Olga Dudar | Bildquelle: Martha Wilczynski

Corona-Krise in der Ukraine Unterricht auf allen Kanälen

Stand: 06.04.2020 10:09 Uhr

Angesichts der Corona-Pandemie startet in der Ukraine das Projekt "Allukrainische Schule online". Das Besondere: Den Fernunterricht gibt es nicht nur im Netz, sondern auch im Fernsehen - und zwar täglich.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Seit Mitte März sind die Schulen in der Ukraine geschlossen und sie werden es auch noch eine Weile bleiben. Bis zum 24. April gilt eine von der Regierung ausgerufene Corona-Notsituation. Damit verbunden sind strenge Quarantäne-Regeln. Wie es danach in dem flächenmäßig größten Land Europas weitergeht, ist ungewiss.

Für die etwa vier Millionen ukrainischen Schülerinnen und Schüler beginnt ab heute trotzdem wieder der Schulalltag - online und im Fernsehen. "An meinem ersten Drehtag war ich sehr aufgeregt. Das entspricht nicht gerade meiner Komfortzone", erzählt Olga Dudar im Skype-Interview. Die Historikerin ist eine von 40 Lehrerinnen und Lehrern aus Kiew, die das Projekt "Allukrainische Schule online" mit Inhalten und mit Leben füllen.

Dass ihr Unterricht nicht nur im Netz, sondern auch im Fernsehen ausgestrahlt wird, sei besonders wichtig, meint Dudar. Denn die Situation in der Hauptstadt Kiew sei nicht repräsentativ für die gesamte Ukraine. "Es gibt Regionen, die Probleme mit dem Internet haben. Und auch in einer Familie mit zwei Kindern kann es schwierig werden. Wenn die Eltern nun von zu Hause arbeiten müssen, kann es zum Kampf um Laptops, Smartphones usw. kommen." Der Fernsehunterricht biete da eine echte Alternative.

Elf TV-Sender beteiligt

Insgesamt elf ukrainische Fernsehsender sind an dem Projekt beteiligt. Auch solche, die als pro-russisch gelten, was von einigen Seiten bereits kritisiert wurde. Ähnlich der Struktur einer Schule, zeigt jeder Kanal den Unterricht eines Jahrgangs - von Montag bis Freitag. Immer vormittags ab 10 Uhr. Auch das soll den Schülerinnen und Schülern wieder Orientierung im Alltag geben.

Die "Allukrainische Schule online" ist eine Initiative des Parlamentsausschusses für Bildungsfragen, des Bildungsministeriums und des Präsidialbüros. Dass Präsident Wolodymyr Selenskyj in einem aufwändig produzierten Ankündigungsvideo als Schirmherr dieser Initiative auftritt, wirkt durch seine eigene Vergangenheit als TV-Star und Medienprofi geradezu selbstverständlich.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gibt eine Pressekonferenz. | Bildquelle: AP
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Medienprofi und Präsident: Wolodymyr Selenskyj

Konzipiert und aufgezeichnet wird der Fernunterricht aber von den beteiligten Lehrerinnen und Lehrern - zentral für die Jahrgangsstufen 5 bis 11 für die gesamte Ukraine. Dass es dabei nicht ausreicht, sich an eine Tafel zu stellen und gewöhnlichen Schulunterricht vor der Kamera zu machen, ist Olga Dudar früh bewusst geworden.

Bereits als die Schließung der Schulen angekündigt wurde, hatte sie auf eigene Faust einige Unterrichtsstunden für YouTube aufgezeichnet: "Dadurch konnte ich erste Erfahrungen sammeln, wie man ein Szenario entwirft und interaktive Videos aufnimmt. Denn einfach nur Geschichten über Geschichte zu erzählen, ist wenig effektiv. Verschiedene Aufgaben und der Dialog mit den Schülern, auch wenn der minimal ist, müssen immer sein."

Damit auch die Lehrerinnen und Lehrer nicht immer nur vor leeren Klassenzimmern stehen, werde zudem an neuen Formaten gearbeitet. So kämen manchmal Schauspieler oder Sportler in den Unterricht, erzählt Geschichtslehrerin Dudar: "Mit ihnen kann ich einen Dialog führen. Ich stelle Fragen, lobe sie für richtige Antworten oder erkläre, warum eine Antwort falsch war. Solche Stunden machen es für mich leichter."

Neue Situation - für alle

Doch es bleibe spürbar: Die Situation ist für alle neu. Beispielsweise gibt es noch keine konkreten Pläne, wie Prüfungen aus der Distanz abgelegt werden könnten. Ohne eine spezielle, digitale Plattform sei dies kaum möglich, erklärt Olga Dudar und äußert zugleich die Hoffnung, dass sich die Situation zumindest bis Ende Mai etwas entspanne und solche Lösungen gar nicht erst akut werden.

Aktuell verzeichnet die Ukraine 1308 offiziell registrierte Corona-Fälle. Obwohl das Land schon sehr früh, sehr strikte Maßnahmen ergriffen hat, stieg die Zahl der Neu-Infektionen. Die Sorge, dass das unterfinanzierte ukrainische Gesundheitssystem die Last einer sich im Land immer weiter ausbreitenden Epidemie nicht wird stemmen können, ist groß.

Kurz vor dem Kollaps

Vor gut einer Woche schloss die Ukraine ihre Grenzen. Seit heute gilt eine Ausgangssperre für Menschen über 60. Zudem besteht Mundschutzpflicht. Doch auch politisch - und vor allem finanziell - steht die Ukraine kurz vor dem Kollaps. "Wir sind am Scheideweg. Entweder wir bekommen finanzielle Hilfe oder uns droht die Staatspleite", erklärte Staatschef Selenskyj erst kürzlich in aller Deutlichkeit.

Dass in dieser Gemengelage ein so breit gefächerter, multimedialer Fernunterricht aufgestellt werden konnte, grenzt für Geschichtslehrerin Olga Dudar nahezu an ein Wunder: "Die Organisation der Arbeit, das Einhalten von Sicherheitsregeln - all das sind immense Herausforderungen. Für mich sind die Menschen, die all dies möglich machen, echte Profis und Helden", sagt sie.

Corona in der Ukraine: Schulstart im TV und online
Martha Wilczynski, ARD Moskau
06.04.2020 09:30 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 06. April 2020 um 04:26 Uhr auf MDR Aktuell.

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