Bahnhof von Charkiw | Bildquelle: Sabine Stöhr/WDR

Ukraine vor Präsidentenwahl Der Maidan war nicht umsonst

Stand: 30.03.2019 03:23 Uhr

Hat sich die Ukraine seit der Maidan-Revolution zum Besseren gewandelt? Auch darüber entscheiden die Menschen bei der morgigen Präsidentenwahl. Zwar sind viele frustriert - doch es gibt auch Hoffnung.

Von Martha Wilczynski und Sabine Stöhr, ARD-Studio Moskau

Im Osten der Ukraine, nur knapp 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, liegt Charkiw. Mit 1,5 Millionen Einwohnern ist es die zweitgrößte Stadt der Ukraine. Eine traditionsreiche, sehr sowjetisch-anmutende Industriemetropole, die wegen ihrer zahlreichen Hochschulen zugleich jung und modern wirkt. Schicke Restaurants, Kaffeebuden, Streetart.

Dass nur etwa 300 Kilometer entfernt, entlang der Grenze zu den prorussischen Separatistengebieten, noch immer Krieg herrscht, ist in der Stadt kaum spürbar. Und doch ist der Krieg für Kaffeebudenbesitzer Wadim das zentrale Argument, den amtierenden Präsidenten Petro Poroschenko wiederzuwählen, "weil er für die Integrität der Ukraine steht, für den Kurs in die NATO und in die EU".

Zwar habe Poroschenko viele seiner Versprechen nicht erfüllt, wie zum Beispiel die konsequente Bekämpfung der Korruption. Aber die Sicherheit des Landes gehe vor, sagt der 38-Jährige.

Natalja
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Rentnerin Natalja hat zusammen mit anderen im Bahnhof von Charkiw einen Wartesaal für Kämpfer aus dem Donbass eingerichtet.

"Ein Präsident muss das Land beschützen"

Auch Natalja ist der Meinung, dass man in solch turbulenten Zeiten nicht die Führung wechseln sollte. Sie ist Rentnerin und hat gemeinsam mit anderen Freiwilligen im Bahnhof von Charkiw einen extra Wartesaal für Kämpfer aus dem Donbass eingerichtet.

Hier können sie in Ruhe Tee trinken. Es gibt Betten. Manchmal kommt ein Seelsorger vorbei. Natalja bezeichnet sich selbst als Patriotin. Mit ihrer Arbeit unterstütze sie ihr Land, ebenso wie auch Poroschenko schon viel für das Land getan habe - und für die Armee.

Wartesaal für Reisende aus dem Donbass im Bahnhof Charkiw | Bildquelle: Sabine Stöhr/WDR
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Wartesaal für Reisende aus dem Donbass im Bahnhof Charkiw

Andrej Litowtschenko kommt gerade aus dem Donbass und wartet auf seinen Zug in die südukrainische Heimat. Seit drei Jahren kämpft er schon.

Der 43-Jährige hat sich damals freiwillig gemeldet. "Warum? Damit der Krieg nicht zu mir nach Hause kommt", sagt er, als sei es selbstverständlich. Auf die bevorstehenden Wahlen angesprochen, schüttelt er den Kopf: "Ich gehe nicht wählen. Ich vertraue keinem der Kandidaten." Dennoch glaube er, dass der Konflikt im Donbass beendet werden könne. Dies könne aber nur politisch entschieden werden, nicht auf dem Schlachtfeld.

Andrej wartet im Wartesaal auf seinen Zug Richtung Südukraine. | Bildquelle: Sabine Stöhr/WDR
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Andrej Litowtschenko wartet im Wartesaal auf seinen Zug Richtung Südukraine.

Hoffen auf neue Perspektiven

Auch Olga wünscht sich, dass der Krieg schnell zu Ende geht. Zwar lebe sie selbst in Frieden, die Menschen im Osten des Landes täten ihr aber Leid. Die 23-Jährige sagt das mit Tränen in den Augen.

Gemeinsam mit ihrer Freundin Halyna sitzt sie gut 1000 Kilometer westlich von Charkiw und nur 60 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt in Lemberg in einem Zelt und verteilt Flyer - für den TV-Star und Polit-Newcomer Wladimir Selenskij. Wofür der 41-Jährige politisch steht, wissen die beiden Frauen nicht so genau. Aber er erfüllt ihre Sehnsucht nach einem neuen Gesicht in der Politik. Ein frischer Geist, der noch nicht verdorben ist vom alten, korrupten System der Oligarchen.

Es ist ein System, das viele junge Leute frustriert. Nach dem Maidan war die Hoffnung auf Veränderungen groß, dass die korrupten Strukturen endlich durchbrochen würden. Doch Veränderungen fanden, wenn überhaupt, nur im Kleinen statt. Weil sie in der Ukraine keine Perspektive sehen, gehen gerade junge Leute wieder vermehrt ins Ausland. Über die Hälfte der 18 bis 29-Jährigen gaben bei einer Umfrage an, zumindest übers Auswandern nachzudenken. Mindestens drei Millionen Ukrainer arbeiten bereits regelmäßig oder gelegentlich im Ausland.

Verbesserungen spürbar

Aber es gibt auch diejenigen, die in den kleinen Veränderungen einen Grund sehen, weiter zu hoffen. Daran zu glauben, dass sie in ihrem Land doch etwas bewegen können. Taras Chimtschak hat während der Maidan-Proteste gemeinsam mit Freunden in der Hauptstadt Kiew ein Kulturzentrum aufgezogen.

Das Mezzanine steht auf dem Fabrikgelände einer alten Weberei. Ein Backsteingebäude, das Raum für Konzerte und Vorträge bietet. Auch wenn es noch nicht ideal ist, sei es für Kleinunternehmer nun viel leichter, etwas auf die Beine zu stellen. Sie spürten keinen Druck vom Staat mehr. Nicht ein einziges Mal hätten die Betreiber Schmiergeld zahlen müssen, um existieren zu können. Ein Erfolg, sagt Chimtschak. Und ein Beweis dafür, dass sich die ukrainische Gesellschaft seit dem Maidan doch verändert habe.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. März 2019 um 07:32 Uhr.

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