"Cherson gehört zur Ukraine" steht auf einem Banner, das ein Mann in Kiew in die Höhe hält. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Scheinreferenden in der Ukraine "Absurdes Theater"

Stand: 22.09.2022 08:57 Uhr

Nach der angekündigten Teilmobilmachung der russischen Armee sollen morgen Scheinreferenden in den besetzten Gebieten beginnen. Silke Diettrich hat mit Menschen in Selenskyjs Heimatstadt gesprochen.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi, zzt. Kiew

Schlote, Fabrikanlagen und Fördertürme: In Krywyi Rih schlägt das Herz der ukrainischen Stahlindustrie. Mitten in der Stadt liegt das größte Stahlkombinat des Landes. Rund 26.000 Menschen sind hier angestellt, auch jetzt noch, mitten im Krieg.  

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Die Menschen in der Stadt, in der auch Präsident Wolodymyr Selenskyi aufgewachsen ist, geben sich genauso hart wie ihr Image. Bis hierhin könnten die russischen Truppen niemals vorstoßen.

"Sie werden einfach nicht hingehen"

Und in der Region Cherson, mehr als 150 Kilometer weiter südlich der Stadt, wo nun ein Referendum stattfinden soll, würden die Herzen auch mit voller Kraft für die Ukraine schlagen, sagt Iryna, die gerade mit ihrer Schwester auf dem Weg zum Supermarkt ist.

Sie glaubt, dass das "Referendum" zum Scheitern verurteilt ist und sagt: "Keiner in Cherson zum Beispiel wird so ein Referendum von Putin unterstützen, sie werden einfach gar nicht hingehen. Es sei denn, sie werden dazu gezwungen. Aber so wie in den selbsternannten Teilrepubliken im Osten, wird er das im Süden nicht schaffen."

Mehr als 70.000 Menschen aus Cherson sind in den vergangenen Wochen und Monaten in die Stadt des Stahls geflohen. Dabei schlagen auch in Krywyi Rih immer wieder Raketen ein. Vor wenigen Tagen noch auf den Staudamm, mehr als 100 Häuser wurden durch die Fluten beschädigt, die dadurch ausgelöst worden waren. Auch davon würde er sich nicht einschüchtern lassen, sagt Ilja.

"Ein schmutziges Spiel"

Ein junger Arzt, der seit Beginn des Angriffskrieges auch verwundete Soldaten behandelt und Spenden sammelt, um neues Verbandsmaterial für die Armee zu besorgen. Das sei doch alles kriminell", sagt er.

Ich habe so viele Freunde aus Cherson, mein Vater ist aus Donezk. Keiner von denen war je dafür, zu Russland zu gehören. Das ist ein schmutziges Spiel von Putin. Er tut so, als würden die Ukrainer dort auf die Russen warten und sich über sie freuen. Wir wissen alle, dass das nicht stimmt.

Furcht vor weiteren Soldaten

Auch die Renterin Ludmila sagt, man könne den Russen nicht trauen. Dennoch hat sie Angst, dass Putin seine Drohung wahr macht und noch mehr Soldaten in die Ukraine schicken wird. Sie sagt: "Ich glaube auch, dass das keine glaubhafte Abstimmung sein wird. Was hier gerade passiert, dieser ganze Krieg. Das ist gruselig, einfach nur schrecklich."

Dann erschallt, wie so oft am Tag, der Luftalarm durch die Straßen von Krywyi Rih. Einige Menschen verstecken sich in den Schächten der U-Bahn oder in Kellern.

Alina ist mit ihren Kolleginnen unterhalb der Universität abgetaucht, immer wieder klingelt ihr Handy. Aber sie ist extrem wütend auf Russland und das will sie nun loswerden: "Es ist schizophren, was soll das mit diesen Referenden? Das ist unser Land! Egal wie viele Referenden die organisieren, das ist absurdes Theater."

Und dann wendet sie sich direkt an die russische Regierung und deren Gefolgsleuten: "Wenn ihr ein Referendum abhalten wollt, dann macht es! Wir werden euch dennoch töten und zwar auf unserem Land!"

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. September 2022 um 08:25 Uhr.