Blick in die Hinrichtungskammer des San Quentin Gefängnis im US-Bundesstaat Kalifornien, in der mit Injektion Urteile vollstreckt werden.  | dpa

Amnesty-Bericht Weniger Hinrichtungen - aber nicht überall

Stand: 21.04.2021 05:17 Uhr

Immer weniger Länder verhängen oder vollstrecken laut Amnesty International die Todesstrafe. Für die Organisation ist das aber kein Grund zur Entwarnung. Einige Staaten gäben weiterhin Grund zur Sorge.

Die Zahl der dokumentierten Hinrichtungen weltweit ist im vergangenen Jahr um mehr als ein Viertel gesunken. Den Jahreszahlen der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge wurde die Todesstrafe in 18 Ländern insgesamt mindestens 483 Mal vollstreckt - 26 Prozent weniger als 2019. Die Zahl der erfassten Todesurteile sank sogar um mehr als ein Drittel (36 Prozent) auf 1477 in 54 Ländern.

Damit liege die Zahl der Hinrichtungen zwar auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Statistik 2007. Sie sei aber immer noch "erschreckend" hoch, in einzelnen Ländern seien sogar noch mehr Menschen hingerichtet worden als in den Vorjahren.

Vier Länder besonders im Fokus

Insgesamt waren die vier Länder Iran (246), Ägypten (107), Irak (45) und Saudi-Arabien (27) dem Bericht zufolge für 88 Prozent aller bekannt gewordenen Hinrichtungen verantwortlich. Außerdem haben die asiatischen Länder Indien und Taiwan sowie die Golfstaaten Katar und Oman die Vollstreckung der Todesstrafe wieder aufgenommen. Die Zahlen bewegen sich zwischen einer und vier Exekutionen pro Land.

Nicht enthalten in diesen Zahlen ist allerdings China. Amnesty International geht nach eigenen Angaben davon aus, dass in der Volksrepublik jedes Jahr Tausende Todesurteile verhängt und vollstreckt werden. Offizielle Zahlen gibt es nicht.

Deutlicher Rückgang in Saudi-Arabien

Der Rückgang sei darauf zurückzuführen, dass einige Länder weniger Hinrichtungen vollstreckten. Besonders in Saudi-Arabien seien die Zahlen um rund 85 Prozent gefallen, von 184 auf 27 vollstreckte Todesstrafen. Auch im Irak habe sich die Zahl der Hinrichtungen von rund 100 auf 45 mehr als halbiert, heißt es im Bericht. Zudem seien in Ländern wie Japan, Belarus, Pakistan oder dem Sudan im Gegensatz zum Vorjahr in 2020 überhaupt keine Hinrichtungen zu verzeichnen gewesen. In einigen Ländern beobachtete Amnesty International auch eine pandemiebedingte Aussetzung von Exekutionen.

Im Jahr 2020 wurde zudem die Todesstrafe in der Republik Tschad und im US-Bundesstaat Colorado abgeschafft. Derzeit haben den Angaben zufolge 108 Länder die Todesstrafe für alle Straftaten abgeschafft, weitere 36 Länder haben sie in der Praxis außer Vollzug gesetzt.

"Eine Welt ohne Todesstrafe rückt näher", sagte Markus N. Beeko, Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland. Mittlerweile unterstützten von den 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen 123 die Forderung der UN-Generalversammlung nach einem Hinrichtungsmoratorium. Das seien mehr Länder als je zuvor. "Damit wächst der Druck auf die Länder, die weiterhin an der Todesstrafe festhalten."

Ägypten erhöht Zahl der Hinrichtungen

Es gab aber auch ein Land, in dem die Zahl der Hinrichtungen deutlich zunahm: In Ägypten wurden drei Mal so viele Menschen wie im Vorjahr hingerichtet. Mindestens 23 von ihnen seien im Zusammenhang mit politischer Gewalt zum Tode verurteilt worden - "in Gerichtsverfahren, die keineswegs internationalen Mindeststandards für faire Gerichtsverfahren genügten". Ägypten ist strategischer Partner Deutschlands und war im vergangenen Jahr zweitgrößtes Empfängerland deutscher Rüstungsgüter.

"Während rund um den Erdball in der Pandemie das Retten von Leben im Vordergrund stand, haben Länder wie Ägypten sogar die Zahl der Hinrichtungen erhöht", erklärte Beeko. "Menschen inmitten einer weltweiten Gesundheitskrise hinzurichten, unterstreicht die Absurdität der Todesstrafe." Es sei schon unter normalen Umständen sehr schwierig, juristisch gegen eine Hinrichtung anzukämpfen, erklärte Beeko. "In der Pandemie kamen massive Erschwernisse hinzu, sich mit Anwältinnen oder Anwälten zu treffen oder Gnadengesuche einzureichen."

Erstmals seit 17 Jahren wurden im vergangenen Jahr auch in den USA wieder Hinrichtungen auf Bundesebene vollzogen. Unter dem damaligen Präsidenten Donald Trump wurden diese im Juli wieder aufgenommen und in einem Zeitraum von nur sechs Monaten zehn Männer exekutiert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. April 2021 um 06:00 Uhr und 07:00 Uhr in den Nachrichten.