Eine Polizistin sitzt überwältigt neben einer alten Frau, nachdem sie bei einer Evakuierung in Irpin nahe Kiew geholfen hat.  | AP

Ukrainische Angaben Keine Fluchtkorridore aus Sicherheitsgründen

Stand: 28.03.2022 11:54 Uhr

Die Angriffe auf ukrainische Städte lassen nicht nach. Angesichts der katastrophalen Lage in Mariupol fordert der Bürgermeister eine Evakuierung der gesamten Stadt. Die Einrichtung von Fluchtkorridoren ist aktuell aber offenbar unmöglich.

Aufgrund der Bedrohung durch russische Truppen können nach Angaben aus Kiew aktuell keine Fluchtkorridore eingerichtet werden, um Menschen aus umkämpften Städten zu bringen. Es gebe Geheimdienstinformationen über mögliche "Provokationen" auf den Routen, sagte die stellvertretende Regierungschefin Iryna Wereschtschuk. Die Ukraine und Russland werfen sich seit Wochen gegenseitig vor, die Evakuierung von Zivilisten aus besonders umkämpften Gebieten zu sabotieren.

Lage in Mariupol könnte sich weiter verschlimmern

In der besonders schwer umkämpften Stadt Mariupol hat der Bürgermeister Wadym Boitschenko unterdessen zur vollständigen Evakuierung aufgerufen. Unter anderem seien 160.000 Einwohner ohne Strom, es drohe eine humanitäre Katastrophe, sagte er. Für eine Evakuierung gebe es bereitgestellte Busse, aber Russland habe keine freie Passage zugesagt.

Ausgebrannte Autos stehen vor zerstörten Häusern in Mariupol. | REUTERS

Ausgebrannte Autos in einer zerstörten Nachbarschaft Mariupols. Die Lage dort könnte sich noch weiter verschlimmern, befürchten ukrainische Behörden. Bild: REUTERS

Die Eingeschlossenen in Mariupol kämpften weiter "ums Überleben", erklärte auch das ukrainische Außenministerium auf Twitter. "Die humanitäre Lage ist katastrophal." Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, es sei weiterhin "unmöglich, Lebensmittel und Medikamente" in die Stadt zu bringen. "Die russischen Streitkräfte bombardieren die Konvois mit humanitärer Hilfe und töten die Fahrer."

Nach der russischen Ankündigung, sich im Ukraine-Krieg künftig auf die "Befreiung des Donbass" konzentrieren zu wollen, könnte sich die Lage in Mariupol und im Osten des Landes sogar noch weiter zuspitzen, befürchtet die ukrainische Regierung. "Dies bedeutet eine potenzielle oder starke Verschlechterung rund um Mariupol", sagte Präsidentenberater Arestowytsch in einer auf Telegram veröffentlichten Videobotschaft.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/27.03.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/27.03.2022

Ukraine wirft Russland "unmenschliche Taktik" vor

Die ukrainische Führung warf dem russischen Militär eine "unmenschliche Taktik" vor. Dazu gehörten etwa die "partielle oder totale Blockade von humanitären Korridoren, Blockade der belagerten Städte", schrieb Präsident Selenskyjs Berater Mychajlo Podoljak auf Twitter. Zudem setze Russland "totale Raketenangriffe" gegen ukrainische Städte fort. Mariupol etwa werde mit Bombenteppichen eingedeckt.

Luftangriffe auch auf andere Städte

Die russische Armee bombardierte auch in der Nacht zum Montag weiter ukrainische Städte. Nach ukrainischen Medienberichten erschütterten mehrere schwere Explosionen unter anderem die Hauptstadt Kiew sowie Luzk, Riwne und Charkiw. Nahe der Großstadt Charkiw wurden laut Angaben der regionalen Staatsanwaltschaft sieben Menschen durch Artilleriebeschuss getötet, zwei davon sollen Kinder sein. In Luzk im Nordwesten der Ukraine wurde ein Treibstoffdepot getroffen. Zuvor war in allen Regionen des Landes Luftalarm ausgelöst worden.

Unterschiedliche Angaben zu Geländegewinnen

Die ukrainische Truppen haben nach eigener Darstellung erfolgreiche Gegenangriffe gegen die russischen Streitkräfte gestartet. In der Umgebung der Stadt Charkiw im Osten des Landes seien russische Truppen am Sonntag aus mehreren Ortschaften verdrängt worden, sagte der regionale Militärchef Oleg Synegubow auf Telegram. "Wir treiben die Besatzer in Richtung Grenze zurück", sagte er.

Auch nahe der Hauptstadt Kiew gab es nach ukrainischen Militärangaben Landgewinne. Die Ukrainer könnten hoffen, dass der "Feind" aus den Regionen Kiew, Tschernihiw, Sumy und Charkiw "vertrieben" werden könne, sagte der ukrainische Präsidentenberater Oleksij Arestowytsch.

Gleichzeitig erklärte der ukrainische Generalstab am Vormittag, dass russische Truppen um Kiew herum weiterhin versuchen würden, in Richtung der Stadt vorzustoßen. Im Nordwesten und im Osten wehre die ukrainische Armee Versuche russischer Soldaten ab, die Kontrolle über wichtige Straßen und Siedlungen zu übernehmen, hieß es.

Am Sonntag schien sich unter anderem die Kampflinie von der Stadt Mykolajiw im Süden der Ukraine zu entfernen, die Bombenangriffe auf die seit Wochen von der russischen Armee belagerte Stadt schienen nachzulassen. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Offenbar Raketennachschub in Belarus

Nach Erkenntnissen der ukrainischen Militäraufklärung bringt Russland unterdessen offenbar neue Raketen nach Belarus. Zur Vorbereitung neuer Raketenangriffe auf die Ukraine werden demnach russische Abschussrampen in Belarus mit neuen Projektilen versorgt. Die Raketen seien für die bei Kalinkawitschy aufgestellten Einheiten mit dem "Iskander"-Waffensystem gedacht, hieß es. Russland verlegt ukrainischen Angaben nach zudem zusätzliche Militäreinheiten an die ukrainische Grenze.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. März 2022 um 09:00 und um 12:00 Uhr.