Der ukrainische Präsidentschaftskandidat Wladimir Selenskij bei der Stimmabgabe in Kiew. | Bildquelle: REUTERS

Präsidentschaftswahl in der Ukraine Die besten Chancen hat ein Komiker

Stand: 31.03.2019 03:07 Uhr

Eine solche Wahl wie heute gab es in der Ukraine noch nicht: Wahlzettel von 80 Zentimetern Länge, darauf die Namen von 39 Kandidaten. In den Umfragen vorn liegt ausgerechnet ein Komiker.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

Wladimir Selenskij, der Überraschungskandidat dieser Wahl, setzt den Schlussakkord im turbulenten Wahlkampf. Mit seiner Comedy-Show steht er auf der großen Bühne in einem Einkaufszentrum vor den Toren Kiews.

Mit Wonne macht er sich über seine Kontrahenten lustig, singt bissige Lieder über Korruption und Vetternwirtschaft in Politik und Wirtschaft. Und immer schwingt - wie auch in der Fernsehserie, in der er vom Dorfschullehrer überraschend zum Präsidenten wird - die Botschaft mit: Mit mir als Präsident wäre alles anders.

Ein Komiker als Hoffnungsträger?

Aber wäre es das wirklich? Kann ein Schauspieler ohne politische Erfahrung ein Land, in dem Krieg herrscht und das wirtschaftlich angeschlagen ist, erfolgreich regieren? Ohne richtiges Programm, ohne erfahrene Berater an seiner Seite?

Viele seiner Anhänger zucken die Schultern. Es scheint für sie keine Rolle zu spielen. Und das hat vor allem einen Grund: Sie hätten gern ein neues Gesicht, sagt der Politologe Wladimir Fessenko. Einen Hoffnungsträger, der nicht zum System, zu den sattsam bekannten Polit-Eliten gehöre, denen man zutiefst misstraue.

Wladimir Selenskij | Bildquelle: dpa
galerie

Wladimir Selenskij: Schauspieler, Comedian - und bald auch Präsdident?

Ein Präsident, der Stabilität verspricht

Zu Letzteren gehört auch er: Petro Poroschenko. Der amtierende Präsident hat bis zum Schluss an seine Landsleute appelliert, bei der Wahl die Zukunft und die Stabilität der Ukraine nicht aufs Spiel zu setzen.

Poroschenko hat versucht, mit nationalistischen Tönen zu punkten. Mit dem Slogan "Armee, Sprache, Glauben" und der Botschaft, dass nur er dem russischen Präsidenten Wladimir Putin Paroli bieten kann.

In seinem Stab gibt man sich nach der gelungenen Abschlussveranstaltung im westukrainischen Lviv, bei der Poroschenko vor Tausenden Anhängern sprach, siegesgewiss.

Petro Poroschenko macht mit Anhängerinnen ein Selfie. | Bildquelle: AFP
galerie

Präsident Petro Poroschenko muss um sein Amt fürchten.

"Schwarze PR"

Wären da nicht die Schmutzkampagnen seiner Gegner, die vielen ungerechtfertigten Anschuldigungen gewesen, stünde der Präsident deutlich besser da, meint der Sprecher des Wahlstabs, Oleh Medwedew. Auf jeden Fall aber werde Poroschenko es in die Stichwahl schaffen.

Für den Politologen Wladimir Fessenko ist das nicht ausgemacht. Poroschenkos Problem sei sein Negativ-Rating. Zwischen 40 und 50 Prozent der Wähler wollen dem einstigen Hoffnungsträger unter keinen Umständen ihre Stimme geben.

Sie sind enttäuscht, dass viele Reformen auf der Strecke geblieben sind. Das gilt nicht nur für den Kampf gegen Korruption, sondern auch mit Blick auf die Lebensbedingungen, die Chancen und Perspektiven im eigenen Land.

Screenshot mit Umfrageergebnissen zur Wahl in der Ukraine
galerie

Poroschenkos Wahlstab zeigt eine Umfrage, nach der der amtierende Präsident klar vor Timoschenko liegt.

Die soziale Frage

Es ist diese soziale Frage, die Julia Timoschenko bis zuletzt immer wieder aufgeworfen hat - auch bei ihrer großen Abschlusskundgebung im Herzen von Kiew. Noch einmal versprach sie ihren Anhängern, als Präsidentin für niedrige Gaspreise, höhere Renten und Löhne zu sorgen. Was sie dagegen kaum thematisierte, sind ihre detaillierten Ideen, wie sie das politische System umbauen will.

Kritiker werfen ihr Populismus vor. Politische Beobachter halten ihre Wahlkampftaktik dagegen für nachvollziehbar. Denn auch wenn die Zeiten hochpolitisch seien, auf Themen wie Gaspreise reagierten die Menschen nun mal eher und stärker als auf Verfassungs- und Kursänderungen.

Julia Timoschenko, ukrainische Präsidentschaftskandidatin | Bildquelle: dpa
galerie

Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko stellt sich zum dritten Mal zur Wahl.

Stichwahl wahrscheinlich

Rund 30 Millionen Wahlberechtigte können heute zwischen 8 und 20 Uhr ihre Stimme abgeben. Dass es am Ende einen eindeutigen Sieger geben wird, gilt als nahezu ausgeschlossen.

Offen ist auch, wer es in die Stichwahl schaffen wird. Umfragen sahen bis zuletzt Wladimir Selenskij vorn, während Timoschenko und Poroschenko sich ein erbittertes Rennen um den zweiten Platz liefern.

Es sei ein wichtiger Legitimitätstest in Sachen Demokratie mit großer Verantwortung auf beiden Seiten, so formulieren es ukrainische Printmedien: auf der der Wähler und auf der der Kandidaten, die vielleicht am Ende des Tages mit ihrem Ergebnis nicht zufrieden sind.

Wahl in der Ukraine hat begonnen
Christina Nagel, ARD Moskau
31.03.2019 14:00 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. März 2019 um 05:14 Uhr.

Darstellung: