Die Fußballdiplomatie trägt Früchte

Armenien und Türkei wollen diplomatische Beziehungen aufnehmen Die Fußballdiplomatie trägt Früchte

Stand: 31.08.2009 23:00 Uhr

Die seit Jahrzehnten verfeindeten Staaten Türkei und Armenien wollen nach Angaben des türkischen Außenministeriums diplomatische Beziehungen aufnehmen. Darauf habe man sich unter Vermittlung der Schweiz geeinigt. Die Ankündigung ist der Höhepunkt eines Prozesses, der mit einem Fußballspiel begann.

Von Ulrich Pick, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Die Türkei und Armenien wollen ihre zerrütteten Beziehungen normalisieren. In einer von Ankara und Jerewan gemeinsam veröffentlichten Erklärung heißt es, man wolle binnen der nächsten sechs Wochen ein Protokoll ausarbeiten, welches das Ziel hat, diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Dieser Schritt, der von den Parlamenten beider Länder ratifiziert werden muss, gilt als Schlusspunkt sogenannter "interner Konsutationen", die in den vergangenen zwei Jahren unter der Vermittlung der Schweiz stattfanden. Bereits im April hatte man eine Roadmap veröffentlich, die Schritte zur gegenseitigen Annäherung skizzierte.

Die Fußballdiplomatie trägt Früchte

WM-Qualifikationsspiel Armenien und Türkei 2008 (Archiv)

Streitfall Geschichte

Beide Länder unterhalten seit 1993 keine diplomatischen Beziehungen mehr. Die Türkei kappte sie, als Armenien die Kaukasus-Enklave Berg-Karabach besetzte - die auch von Aserbaidschan beansprucht wird. Ankara teilt die Sicht Bakus, dass dieser Schritt völkerrechtswidrig ist. Das wichtigste Thema zwischen beiden Staaten aber ist die Aufarbeitung der Vergangenheit. Jerewan möchte nämlich, dass die Massenmorde an den Armeniern im ausgehenden Osmanischen Reich als Genozid anerkannt werden, während Ankara sich massiv gegen diese Bezeichnung wehrt. Die Türkei spricht diesem Zusammenhang lediglich von 300.000 Toten, während Armenien die Zahl von 1.5 Millionen nennt.

Auf Washingtons Agenda

Die Annäherung zwischen der Türkei und Armenien hatte auch beim Besuch von Barack Obama eine wichtige Rolle gespielt. In Istanbul nämlich traf sich der neue US-Präsident mit den Außenministern der Türkei und Armeniens sowie deren Kollegin aus der Schweiz. Damals sagte Obama: "Ich möchte mich nicht auf meine Sicht fixieren, sondern auf die der Armenier und der Türken. Wenn sie Fortschritte machen und ihre ebenso schwierige wie tragische Geschichte bearbeiten, sollte der Rest der Welt versuchen dies zu fördern. Ich selbst möchte dabei so konstruktiv wie möglich sein, indem ich diese Entwicklung zügig anschieben will."

Noch einmal Fußballdiplomatie

Dass beide Länder auf einander zugehen, zeigte sich bereits genau vor einem Jahr: Anfang September 2008 nämlich hatte Abdullah Gül als erster türkischer Staatspräsident Armenien besucht. Die Visite erfolgte anlässlich eines Qualifikationsspiels beider Länder zur Fußballweltmeisterschaft und wurde als sogenannte "Fußballdiplomatie" bezeichnet. Gül lud daraufhin seinerseits seinen armenischen Amtskollegen Sersch Sarkisjan zum Rückspiel in die Türkei ein.

Das Match findet am 14. Oktober in Istanbul statt, also in sechs Wochen, sprich: Nach Ablauf der heute bekannt gegebenen Frist, die sich beide Länder zur Ausarbeitung neuer Beziehungen gegeben haben.