Der zentrale Platz von Charkiw nach einem Raketeneinschlag | AFP

Krieg in der Ukraine Raketeneinschlag mitten in Charkiw

Stand: 01.03.2022 10:55 Uhr

Am Morgen hat eine große Explosion Charkiw erschüttert. Offenbar traf ein Geschoss ein Verwaltungsgebäude im Zentrum. Zudem steht vor der Hauptstadt Kiew laut Satellitenbildern ein kilometerlanger Konvoi aus russischen Militärfahrzeugen.

In der ostukrainischen Metropole Charkiw hat es nach Angaben aus Kiew erneut schwere russische Angriffe gegeben. Das Außenministerium veröffentlichte bei Twitter ein Video, das einen Raketeneinschlag direkt auf dem zentralen Freiheitsplatz zeigt. Zu sehen ist eine gewaltige Explosion vor dem Verwaltungsgebäude, nachdem dort kurz vor dem Einschlag noch Autos vorbeifuhren. Über Opfer ist noch nichts bekannt.

Die russischen Truppen hatten auch in der Nacht zum Dienstag den Vormarsch auf die zweitgrößte Stadt des Landes fortgesetzt. Bereits am Montag gab es dort bei Angriffen laut ukrainischen Angaben elf Tote und Dutzende Verletzte. 87 Wohnhäuser seien zerstört worden.

Das Ministerium warf nach dem Raketenschlag Russland vor, internationales Recht zu brechen, Zivilisten zu töten und zivile Infrastruktur zu zerstören. Das streitet Russland vehement ab. Ziel sei die Militärinfrastruktur. Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu warf der Ukraine laut der Agentur Interfax seinerseits vor, Zivilisten als Schutzschilder zu benutzen. Er bekräftigte, Russland sei entschlossen, die "Spezialoperation" fortzusetzen, bis das gewünschte Ziel erreicht sei. Seinen Angaben nach, "okkupiert die russische Seite kein ukrainisches Territorium und unternimmt alles für die Sicherheit der Zivilbevölkerung".

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Militärkolonne vor Kiew

Unterdessen wächst die Befürchtung, dass die russischen Angriffe auf die Hauptstadt Kiew vor einer neuen Eskalation stehen. Am Montag aufgenommene Satellitenbilder zeigten einen 60 Kilometer langen russischen Militärkonvoi nordwestlich der Hauptstadt.

Ein Satellitenbild des US-Anbieter Maxar zeigt offenbar eine Kolonne aus russischen Fahrzeugen auf dem Weg nach Kiew | dpa

Ein Satellitenbild des US-Firma Maxar Bild: dpa

Der Konvoi erstrecke sich "von der Umgebung des Antonow-Flughafens (etwa 25 Kilometer vom Zentrum Kiews entfernt) im Süden bis zur Umgebung von Prybirsk" im Norden, teilte das US-Satellitenbildunternehmen Maxar mit. Die Bilder zeigen Dutzende Fahrzeuge, die auf Straßen in der ukrainischen Landschaft hintereinander aufgereiht sind.

Einige der Fahrzeuge stünden "sehr weit voneinander entfernt", teilte Maxar weiter mit. Andere seien "zu zweit und dritt" gruppiert. Auf einigen Bildern sei der Rauch von mutmaßlich brennenden Gebäuden zu erkennen.

Das US-Unternehmen veröffentlichte zudem Bilder, die neue Truppenverlegungen von Kampfhubschraubern und Fahrzeugen in Belarus, weniger als 30 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, zeigen sollen. Außerdem verlegte Russland einem Bericht der Nachrichtenagentur Interfax zufolge Truppen aus dem äußeren Osten Russlands näher an Europa heran.

In Kiew waren am Abend nach Augenzeugenberichten laute Explosionen zu hören. Am Morgan gab es erneut Luftalarm.

