Trümmer nach dem Beschuss von Infrastruktureinrichtungen in Charkiw (Ukraine). | EPA

Angriffe auf Energieversorgung "Russische Ingenieure helfen Streitkräften"

Stand: 19.10.2022 12:29 Uhr

Die Vereinten Nationen befürchten eine humanitäre Katastrophe in der Ukraine, wenn im Winter die Energieinfrastuktur weitgehend zerstört sein sollte. Die gezielten Angriffe Russlands haben mehrere Gründe.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Kiew

In den Dörfern rund um die Großstadt Charkiw, im Osten der Ukraine, bereiten sich die Menschen auf einen kalten Winter vor. Viele Ortschaften sind dort bereits seit Wochen ohne Strom und Wasser und haben kein Gas mehr für die Heizung. "Es ist so kalt", klagte der kleine Artem aus Kivsharivka gegenüber einem Reporter der Nachrichtenagentur AP. Nachts schlafe er angezogen mit seinen Klamotten. "Unsere Fenster sind kaputt", sagt Großmutter, Iryna Panchenko. "Deshalb kommen wir nur zum Essen hierher. Nachts schlafen wir bei den Nachbarn. Deren Fenster sind noch heil, dort ist es etwas wärmer."

Ein anderer Nachbar, Viktor Polyanytsa, hackt hinter dem Schuppen Holz für den Ofen in der Küche. Er habe keine Angst vor der Kälte, sagt er. "Ich habe zwei Beine und zwei Arme. Ich kann raus gehen und Holz finden, damit wir es warm haben."

"Hohes Sterberisiko"

Die Vereinten Nationen befürchten eine humanitäre Katastrophe in der Ukraine, wenn im bevorstehenden Winter die Energie-Infrastruktur des Landes weitgehend zerstört sein sollte. Ohne Strom und Heizung würden viele Menschen wahrscheinlich erfrieren, sagte die Koordinatorin des UN-Programms für humanitäre Hilfe für die Ukraine, Denise Brown, am Dienstag in New York. "Wir sprechen hier von einer völligen Zerstörung, dem Verlust von Menschenleben und dem Verlust der Lebensgrundlage als direkte Folge des Krieges. Ich bin überzeugt davon, dass viele Familien, die buchstäblich nichts mehr haben, einem hohen Sterberisiko ausgesetzt sind."

Beobachter: Russen testen Widerstandswille

Landesweit sind Hunderttausende Menschen infolge der anhaltenden russischen Angriffe auf sogenannte kritische Infrastruktur von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten. Nicht nur in der Hauptstadt Kiew, sondern auch in zahlreichen anderen Regionen des Landes.

Die Stadt Schytomyr, knapp zwei Autostunden westlich von Kiew, mit etwa 250.000 Einwohnern, war am Dienstag zeitweise völlig ohne Strom und Wasser. Und in Donezk im Osten des Landes wurden zwei Heizkraftwerke beschossen.

Zahlreiche internationale Beobachter und politische Analysten gehen davon aus, dass Russland mit seinen Angriffen auf die Energieversorgung der Ukraine Psychoterror ausüben will. Angesichts des bevorstehenden kalten Winters solle so der Widerstandswille der Bevölkerung und der Streitkräfte gebrochen werden.

Kraftwerke vom ersten Tag an Ziel

Dabei haben die gezielten Angriffe auf die Energieinfrastruktur möglicherweise eine noch größere Bedeutung für den Krieg. Vom ersten Tag an seien die Kraftwerke und Einrichtungen der EnergieversorgungAngriffsziele gewesen, sagte der Chef des Energieversorgungsunternehmens Ukrenergo, Volodymyr Kudrytsky.

"Wir haben uns sehr sorgfältig darauf vorbereitet, dass der Feind unsere kritische Infrastruktur angreifen könnte. Und es begann gleich am ersten Tag der Invasion." Am 24. Februar sei das Stromnetz von Russland und Belarus getrennt worden. "Das war lange geplant, denn wir wollen das ukrainische Stromnetz an das europäische Netz anschließen. Und nur wenige Stunden später begann der Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine", berichtet Kudrytsky.

Verträge für Anbindung an europäisches Stromsystem

Die Anbindung der Ukraine an das europäische Stromsystem steht bereits seit Jahren auf der politischen Agenda - nicht nur in Kiew, sondern auch in Brüssel. Das erste Memorandum dazu wurde bereits 2005 unterzeichnet. Seitdem gab es weitere Verträge für diesen Schritt.

Noch steht die vollständige Integration der Energiemärkte vor einigen technischen Herausforderungen. Doch mit der Anbindung an Europa würde sich die Energieversorgung der Ukraine verbessern und europäische Stromanbieter würden Zugang zum ukrainischen Markt bekommen.

Nach einer Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, ist die Ukraine fast unerlässlich für das Ziel der EU, Europa bis 2050 zu einem klimaneutralen Kontinent zu machen. Der dafür notwendige Ausbau von Solar- und Windenergieanlagen könnte, den Planungen zufolge, in der Ukraine stattfinden und der klimafreundliche Strom dann in das kontinentaleuropäische Netz eingespeist werden.

Russland gegen gemeinsamen Energieverbund

Die Regierung in Moskau hatte schon seit Jahren versucht, diese Pläne zu verhindern und mit harten Konsequenzen gedroht. Kudrytsky zeigte sich tief enttäuscht von seinen früheren russischen und belarussischen Kollegen im einstigen gemeinsamen Energieverbund. Die gezielten Angriffe auf Kraftwerke und andere Anlagen würden auch mit deren Hilfe erfolgen. "Ich glaube, die russischen Ingenieure helfen den russischen Streitkräften, denn sie wissen alles über unsere Anlagen. Meiner Meinung nach sind das genauso Kriegsverbrecher wie die Militärs."

Jede Nacht und jeden Tag heulen in der Ukraine weiter die Sirenen, die vor Luftangriffen warnen. Die Verteidigung der Energieinfrastruktur hat für die Ukraine im Moment höchste Priorität.