Sergej Lawrow | dpa

Scharfe Kritik aus Israel Lawrow empört erneut mit Nazi-Vergleich

Stand: 02.05.2022 17:15 Uhr

Um den Krieg in der Ukraine zu rechtfertigen, hat Russlands Außenminister Lawrow erneut Vergleiche zum Nationalsozialismus gezogen. Israels Regierung reagierte empört. Die Bundesregierung nannte Lawrows Äußerung "absurd".

Mit einem Nazi-Vergleich in Bezug auf den Ukraine-Krieg hat Russlands Außenminister Sergej Lawrow in Israel für Empörung gesorgt. Die Regierung in Jerusalem verlangte eine Entschuldigung und bestellte den russischen Botschafter zum Gespräch ein.

Lawrow hatte am Sonntagabend im italienischen Fernsehsender Rete4 die russische Kriegsbegründung wiederholt, in der Ukraine seien Nazis am Werk. Als Gegenargument werde gesagt: "Wie kann es eine Nazifizierung geben, wenn er (Anm. der Red.: der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj) Jude ist? Ich kann mich irren. Aber Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut. Das heißt überhaupt nichts. Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind."

"Seine Äußerungen sind unwahr"

Israels Ministerpräsident Naftali Bennett verurteilte Lawrows Äußerungen scharf. "Seine Äußerungen sind unwahr, und sie dienen einem falschen Zweck", sagte Bennett nach Angaben seines Büros. "Es ist das Ziel solcher Lügen, den Juden selbst die Schuld an den schlimmsten Verbrechen der Geschichte zu geben, die gegen sie verübt wurden."

Noch deutlicher wurde Israels Außenminister Jair Lapid. Er sprach von einer "unverzeihlichen, skandalösen Äußerung, einem schrecklichen historischen Fehler". "Wir erwarten eine Entschuldigung." Lapid fügte hinzu: "Meinen Großvater haben nicht Juden umgebracht, sondern Nazis."

Lapid empfahl Lawrow, in ein Geschichtsbuch zu schauen. "Die Ukrainer sind keine Nazis. Nur die Nazis waren Nazis. Nur sie haben die systematische Vernichtung der Juden vorgenommen."

"Völlige Verzerrung der Geschichte"

Der Leiter der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Dani Dajan, nannte Lawrows Äußerungen "absurd, wahnhaft, gefährlich und verachtenswert". In einer Erklärung hieß es: "Lawrow propagiert die Umkehrung des Holocausts - er macht die Opfer zu Verbrechern, indem er die völlig unbegründete Behauptung aufstellt, Hitler sei jüdischer Abstammung gewesen".

Ebenso schwerwiegend sei die Bezeichnung der Ukrainer im Allgemeinen und des Präsidenten Selenskyj im Besonderen als Nazis. "Dies ist unter anderem eine völlige Verzerrung der Geschichte und ein Affront gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus", hieß es in der Mitteilung weiter.

Israel unterstützt die Ukraine im Kampf gegen die russischen Truppen unter anderem mit Helmen und kugelsicheren Westen, hat nach offiziellen Angaben in jüngster Zeit aber keine Waffen in das Land geliefert. Traditionell pflegt das Land sowohl zur Ukraine als auch zu Russland gute Beziehungen. Nach Beginn der russischen Invasion am 24. Februar hatte sich Regierungschef Naftali Bennett um eine Vermittlung zwischen Kiew und Moskau bemüht.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba nannte Lawrows Aussagen "eine Beleidigung für Präsident Wolodymyr Selenskyj, die Ukraine, Israel und das jüdische Volk". Seine Worte zeigten, "dass das heutige Russland voller Hass auf andere Völker ist", twitterte Kuleba. Lawrow habe "den tiefverwurzelten Antisemitismus der russischen Eliten" nicht verbergen können, so der ukrainische Politiker.

Empörte Reaktionen aus Deutschland

Ein Sprecher der Bundesregierung bezeichnete Lawrows Äußerungen als "absurd". Innenministerin Nancy Faeser nannte sie "unerträglich" - sie zeigten, "dass die russische Kriegspropaganda vor nichts Halt macht", sagte Faeser den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Wir stellen uns der russischen Kriegspropaganda, den infamen Lügen und den Versuchen, die Geschichte zu verdrehen, mit aller Macht entgegen", sagte die SPD-Politikerin.

Auch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, verurteilte die Äußerung scharf. "Lawrow verdreht zynisch Opfer und Täter der Geschichte und der Gegenwart", sagte er ebenfalls der Funke Mediengruppe. "Diese Verkehrung wird besonders deutlich angesichts dessen, dass zu den unzähligen Leidtragenden des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine auch jüdische Familien und Holocaust-Überlebende zählen."

Nazi-Erzählungen sind Teil russischer Propaganda

Der Nationalsozialismus spielt in der Kriegspropaganda Russlands im Zusammenhang mit den Kämpfen in der Ukraine eine wichtige Rolle. In seinem Bemühen, den Krieg gegenüber den russischen Bürgern zu legitimieren, stellte Präsident Wladimir Putin den Kampf in der Ukraine wiederholt als einen Kampf gegen die Nazis dar, obwohl das Land eine demokratisch gewählte Regierung und einen jüdischen Präsidenten hat, dessen Verwandten im Holocaust getötet wurden.

Der Zweite Weltkrieg, in dem die Sowjetunion schätzungsweise 27 Millionen Menschen verlor und dabei half, Nazideutschland zu besiegen, ist ein Dreh- und Angelpunkt der nationalen Identität Russlands. Der wiederholte Rückgriff auf die historische Erzählung, die Russland als Retter gegen böse Mächte darstellt, brachte dem Kreml in der Vergangenheit die Zustimmung zum Krieg bei vielen russischen Bürgern ein.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. Mai 2022 um 11:30 Uhr.