Generalstab warnt vor Offensive

Seit Beginn der russischen Offensive am Donnerstag haben die ukrainischen Streitkräfte eigenen Angaben zufolge mehrere Angriffe der russischen Streitkräfte auf Kiew abgewehrt. Größere Kämpfe gab es um den Antonow-Flughafen. Westlichen Militärs zufolge hat der Widerstand der Ukrainer den russischen Angriffskrieg "verlangsamt".

Der britische Geheimdienst sprach von logistischen Problemen als Grund für das stockende Vorankommen der russischen Kräfte in den vergangenen 24 Stunden. In der aktuellen Lage-Einschätzung heißt es aber auch von britischer Seite, dass das russische Militär den Einsatz von Artillerie im Norden der ukrainischen Hauptstadt und um Charkiw sowie Tschernihiw verstärkt habe. "Schwere Artillerie in stark bewohnten Gebieten erhöht die Gefahr von Opfern unter den Zivilisten."

Die Karte zeigt die Ukraine mit dem Separatistengebiet in Luhansk und Donezk sowie Teile Russlands und Belarus'.

Unklare Angaben zu Opfern

Nach Angaben des Regionsverwalters wurden auf einem Militärstützpunkt in Ochtyrka, zwischen Charkiw und Kiew, mehr als 70 ukrainische Soldaten durch russisches Geschützfeuer getötet. Auf Telegram verbreitete Dmytro Schywyzkyj Bilder eines ausgebrannte vierstöckigen Gebäudes, in dem Retter im Einsatz waren. Später schrieb er auf Facebook, bei Kämpfen am Sonntag seien viele russische Soldaten und Einwohner getötet worden. Auch für diese Angaben gibt es keine unabhängige Bestätigung.

Die Vereinten Nationen sprachen am Montag von 102 getöteten und 304 verletzten Zivilisten, doch die tatsächlichen Zahlen seien "erheblich" höher. Die ukrainische Regierung berichtete indessen von 352 getöteten Zivilisten und 2040 Verletzten seit Beginn der russischen Invasion erklärte, dass Tausende russische Soldaten ums Leben gekommen seien. Die russische Regierung legte keine Zahlen vor.

Mariupol unter Beschuss

Nach Angaben des Bürgermeisters steht die südostukrainische Hafenstadt Mariupol unter ständigem Beschuss. "Es gibt viele Verletzte. Es wurden Frauen und Kinder getötet", sagte Wadym Boitschenko im ukrainischen Fernsehen. Wohngebiete würden seit fünf Tagen angegriffen. Russland greife mit Artillerie und aus der Luft an. Eine unabhängige Prüfung gibt es auch bei diesen Angaben bislang nicht.

Russische Separatisten riefen die Einwohner unterdessen zum Verlassen von Mariupol auf. Sie wollen hierfür nach eigenen Angaben zwei "humanitäre Korridore" errichten. Die Menschen könnten bis Mittwoch die umkämpfte Stadt verlassen, sagte der Sprecher der Aufständischen im Gebiet Donezk, Eduard Bassurin, der Agentur Interfax zufolge. "Wir garantieren die Sicherheit auf Abschnitten der Fernstraße E58 sowohl in Richtung der Region Saporischschja als auch in Richtung des Territoriums der Russischen Föderation." Russische Truppen sollten dabei helfen. Der Anführer der Separatisten in Donezk, Denis Puschilin, sagte nach Angaben der Agentur RIA, dass die Stadt im Laufe des Tages eingekesselt werden soll.

In vielen Orten und Städten spitzt sich offenbar die humanitäre Lage zu. Auf Bildern waren am Montag lange Schlangen vor Lebensmittelgeschäften etwa in Kiew zu sehen. Präsident Wolodymyr Selenskij kündigte am Abend an, an der Wiederherstellung der unterbrochenen Versorgungsketten zu arbeiten.

Die ukrainische Luftwaffe meldet, sie habe mehrere russische Kampfflugzeuge und einen Hubschrauber abgeschossen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin im Ersten am 01. März 2022 um 07:10 Uhr.