Feuerwehrleute sichern ein Wohnhaus, das zuvor durch einen russischen Angriff in Charkiw, Ukraine, beschädigt wurde. | AP

Ukraine-Krieg Dutzende Tote westlich von Kiew gefunden

Stand: 10.04.2022 13:57 Uhr

Nahe Kiew ist angeblich ein weiteres Massengrab mit Zivilisten gefunden worden. Kanzler Scholz verurteilte nach einem Telefonat mit Präsident Selenskyj "abscheuliche Kriegsverbrechen". Die Kämpfe verlagern sich in den Osten.

Westlich von Kiew sind nach dem Abzug der russischen Truppen Dutzende Leichen von Zivilisten gefunden worden. "Nahe der Tankstelle von Busowa haben wir heute noch tote Zivilisten in einer Grube gefunden", sagte der Gemeindevorsteher Taras Didytsch im ukrainischen Fernsehen.

An der Straße zwischen Kiew und dem westlich gelegenen Schytomyr seien zudem etwa 15 Kilometer von Kiew entfernt weitere Leichen bei einem Dutzend beschossener Autos gefunden worden. An der Hauptverbindungsstrecke von der Hauptstadt nach Westen waren die russischen Truppen in den ersten Kriegstagen von ukrainischen Einheiten gestoppt und zurückgedrängt worden.

Nach dem Rückzug der russischen Truppen aus der Nordukraine werden in immer mehr Orten Massengräber gefunden. Die aktiven Kämpfe verlagern sich immer weiter in den Osten des Landes und nehmen an Intensität zu.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/09.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/09.04.2022

Scholz verurteilt "abscheuliche Kriegsverbrechen"

Bundeskanzler Olaf Scholz verurteilte in einem Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj "die abscheulichen Kriegsverbrechen des russischen Militärs" im Kiewer Vorort Butscha und anderswo in der Ukraine. Er habe den Menschen in der Ukraine die Solidarität und volle Unterstützung Deutschlands ausgesprochen, teilte die stellvertretende Regierungssprecherin Christiane Hoffmann mit.

Zusammen mit ihren internationalen Partnern werde die Bundesregierung alles daran setzen, dass die Verbrechen schonungslos aufgeklärt und die Täter identifiziert würden, um sie vor nationalen und internationalen Gerichten zur Verantwortung zu ziehen.

Generalstaatsanwältin sieht zahlreiche Kriegsverbrechen

Die russische Armee habe in allen Regionen der Ukraine Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, warf die ukrainische Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa Russland vor. 5600 Fälle mutmaßlicher Kriegsverbrechen seien bereits gesammelt worden, 500 Verdächtige identifiziert. Den Kremlchef Wladimir Putin bezeichnete sie als "Hauptkriegsverbrecher des 21. Jahrhunderts".

Zu den den gesammelten Fällen gehört für Wenediktowa auch der Raketenangriff auf den Bahnhof von Kramatorsk in der Ostukraine, bei dem mehr als 50 Menschen starben. "Absolut, das ist ein Kriegsverbrechen", sagte Wenediktowa dem britischen Sender Sky News. Die Ukraine habe Beweise. Russland behauptet dagegen, es habe sich um eine ukrainische Rakete vom Typ "Totschka-U" gehandelt.

Beide Seiten melden erfolgreiche Angriffe

Das russische Verteidigungsministerium erklärte, mit schweren Raketenangriffen zahlreiche ukrainische Militärobjekte zerstört zu haben. 86 Objekte seien innerhalb eines Tages getroffen worden, sagte ein Sprecher. Im Gebiet Dnipropetrowsk seien Stab und Basis eines ukrainischen Bataillons getroffen worden, außerdem solle das Objekt als Sammelplatz für Söldner gedient haben. In der Region um Charkiw seien Stellungen der Luftverteidigung, Drohnen und Munitions- und Treibstofflager zerstört worden.

Ukrainische Streitkräfte hätten ihrerseits bei drei Angriffen auf russische Truppen gestern unter anderem 80 Soldaten getötet sowie drei Panzer und je ein Flugzeug und einen Hubschrauber zerstört. All diese Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Kämpfe im Osten

Die ukrainischen Behörden meldeten, um Charkiw seien Siedlungen beschossen worden, mindestens zwei Menschen seien dabei getötet worden. Viele Häuser seien zerstört.

In der Region Donezk sind nach ukrainischen Angaben bei russischen Angriffen mindestens fünf Zivilisten getötet und fünf weitere verletzt worden.

Der Gouverneur der Nachbarregion Luhansk, Serhij Hajdaj, hat den russischen Truppen einen wahllosen Beschuss mit allen vorhandenen Waffen vorgeworfen. "Schwere Artillerie, darunter 152 Millimeter. Mörser aller Kaliber, Mehrfachraketenwerfer, Raketen, Luftwaffe. Das ist einfach Horror", sagte er in einem Interview der Onlinezeitung Ukrajinska Prawda. Auch diese Angaben sind derzeit unabhängig kaum zu überprüfen.

Dabei seien alle Krankenhäuser in dem Gebiet beschossen worden. Derzeit seien nur noch die Einrichtungen von Lyssytschansk und Sewerodonezk in Betrieb. "Sogar mit durchgeschlagenen Dächern, sogar mit Löchern in den Wänden, arbeiten sie weiter", sagte er.

Weitere Evakuierungen geplant

Dem Präsidialamt in Kiew zufolge konnten gestern mehr als 4500 Zivilisten aus den Regionen Donezk, Luhansk und Saporischschja flüchten. Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk warf Russland vor, trotz einer Vereinbarung Busse für Flüchtende auf bestimmten Routen nicht passieren zu lassen. "Die Busse sind nach Saporischschja zurückgekehrt und werden am Sonntag erneut versuchen, die Städte zu erreichen, um unsere Bürger zu evakuieren", sagte Wereschtschuk.

Russland und die Ukraine werfen sich gegenseitig vor, die Evakuierung von Ortschaften zu sabotieren.

Fokus der Kampfhandlungen auf Osten der Ukraine

Moskau hatte zuletzt erklärt, die Kampfhandlungen auf den Osten der Ukraine zu konzentrieren. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von Vorbereitungen "für einen wichtigen - einige sagen: den entscheidenden - Kampf im Osten unseres Staates." Er bestätigte russische Truppenkonzentrationen in der Region. "Eine große Zahl an Truppen, Technik und Waffen. Bewaffnete Menschen, die noch einen weiteren Teil unseres Landes besetzen wollen", sagte Selenskyj. Das werde eine schwere Schlacht.

Auch das US-Verteidigungsministerium beobachtet nach eigenen Angaben, dass sich die russischen Streitkräfte bemühten, ihre Einheiten mit neuem Material und Soldaten wieder aufzubauen. Pentagon-Sprecher John Kirby erwähnte Berichte, wonach die Einheiten durch das Mobilisieren "Zehntausender Reservisten" verstärkt werden sollten. Nach Angaben eines führenden Vertreters des Pentagon hat Russland bereits Tausende zusätzliche Soldaten nahe der Grenze zur ukrainischen Stadt Charkiw zusammengezogen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 10. April 2022 um 09:20 Uhr.