Der türkische Ex-Ministerpräsident Binali Yildirim hält eine Rede | Bildquelle: REUTERS

"Paradise Papers" in der Türkei Retourkutsche für Recherchen

Stand: 30.07.2018 05:26 Uhr

In der Türkei führten die Spuren der "Paradise Papers" bis zu Söhnen des damaligen Ministerpräsidenten Yildirim. Vor Gericht steht aber die an den Recherchen beteiligte Journalistin Ünker.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Pelin Ünker ist eine zierliche und leise Frau, die nicht besonders angriffslustig wirkt. Doch sie und ihre Kollegen von der Tageszeitung "Cumhuriyet" ahnten, dass ihre Veröffentlichungen zu den "Paradise Papers" der türkischen Regierung nicht gefallen konnten. "Wir ahnten, dass etwas passieren würde. Aber dass sie von uns 500.000 Lira verlangen würden, damit haben wir nicht gerechnet", sagt sie.

Spuren in die Familien Erdogans und Yildirims

Als Mitglied des internationalen Konsortiums investigativer Journalisten war Ünker auf Belege gestoßen, die auch türkische Firmen belasten. Es ging um Steuerersparnisse in Milliardenhöhe mittels Firmensitz in Malta. Eine Spur führte zu Serhat Albayrak, Bruder des heutigen türkischen Finanzministers und Erdogan-Schwiegersohns Berat Albayrak. Die zweite Spur führte zu den Söhnen von Binali Yildirim - bis vor kurzem türkischer Ministerpräsident.

Es sei nicht illegal, dass Yildirims Familie Steuern spare, sagt Ünker. Doch Yildirm war stets um das Image eines Saubermanns bemüht und sagte: "Als ich in die Politik gegangen bin, habe ich meinen Kindern geraten: Macht niemals Geschäfte mit dem Staat. Kommt nicht einmal in seine Nähe."

Profilbild der türkischen Journalistin Pelin Ünker auf Twitter
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Auch via Twitter informiert Pelin Ünker über das Verfahren gegen sie.

Politiker in Erklärungsnot

Den direkten Kontakt zum Staat hätten die Yildirim-Söhne offenbar gemieden, berichtet Ünker. Sie wählten einen Umweg: "Sie besitzen viele Firmen, aber wir können nicht beweisen, was sie damit genau machen", so die Journalistin. "Immerhin haben wir herausgefunden, dass ein Unternehmen mit der Schifffahrtsfirma Oras Denizcilik zu tun hat. Das ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Denn diese Firma hat wiederum einen Vertrag mit der Regierung." Die Rede ist von einem Sieben-Millionen-Dollar-Geschäft.

Dahinter steckte Ünkers Recherchen zufolge niemand anders als Binali Yildirims ehemaliger Geschäftspartner. Als das herauskam, geriet der Politiker in Erklärungsnöte.

"Mein Volk kennt mich. Ich habe zwar die Immunität, aber meine Kinder nicht", erklärte er. "Ich lade hiermit dazu ein: Jede Ermittlung - ob finanziell oder rechtlich - kann gestartet werden. Das wünsche ich mir auch."

Schmerzensgeld von Journalisten gefordert

Ermittelt wurde - allerdings gegen Pelin Ünker, einen Kollegen und die "Cumhuriyet". Von ihnen wollen Yildirim und seine Söhne insgesamt 500.000 Lira Schmerzensgeld wegen Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte und übler Nachrede. Ohne einen Beweis vorzulegen, dass Ünkers Recherchen falsch wären.

Normalerweise dürfte sie vor Gericht nichts zu befürchten haben, sagt Ünker. Aber: “Ich kann das nicht abschätzen, denn das hier ist die Türkei." Trotzdem würde Pelin Ünker so eine Geschichte wieder veröffentlichen.

Deswegen vor Gericht zu stehen, mache ihr persönlich nichts aus. "Wir sind ja an so etwas gewöhnt. Wir arbeiten für die 'Cumhuriyet' und jeder hier erlebt solche Geschichten, wir sind also darauf eingestellt, unter einem gewissen Druck zu arbeiten. Das ist schon okay." Der nächste Verhandlungstermin in Sachen Yildirims gegen "Cumhuriyet" ist Anfang September.

Cumhuriyet-Journalistin wegen "Paradise Papers" unter Druck
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
30.07.2018 09:43 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Juli 2018 um 05:55 Uhr.

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