Ein Mann steht vor einem Graffiti in der Stadt Sidi Bouzid auf dem Platz, der nach Mohamed Bouazizi benannt ist (Archivbild vom Oktober 2020). | AFP

Tunesien vor zehn Jahren Wo der "Arabische Frühling" begann

Stand: 17.12.2020 04:53 Uhr

Vor zehn Jahren zündete sich Mohamed Bouazizi aus Frust über seine Lage selbst an - und setzte eine Rebellionsserie im arabischen Raum in Gang. Heute denken viele Tunesier, die Revolution habe ihnen nichts gebracht.

Von Stefan Schaaf, ARD-Studio Madrid

Was hat Mohamed Bouazizi wohl dazu getrieben, sich am 17.12.2010 vor dem Gouverneurspalast in Sidi Bouzid mit Benzin zu übergießen und anzuzünden? War es politischer Protest oder das Gefühl der persönlichen Demütigung, Erniedrigung?  Die Hintergründe seiner fürchterlichen Tat werden wohl nie geklärt werden. Sicher ist, dass der 26-Jährige an diesem Tag wieder einmal Probleme mit den Ordnungshütern der trostlosen Kleinstadt im Süden Tunesiens bekommen hatte - weil er ohne Lizenz auf seinem Holzkarren Obst und Gemüse anbot. Eine Polizistin beschlagnahmte kurzerhand seine Waren und die elektronische Waage, und sie soll ihn auch noch geohrfeigt haben. Für Bouazizi war das Maß des Erträglichen überschritten. Er zündete sich selbst an und starb drei Wochen später an seinen schweren Verbrennungen.

Stefan Schaaf ARD-Studio Madrid

Es war ein schreckliches Fanal. Über die sozialen Medien verbreiteten sich die Bilder von der Selbstverbrennung in Windeseile, spontane Proteste gegen Willkür und Unterdrückung folgten im ganzen Land. Nur vier Wochen später verjagten die Tunesier ihren Diktator Zine el-Abidine Ben Ali. Der Funke dieses Volksaufstands sprang auf Ägypten und andere Länder über, das optimistische Wort vom "arabischen Frühling" machte die Runde. Ägyptens Langzeit-Machthaber Husni Mubarak wurde gestürzt, Libyens Muammar al-Ghaddafi getötet. 

Zehn Jahre danach ist von der Aufbruchstimmung nicht mehr viel übriggeblieben. In Syrien führt Baschar al-Assad Krieg gegen das eigene Volk, in Ägypten regiert der autoritäre Alleinherrscher Abd al-Fattah as-Sisi mit brutaler Hand, nur zwei traurige Beispiele auf einer langen Liste. Allein Tunesien macht die positive Ausnahme: Es hat den Übergang zu einer Demokratie geschafft. Europäische Politiker loben bei Staatsbesuchen das nordafrikanische Land regelmäßig als "Leuchtturm der Hoffnung".

Fortschrittliche Verfassung seit 2014

Doch es war ein beschwerlicher Weg. Nach der Flucht des Diktators Ben Ali kehrten die Islamisten von der bis dahin verbotenen Ennahda-Partei aus Exil und Untergrund zurück, gewannen Parlamentswahlen und übernahmen die Regierung. Radikale Salafisten trieben - womöglich mit Duldung der Ennahda - in vielen Moscheen ihr Unwesen. Dann wurde das Land von mehreren Terroranschlägen auf Politiker und Urlauber erschüttert. 

Tunesien blickte in den Abgrund. Doch getrieben von einer starken Zivilgesellschaft verständigten sich islamistische und säkulare Parteien nach zähen Verhandlungen 2014 auf eine fortschrittliche Verfassung: Die Gleichheit zwischen Mann und Frau wird uneingeschränkt festgeschrieben, die Gewissenfreiheit und ein ziviler Staat garantiert - und die Scharia nicht erwähnt.

Warum glückte ein Wandel gerade in Tunesien? Zum einen ist hier das Militär nicht so mächtig wie in Ägypten, dafür spielen Zivilgesellschaft und Gewerkschaften schon seit jeher eine wichtige Rolle. Zum anderen war das Scheitern des Muslimbruders Mohammed Mursi in Ägypten den Islamisten in Nordafrika ein warnendes Beispiel.

Ein Wandgemälde mit dem Gesicht Mohamed Bouazizis an der Poststation Sidi Bouzid, der sich 2010 selbst anzündete - mit dem Ereignis begann der arabische Frühling. | REUTERS

Ein Wandgemälde mit dem Gesicht Mohamed Bouazizis an der Poststation Sidi Bouzid, der sich 2010 selbst anzündete - mit dem Ereignis begann der arabische Frühling. Bild: REUTERS

Demokratie macht ihre Bürger nicht satt

Tunesien, eine einzige Erfolgsgeschichte? "Für die Jugend hat sich doch überhaupt nichts geändert, obwohl wir soviel für die Revolution gegeben haben. Die Menschen leben weiter in großer Armut", sagt Kais Bouazizi, der Cousin des nunmehr berühmten Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Er drückt aus, was viele Tunesier denken: die Revolution habe ihnen nichts gebracht - nur gestiegene Preise und erhöhte Steuern, keine Jobs und wenig Perspektiven. Demokratie macht nicht satt. Es gibt nicht wenige, die mittlerweile sagen: unter Ben Ali ging es uns besser. Und die Corona-Krise hat die wirtschaftliche Misere noch verschärft. Der Tourismus ist völlig eingebrochen.

Kein Wunder, dass in diesem Jahr etwa Zehntausend Tunesier versucht haben, nach Europa zu gelangen. Lampedusa liegt nicht weit von der tunesischen Küste entfernt. Auf politischer Ebene hat sich Tunesien sehr verändert, doch für viele Menschen fühlt es sich immer noch an wie vor zehn Jahren. Auch Korruption und Behördenwillkür sind geblieben. Kais Bouazizi erzählt, dass er einmal verhaftet wurde - wegen kritischer Bemerkungen auf Facebook und weil er Proteste mitorganisiert hatte. Er verspürt einen tiefen Frust, so, wie ihn wohl auch sein Cousin gehabt haben muss.

Im Stadtzentrum von Sidi Bouzid hängt nun ein riesiges Wandbild an der Post, es zeigt überlebensgroß das Gesicht von Mohamed Bouazizi. Er gilt nun als Märtyrer. War sein Freitod umsonst? "Auf keinen Fall", sagt Kais Bouazizi. "Wir werden weiterkämpfen." Was der Gemüsehändler Bouazizi vor zehn Jahren in Bewegung gesetzt hat, ist noch längst nicht zu Ende - weder in Tunesien noch anderswo.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 14. Dezember 2020 um 18:30 Uhr.