Kerzen auf einem geschmückten Weihnachtsbaum | Bildquelle: picture alliance / dpa

Deutsch-türkische Schule Weihnachten ist tabu

Stand: 18.12.2016 15:27 Uhr

Türkische Behörden haben das Thema Weihnachten erstmals aus dem Lehrplan einer Schule in Istanbul verbannt, an der auch deutsche Lehrer arbeiten. Kritiker werfen der regierenden AKP schon länger vor, Schulen auf ihren islamisch-konservativen Kurs zu zwingen.

Die türkischen Behörden haben erstmals das Thema Weihnachten aus dem Unterricht an einer Schule in Istanbul verbannt, deren Lehrer von Deutschland bezahlt werden.

"Es gilt nach Mitteilung der türkischen Schulleitung, dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird", heißt es in einer E-Mail, die die Leitung der deutschen Abteilung des Istanbul Lisesi an das Kollegium schickte. Auch die Teilnahme des Schulchors am traditionellen Weihnachtskonzert im deutschen Generalkonsulat am vergangenen Dienstag wurde von der türkischen Schulleitung kurzfristig unterbunden.

Verunsicherung im Kollegium

Die derzeit 35 deutschen Lehrer des Istanbul Lisesi werden von der Bundesrepublik entsandt und aus Steuermitteln bezahlt, was auf eine jährliche finanzielle Förderung in Millionenhöhe hinausläuft. Das traditionsreiche Elite-Gymnasium wird ausschließlich von türkischen Schülern besucht, ist aber eine anerkannte deutsche Auslandsschule.

Lisesi Schule in Istanbul | Bildquelle: dpa
galerie

Lisesi Schule in Istanbul

Kritiker werfen der AKP-Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan vor, traditionell säkular geprägte Schulen wie das Istanbul Lisesi zunehmend auf ihren islamisch-konservativen Kurs zu zwingen. Im deutschen Lehrerkollegium herrscht schon seit langem erhebliche Verunsicherung, was den Kurs der Elite-Schule betrifft. Diese Verunsicherung wurde durch die jüngste Anordnung zum Thema Weihnachten nun weiter verschärft.

Verstoß gegen Religionsfreiheit?

Im Auswärtigen Amt ist das Weihnachtsverbot auf Unverständnis gestoßen. Die Entscheidung sei überraschend, hieß es in Berlin. Man bedauere, dass die Tradition des vorweihnachtlichen interkulturellen Austausches an einer Schule mit langer deutsch-türkischer Tradition in diesem Jahr ausgesetzt werde.

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sprach von einem Verstoß gegen die Religionsfreiheit. Das Vorgehen sei "ein erneuter Beweis, dass die Erdogan-Türkei alle Brücken nach Europa abreißt", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Innenstaatssekretär Günter Krings von der CDU zweifelte am Sinn der deutschen Unterstützung für das Istanbul Lisesi. "Das zeigt für mich, dass es dort offenbar kein Interesse an einem offenen kulturellen Austausch mehr gibt", sagte Krings der "Rheinischen Post". "Deshalb muss man sich fragen, welchen Sinn eine solche deutsch-türkische Schule dann noch hat."

Grüne fordern Konsequenzen

"Ein Verbot des Themas Weihnachten an Schulen ist nicht hinnehmbar, erst recht, wenn sie von Deutschland mitfinanziert werden", sagte der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Omid Nouripour, der Deutschen Presse-Agentur. "Die Bundesregierung muss dies Ankara gegenüber eindeutig klarmachen. Wenn die türkische Regierung darauf nicht eingeht, dann muss die Finanzierung für die Schule eingestellt werden." Nouripour kündigte eine Anfrage an die Bundesregierung zu dem Thema an.

Neben dem Istanbul Lisesi gibt es in Istanbul noch ein deutsches Gymnasium, das Alman Lisesi. Dort sind außer türkischen auch deutsche Schülerinnen und Schüler. Das türkische Bildungsministerium und die Leitung der deutschen Abteilung des Istanbul Lisesi - die der türkischen Schulleitung untergeordnet ist - äußerten sich auf Anfrage nicht zu der Anordnung.

Das Weihnachtsverbot an der Schule dürfte nur schwerlich in Einklang mit dem Kulturabkommen zu bringen sein. Der Vertrag besagt in Artikel 12: "Die Vertragsparteien werden bemüht sein, sich gegenseitig dabei zu unterstützen, ihren Völkern die Kenntnis der Kulturgüter des anderen Landes zu vermitteln."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Dezember 2016 um 11:30 Uhr.

Darstellung: