Ein Schild steht an Ungarns Grenzübergang Beregsurány. | BR/Wolfgang Vichtl

Rumänien und Ungarn Flucht über die Grenze

Stand: 25.02.2022 22:03 Uhr

Mehr als 10.000 Menschen aus der Ukraine sind in der Nacht in Rumänien angekommen, Hunderte in Ungarn. Freiwillige versorgen sie mit Tee und Sandwiches. Es braucht auch Unterstützung aus anderen EU-Ländern.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Es ist Freitagmorgen, kurz nach zwei Uhr hat es Kateryna Yushkevych geschafft: Die junge Ukrainerin steht hinter dem Grenzübergang Siret auf rumänischer Seite. Mit ihrem Auto sei sie von ihrem Heimatdorf an der belarussischen Grenze durchgefahren.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

"Wir hatten schon vor einer Woche angefangen, darüber nachzudenken", erzählt sie. Doch als sie am Donnerstagmorgen um 5 Uhr von "etwas wirklich Üblem" aufgewacht sei, "bekamen wir Angst".

Die Fahrt sei schlimm gewesen, vor allem als sie am nächtlichen Himmel Geschosssalven gesehen habe und im Radio ständig dazu geraten worden sei, zuhause zu bleiben und sich dort in Sicherheit zu bringen. "Das fühlte sich nicht gut an."

Kateryna Yushkevych | BR/Video Standbild

Kateryna Yushkevych; Die junge Ukrainerin ist mit ihrem Auto von ihrem Heimatdorf an der Belarussischen Grenze bis zum Grenzübergang Siret durchgefahren. Bild: BR/Video Standbild

Freiwillige Helfer sind da

Mit Bussen, Autos und auch zu Fuß überqueren die Menschen den Grenzübergang Siret. Freiwillige Helfer sind da. Sie verteilen Wasserflaschen, Kekse, Brot, heißen Tee.

Unter ihnen ist ein junger Pfarrer, Mihai Marici. Die meisten Flüchtlinge könnten kein Rumänisch und "wir müssen erst einmal eine Unterkunft für sie finden". Draußen sind es minus 2 Grad. Seit Mitternacht würden die Männer zwischen 18 und 60 Jahren auf ukrainischer Seite aufgehalten.

Menschen kommen nachts am Grenzübergang Siret an. | BR/Video Standbild

Ankommende am Grenzübergang Siret auf rumänischer Seite am Freitagmorgen um 2 Uhr. Bild: BR/Video Standbild

600 Pakete mit Sandwiches

Von staatlicher Unterstützung könne er bislang nichts erkennen, sagt Marici. Das seien alles Freiwillige aus der Grenzregion. Einen jungen Mann habe er in besonderer Erinnerung: Der habe 600 Pakete mit Sandwiches gemacht, nachdem er im Netz gesehen habe, was los sei.

"Er packte die Sandwiches ins Auto und brachte sie hierher." Eben sei der Mann gerade mit der letzten Kiste hier gewesen und habe sie verteilt. "Ich war angenehm überrascht, dass die Menschen so viel Mitgefühl für das Leid anderer haben."

10.000 Menschen aus der Ukraine eingereist

Ein anderer Helfer zückt sein Handy: "Hier, diese Frau hat schrecklich geweint. Denn ihr Mann und ihre Kinder wurden an der Grenze angehalten, weil sie über 18 Jahre alt waren. Wahrscheinlich haben sie sie deshalb dort gestoppt. Und sie weinte, weil sie sie hier lassen musste, sie weinte so laut. Und hier war ein kleines Mädchen, sie sprach Ukrainisch und sagte: 'Ich will keinen Krieg!'"

Bis zu den Mittagsstunden sind nach Angaben rumänischer Behörden über 10.000 Menschen über die sechs Grenzübergänge aus der Ukraine eingereist. Darunter auch 200 Flüchtende, die mit Lastkähnen über die Donau ganz im Süden in Isaccea bei Tulcea übergesetzt hätten. 3600 Flüchtlinge seien weiter in Richtung Ungarn und Bulgarien gereist, 7000 Menschen seien derzeit im Land.

