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SWP-Expertin zum Ukraine-Krieg "Deutlich brutaler und deutlich rücksichtsloser"

Stand: 07.03.2022 00:49 Uhr

Russland habe in der Vergangenheit gezeigt, dass es bereit ist, humanitäre Katastrophen in Kauf zu nehmen, sagt SWP-Expertin Major in den tagesthemen. Ein Eingreifen der NATO in der Ukraine erwartet sie dennoch nicht.

Der Einsatz des russischen Militärs in der Ukraine könne in den kommenden Tagen deutlich gewalttätiger werden, befürchtet Claudia Major, Leiterin der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). "Wenn wir jetzt in der Ukraine sehen, wie entschieden Russland vorgeht, müssen wir uns darauf einstellen, dass es in den kommenden Tagen noch einmal deutlich brutaler und deutlich rücksichtsloser werden wird", sagte sie im Gespräch mit den tagesthemen.

Russland habe bereits in Syrien und Tschetschenien gezeigt, dass es bereit sei, ohne Rücksicht auf Zivilbevölkerung und zivile Infrastruktur vorzugehen und auch den Einsatz geächteter Waffen wie Streubomben nicht ausschließe. So würden "wissentlich humanitäre Katastrophen" in Kauf genommen, so Major.

Doch selbst wenn es zu einer solchen Eskalation kommen sollte, glaubt die SWP-Expertin nicht, dass die NATO in den Krieg in der Ukraine eingreifen werden. Das Bündnis habe "sehr klar gemacht", dass es sich als Verteidigungsbündnis sieht. "Das heißt, dass ihre größte Aufgabe ist, die eigenen Alliierten zu schützen." Das Risiko eines Weltkriegs mit Beteiligung von vier Atommächten sei zu groß. Deshalb wolle die NATO ein direktes Eingreifen "um jeden Preis vermeiden".

"Es gibt keinen Kompromiss"

Auch Russland sei nicht an direkten Konfrontationen mit dem Westen interessiert, glaubt Major. Der Kreml mache bislang einen Unterschied zwischen NATO-Territorium und Nicht-NATO-Territorium. Gleichzeitig signalisiere Russland, dass es auch die bisher schon ergriffenen Maßnahmen westlicher Staaten als Provokation empfinde. So habe das Land auf die verhängten Wirtschaftssanktionen mit der Bereitmachung seines Atomarsenals reagiert. "Russland sieht alles als Provokation an, was es als Provokation ansehen möchte", so die SWP-Expertin.

Selbst wenn das russische Militär die Ukraine besiegen sollte, erwartet Major keine schnelle Lösung des Konflikts. Die Ukraine werde nicht aufgeben, ein souveränes Land bleiben zu wollen. Der Kreml indes hat klar gemacht, dass er die Ukraine in einen "Vasallenstaat" verwandeln will. "Zwischen diesen beiden Zielen gibt es keinen Kompromiss", so Major. Dieser Konflikt sei nicht zu lösen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 06. März 2022 um 23:00 Uhr.