Syrische Kinder laufen im syrischen Flüchtlingslager al-Hilal im libanesischen Bekaa-Tal durch den Schnee. | AFP

Vertriebene im Nahen Osten "Wir sind Flüchtlinge zweiter Klasse"

Stand: 02.04.2022 15:07 Uhr

Während die Welle der Solidarität und Hilfe für die Ukraine-Flüchtlinge ungebrochen ist, fühlen sich Vertriebene aus anderen Konfliktgebieten vergessen. Sie fürchten, nur noch die Reste von den Hilfsorganisationen zu bekommen.

Von Martin Durm, ARD-Studio Beirut

Draußen vor dem Zelt stehen die Schuhe, drinnen liegen Jacken auf einer Matratze. Alles ist zerschlissen, alt und mehrmals mal geflickt, sogar die Zeltplanen vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, unter dem die fünfköpfige Familie haust.

Man muss die Geschichte nicht weiter erzählen, es ist fast immer dieselbe: Die Granaten, die brennenden Häuser, die Flüchtlinge mit ihren zusammengeschnürten Habseligkeiten. In den ersten Monaten hoffen sie, bald wieder zurückkehren zu können. Aber mit den Jahren verliert sich das.

"Niemand kümmert sich mehr um uns"

"All die Kriege in Syrien, in Libyen, im Jemen im Irak, man hätte sie am Anfang noch stoppen können, aber keiner war dazu bereit", sagt Abu Khaled. Was jetzt in der Ukraine geschieht, geschah in Syrien 2011. Ein Jahrzehnt später leben allein im Libanon immer noch mehr als eineinhalb Millionen Flüchtlinge in Lagern und Notunterkünften. Wegen des großen europäischen Krieges, sagt Khaled, seien sie jetzt zu Flüchtlingen zweiter, nein, fünfter Klasse geworden.

"Niemand kümmert sich mehr um uns. Wir werden vergessen", sagt Kahled. "In den vergangenen Tagen hatten wir hier in der Bekaa Regen und Schneesturm. Das Wasser kam überall ins Zelt rein. Und draußen hat es gefroren."

Wenn er es sich aussuchen könne, meint Amr, Abu Khaleds Cousin, dann wäre er jetzt lieber Ukrainer als Syrer, die würden in Europa wenigstens gut versorgt. Sie als Syrer würden bald nur noch die Reste von den internationalen Hilfsorganisationen bekommen.

Ein Mann sitzt auf einem Teppich vor einer Wand aus Planen vom UNHCR.

"Niemand kümmert sich mehr um uns. Wir werden vergessen", sagt Abu Kahled verzweifelt.

"Europäer kümmern sich erstmal um die eigenen Leute"

Draußen ist es windig und kalt. Die Bekaa ist eine 900 Meter hohe Ebene, die Syrien vom Libanon trennt. Auf den Bergen ringsum liegt Schnee. Im Zelt von Khaled haben sich nach und nach mehrere Männer um einen Ofen versammelt; verbitterte Männer.

"Für die Europäer sind die Araber jetzt nicht mehr wichtig, für sie haben nur noch die Ukrainer Priorität" sagt einer der Männer. "Die Europäer kümmern sich erstmal um ihre eigenen Leute, danach kommen wir dran. Sie sagen sich: Gebt erstmal den ukrainischen Flüchtlingen ihre Lebensmittelpakete, was übrig bleibt, kriegen die Araber."

Keine Hinweise für Bevorteilung der Ukraine

Es gibt bislang keinen konkreten Hinweis darauf, dass die internationalen Flüchtlingshilfswerke mit zweierlei Maß messen würden. Allerdings wurde im Nahen Osten empört zur Kenntnis genommen, dass bei Kriegsausbruch Hunderte Flüchtlinge aus arabischen und afrikanischen Ländern im polnisch-ukrainischen Niemandsland hängen blieben.

Der Vorwurf "Alles für die Ukraine, nichts mehr für Syrien" hält sich hartnäckig in der arabischen Welt. Selbst der Präsident der großen libanesischen Hilfsorganisation Amel, Kamel Mohanna, ist alarmiert: "Wir hatten kürzlich ein Treffen mit dem Sozialminister. Er teilte uns mit, dass die internationalen Hilfsorganisation wahrscheinlich aus dem Libanon abziehen würden, um in die Ukraine zu gehen. Das wäre zutiefst diskriminierend", so Mohanna. "Im Westen sagt man sich offenbar: Die Ukrainer sind wie wir. Sie haben blaue Augen, das sind keine Syrer oder Iraker."

Syrien befürchtet weniger Hilfsgelder

Vor einem Jahr kamen bei der internationalen Geberkonferenz für Syrien 5,3 Milliarden Euro zusammen. Nur ein Teil des Geldes ist bislang ausgezahlt worden. "Wir haben im Libanon eineinhalb Millionen Flüchtlinge aus Syrien", sagt Mohanna. "Wir müssen jetzt befürchten, dass die dafür vorgesehenen Gelder in die Ukraine abfließen."

Für den Libanon, der sich ohnehin in der schlimmsten Wirtschaftskrise seiner Geschichte befindet, wäre das ein finanzielles Desaster. Schon jetzt leben nach Angaben der Vereinten Nationen 90 Prozent der geflüchteten Syrer in Armut. Und mit dem Krieg in der Ukraine kommen noch härtere Zeiten.

Im Zelt von Khaled hat sich die Empörung etwas gelegt. Die Männer sitzen auf der Matratze und rühren Zucker in ihren Tee. Khaled schnalzt mir der Zunge und sagt, es sei klar , dass es einen Unterschied zwischen denen dort und ihnen hier gebe. "Aber ich verstehe das. Es ist gut, dass den ukrainischen Flüchtlingen geholfen wird. Europäer helfen Europäern und es geht ja um Freiheit."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. April 2022 um 13:35 Uhr in der Sendung "Eine Welt".