Um die Einreise zu erleichtern, hob die Regierung die Corona-Quarantäne-Regeln auf. Rumäniens Verteidigungsminister Vasile Dincu kündigte an, in "sechs bis sieben Landkreisen" entlang der über 600 Kilometer langen Grenze zur Ukraine "Ankunftszentren" für Flüchtlinge einzurichten. Falls nötig, "werden wir auch die Unterstützung von einigen EU-Ländern bekommen".

Männer dürfen nicht durch

Freitagmittag am Ungarns Grenzübergang Beregsurány: Mit Kinderwagen, Trolleys, Rucksäcken auf den Schultern kommen einige Dutzend Menschen an. Es sind überwiegend Frauen, Kinder, Großeltern mit ihren Enkeln. Ganz offenkundig dürfen Männer zwischen 18 und 60 Jahren, die nach Ausrufung des Kriegszustands in der Ukraine das Land nicht verlassen dürften, nicht durch.

Tränen sind bei manchen Flüchtlingen zu sehen, weil die Väter in der Ukraine zurückbleiben mussten. Eine junge Ukrainerin sagt, sie habe ihre Tochter gepackt und sei in der Nacht mit dem Auto losgefahren. Kontakte in Ungarn habe sie keine. Sie steht verzweifelt auf dem Parkplatz im Grenzort, ihr Mann sei noch in der Ukraine.

Großmutter, Mutter und Kleinkind sind auf ungarischem Gebiet angekommen, daneben steht ein Auto, dessen Fahrer von einem Grenzbeamten Auskunft erhält. | BR/Wolfgang Vichtl

 Freitagmittag am Ungarns Grenzübergang Beregsurány: Großmutter, Mutter und Kleinkind sind auf ungarischem Gebiet angekommen. Bild: BR/Wolfgang Vichtl

Ganz spontan aufgebrochen

Sie hätten Angst gehabt, wie schlimm die Lage sei, berichten die Flüchtlinge an diesem Mittag. Viele seien ganz spontan aufgebrochen, so etwa ein Großelternpaar, das die Enkelkinder von der Schule abgeholt habe und über die Grenze gekommen ist.

Die Eltern arbeiteten in Tschechien und seien in Sicherheit. Wie es weitergehen solle? Viele schütteln stumm den Kopf und wenden sich ab.

Unvorbereitet in die Krise geschlittert

Trotz der Ankündigung der ungarischen Regierung, man werde zur Versorgung der Flüchtlinge Soldaten an die Grenze entsenden, sind zwischen der Kreisstadt Nyíregyháza und dem Grenzübergang Beregsurány keine Armeefahrzeuge zu sehen.

Einen eigenen Eindruck von der Lage an der Grenze verschafft sich die Oppositionspolitikerin Monika Sápi von der Demokratischen Koalition. Nicht nur die Grenzgemeinde sei nicht auf die ankommenden Flüchtenden vorbereitet. Das ganze Land sei unvorbereitet in die Krise geschlittert.

Tee und Snacks für die Ankommenden

Nachdem sie ein Video vom Grenzübergang Beregsurány ins Netz gestellt habe, habe der Bürgermeister ein kleines Baumarktzelt aufstellen lassen, gleich hinter dem Grenzübergang. Jetzt gibt es dort Tee und Snacks für die Ankommenden.

Wie viele Menschen bislang innerhalb der letzten 24 Stunden aus der Ukraine nach Ungarn gekommen seien, ließe sich nicht sagen. Die Lage sei im Verteidigungsausschuss besprochen worden, das Ergebnis sei aber geheim.

Flüchtlingslager teilweise geschlossen

Ähnlich schätzt das ungarische Helsinki-Komitee ein. Ungarn sei nicht darauf vorbereitet, eine größere Anzahl von Menschen aufzunehmen und sie zu unterstützen.

Die Flüchtlingslager seien teilweise geschlossen, derzeit gebe es nur zwei: In Vámosszabadi, das rund 300 Menschen beherbergen könne, und in Nyírbátor, das allerdings mit Absperrgittern wenig anziehend sei.

Die ungarischen Wohlfahrtorganisationen, zum Beispiel die kirchlichen Organisationen, würden kleinere Empfangsstationen für Familien einrichten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 25. Februar 2022 um 22:15 Uhr.