilte Gouverneur Wjatscheslaw Tschaus im Onlinedienst Telegram mit. Die Angriffe erfolgten demnach mit Artillerie und Flugzeugen. In Tschernihiw sei zivile Infrastruktur zerstört worden und die Stadt sei noch immer ohne Wasser und Strom, erklärte Tschaus.

Die russische Armee habe auch die nahe gelegene Stadt Nischyn angegriffen. Tschernihiw und die gleichnamige Region liegen nordöstlich der Hauptstadt Kiew. In der Hauptstadt selbst sollen dagegen keine Ziele getroffen worden seien, berichtet das ukrainische Militär. Es seien aber Explosionen zu hören gewesen. Die ukrainische Luftabwehr habe russische Raketen zerstört.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Russland hatte am Dienstag angekündigt, seine militärischen Aktivitäten im Norden stark zu reduzieren. In der Ukraine und auch international wurden schnell Zweifel an der Ankündigung laut. Der ukrainische Generalstab erklärte in der Nacht: "Der sogenannte 'Truppenabzug' ist wahrscheinlich eine Rotation einzelner Einheiten, die darauf abzielt, die militärische Führung der ukrainischen Streitkräfte zu täuschen". Damit solle ein falsches Bild von dem angeblich eingestellten Plan zur Einkesselung Kiews geschaffen werden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach am Dienstag von "positiven" Signalen aus Moskau. "Diese Signale übertönen aber nicht die Explosionen russischer Geschosse." Realität sei, dass die ukrainischen Städte weiter belagert und beschossen würden. Daher seien die ukrainischen Streitkräfte "die einzige Garantie für unser Überleben".

Zu einer anderen Einschätzung hinsichtlich der Gespräche am Dienstag kommt der Leiter der russischen Delegation, Wladimir Medinski: Die Verhandlungen in Istanbul seien konstruktiv gewesen und hätten Bewegung in den festgefahrenen Konflikt gebracht. Dennoch sei man nach wie vor weit von einer Einigung entfernt.

Weiter Artilleriebeschuss in Ostukraine

Auch in der Ostukraine gingen die Angriffe heute weiter. Der Gouverneur der Region Luhansk berichtet von schwerem Artilleriebeschuss von Wohngebieten in der Ortschaft Lysytschansk am Morgen. "Einige Hochhäuser wurden beschädigt", schreibt Serhij Gaidai auf Telegram. Man sei dabei, Informationen über Opfer zu bestätigen. "Viele Gebäude sind eingestürzt. Rettungskräfte versuchen, die noch Lebenden zu retten."

Neue Angriffe wurden auch aus der ostukrainischen Region Donezk gemeldet. Dort liegen dem Gouverneur zufolge fast alle Städte entlang der Demarkationslinie unter Beschuss. Die Lage könne sich noch verschärfen, so Pawlo Kyrylenko im ukrainischen Fernsehen, da die russischen Truppen sich auf Angriffe in der Region konzentrierten.

Die Demarkationslinie trennt die Gebiete unter ukrainischer Kontrolle von dem Territorium, das in der Hand von prorussischen Separatisten ist.

In der Stadt Lisitschansk habe das russische Militär Wohngebiete mit schweren Waffen beschossen, sagte der Gouverneur der Region. Einige Hochhäuser seien erheblich beschädigt worden oder eingestürzt. Rettungskräfte versuchten, Menschen aus den Trümmern zu befreien. Eine ukrainische Granate sei in ein Wohnhaus in Donezk eingeschlagen, sagte der Bürgermeister. Es habe mindestens einen Toten und mehrere Verletzte gegeben. Die Angaben sind allerdings nicht unabhängig überprüfbar.

Großbritannien: Russische Einheiten organisieren sich neu

Der Ukraine zufolge verlegt Russland derzeit Truppen vom Norden des Landes in den Osten, um dort ukrainische Truppen einzukesseln. Einige russische Soldaten blieben in der Nähe der Hauptstadt Kiew, sagte Olexij Arestowytsch, ein Berater von Präsident Selenskyj. Dies solle verhindern, dass die Ukraine ihrerseits Truppen in den Osten verlagere.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/29.03.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/29.03.2022

Der britische Militärgeheimdienst geht davon aus, dass Russland mit heftigem Artilleriebeschuss und Raketen auf Verluste in der Ukraine reagiere. Russische Einheiten, die schwere Verluste erlitten hätten, seien nach Belarus und Russland zurückgekehrt, um sich neu zu organisieren und auszurüsten, teilte das Verteidigungsministerium in London mit. "Das erhöht den Druck auf Russlands ohnehin angeschlagene Logistik und zeigt die Schwierigkeiten, die Russland bei der Neuorganisation seiner Einheiten in Kampfgebieten in der Ukraine hat."

Mit Informationen von Karin Bensch-Nadebusch

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. März 2022 um 12:00 Uhr.