Ein Feuerwehrmann arbeitete daran, ein Feuer bei einem Haus nach einem russischen Angriff in Charkiw zu löschen.  | dpa

Krieg gegen die Ukraine Tote nach Beschuss in Charkiw

Stand: 16.04.2022 05:00 Uhr

Die Angriffe der russischen Truppen konzentrieren sich verstärkt auf den Osten und Süden der Ukraine. Aus Charkiw wurden mindestens zehn Tote gemeldet. Im Norden wird versucht, die Infrastruktur wieder herzustellen, doch vieles ist zerstört.

Bei einem Beschuss des Industriebezirks der ostukrainischen Metropole Charkiw sind ukrainischen Angaben zufolge mindestens zehn Menschen getötet worden. Unter den Opfern sei ein sieben Monate altes Baby, teilte die Staatsanwaltschaft des Gebietes Charkiw gestern Abend auf Facebook mit.

Mindestens 35 Menschen seien verletzt worden. Mehrere Wohnhäuser des Bezirks am östlichen Stadtrand seien zudem beschädigt oder zerstört worden, hieß es weiter.

Zuvor hatten die Behörden die Bevölkerung dazu aufgerufen, nur bei absoluter Notwendigkeit auf die Straßen zu gehen. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Die Ukraine berichtete zudem über einen russischen Luftangriff auf einen Flugplatz in der Stadt Olexandrija im Gebiet Kirowohrad in der zentralen Ukraine. Die Rettungsarbeiten liefen, schrieb Bürgermeister Serhij Kusmenko auf Facebook. Über Schäden oder Opfer gab es zunächst keine Angaben.

Große Zerstörung in Sjewjerodonezk

Nach ukrainischen Angaben hat im Gebiet Luhansk die Großstadt Sjewjerodonezk großen Schaden genommen. Laut dem Chef der Militärverwaltung der Stadt, Olexandr Strjuk, ist die Stadt zu rund 70 Prozent zerstört. Die wichtigsten Straßen seien zudem erheblich beschädigt und auch die Wasserversorgung sei bis zur Durchführung von Reparaturarbeiten eingestellt, sagte Strjuk gestern im ukrainischen Einheitsfernsehen. Es mangle an einfachster Ausrüstung. In der Stadt sei kaum ein funktionierender Traktor oder unbeschädigter Wassertank zu finden.

Von den rund 130.000 Bewohnerinnen und Bewohnern vor dem Krieg seien nur mehr etwa 20.000 Menschen vor Ort, sagte er. Die Behörden arbeiteten daran, weiter Menschen aus der Stadt in Sicherheit zu bringen. Kiew erwartet in den nächsten Tagen eine Großoffensive russischer Truppen im Osten des Landes.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Selenskyj: "Wir tun alles, um unsere Leute zu retten"

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat mit Militär- und Geheimdienstchefs die Lage in der von russischen Truppen umzingelten Hafenstadt Mariupol erörtert. "Die Details können jetzt nicht öffentlich gemacht werden, aber wir tun alles, was wir können, um unsere Leute zur retten", sagte er in seiner nächtlichen Videoansprache an die Nation. Große Teile der strategisch wichtigen Stadt liegen nach wochenlangen Kämpfen in Trümmern.

In besetzten südukrainischen Gebieten um Cherson und Saporischschja terrorisierten russische Soldaten die Zivilbevölkerung, sagte Selenskyj weiter. Sie suchten nach jedem, der im Militär oder Behörden gearbeitet habe. "Die Besatzer denken, das macht es für sie leichter, das Gebiet zu kontrollieren. Aber sie täuschen sich sehr. Sie täuschen sich selbst", sagte Selenskyj. "Das Problem der Besatzer ist nicht, dass sie nicht von einigen Aktivisten, Veteranen oder Journalisten akzeptiert werden. Russlands Problem ist, dass es vom ukrainischen Volk nicht akzeptiert wird - und nie akzeptiert werden wird. Russland hat die Ukraine für immer verloren."

Gegenüber dem Sender CNN erklärte Selenskyj, dass im Krieg mit Russland bisher zwischen 2500 und 3000 ukrainische Soldaten ums Leben gekommen seien. Weitere 10.000 Soldaten seien verletzt worden. Auf der Seite Russlands sollen Selenskyj zufolge bereits 20.000 Soldaten getötet worden sein. Moskau sprach zuletzt von etwa 1350 getöteten Militärs in den eigenen Reihen.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/14.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/14.04.2022

Massive Herausforderungen beim Wiederaufbau

Selenskyj sieht sein Land in von russischen Einheiten verlassenen oder von dort vertriebenen Orten mit massiven Herausforderungen konfrontiert. Die Behörden setzten die Wiederherstellung des normalen Lebens dort fort, sagte Selenskyj in der Nacht. Der Umfang der Arbeit in den 918 Orten und Städten unterschiedlicher Größe sei "wirklich enorm". Man führe Entminungen durch, stelle die Versorgung der Orte mit Strom, Wasser und Gas wieder her. Auch die Polizei, Post und lokale Behörden nähmen ihre Arbeit wieder auf.

Zugverbindungen seien etwa in der Region Sumy im Nordosten des Landes wieder eingerichtet oder stünden etwa mit der Stadt Tschernihiw im Norden kurz vor der Wiederaufnahme. Humanitäre Stäbe habe man bisher in 338 derartigen Orten eingerichtet. Diese stellten unter anderem notfallmedizinische Versorgung bereit, sagte Selenskyj. Auch Schulen und andere Bildungseinrichtungen sollen dort, wo dies möglich sei, wieder aufgenommen werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 16. April 2022 um 09:00 Uhr.