Istanbul wählt am Sonntag erneut einen neuen Bürgermeister. | Bildquelle: ERDEM SAHIN/EPA-EFE/REX

Istanbul Endspurt vor der Neuwahl

Stand: 18.06.2019 03:25 Uhr

Am Sonntag wird in Istanbul erneut ein neuer Bürgermeister gewählt, nachdem die letzte Wahl annulliert wurde. Beide Kandidaten gehen im Endspurt in die Offensive - es ist eine Wahl mit Signalwirkung.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Jugendliche jubeln Binali Yildirim zu mit den typisch kurdischen Rufen. Der frühere türkische Ministerpräsident ist in Diyarbakir - auf Wahlkampftour - als Kandidat für den Chefsessel im Istanbuler Rathaus. Die Wiederholung der Bürgermeisterwahl treibt ungewöhnliche Blüten.

"Liebe Jugendliche, verehrte Bürger Diyarbakirs, liebe Brüder... Wir haben viele infrastrukturelle Probleme der Stadt Diyarbakir gelöst. Denn wir lieben unser Land, wir lieben unser Volk und wir lieben Diyarbakir."

Er steht in Hemd und Anzug in der Hitze des Südostens an den Mikrofonen, kneift die eh schon kleinen Augen noch etwas mehr zusammen wegen der grellen Sonne. Schließlich hat er sich warm geredet:

"Als Atatürk noch während des Freiheitskrieges in Ankara die Große Türkische Nationalversammlung bildete, da hat er überall aus Anatolien Vertreter eingeladen, auch aus Kurdistan."

Ein AKP-Politiker spricht von Kurdistan? Das macht Schlagzeilen. Denn der Begriff ist schon manchem zum Verhängnis geworden.

AKP-Kandidat Binali Yildirim will seine Chance bei den Neuwahlen nutzen. | Bildquelle: SEDAT SUNA/EPA-EFE/REX
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AKP-Kandidat Binali Yildirim will seine Chance bei den Neuwahlen nutzen.

Verbale Ohrfeige nach Kurden-Kommentar

Auch Yildirim kommt nicht ohne eine verbale Ohrfeige davon - ausgerechnet vom Koalitionspartner, der nationalistischen MHP. Parteichef Devlet Bahceli macht klar, es werde nie ein Kurdistan in der Türkei geben. Aram Celik kennt die Diskussion. Der 34-jährige Techniker traut Yildirims Avancen nicht so recht:

"Die wissen, dass die Kurden das Ergebnis bestimmen. Warum ist er nicht früher schon mal vor den ganzen Wahlen gekommen?"

Der 28-jährige Englisch-Lehrer Cemil Yildiz sieht es ähnlich kritisch:

"Er kommt hier an und sagt, Atatürk hat auch den Begriff Kurdistan benutzt. Will er die Kurden zum Narren halten? Nur weil er jetzt auch von Kurdistan redet, wählen die Kurden noch lange nicht die AKP. Die haben ihre Lektion schon gelernt."

Viele haben hier Verwandte in Istanbul, die wählen dürfen, oder sind selbst dort gemeldet. Das weiß auch Yildirim:

"Wenn man von Istanbul spricht, denkt man gleichzeitig an die ganze Türkei. Wenn man von Istanbul spricht, denkt man beispielsweise auch an Diyarbakır. Denn Istanbul ist ein Abbild der ganzen Türkei, liebe Brüder. Rund 250.000 Diyarbakırer leben in Istanbul."

Und die AKP verspricht sich durchaus, noch die eine oder andere Stimme holen zu können.

Imamoglu gilt als Hoffnungsträger vieler junger Türkinnen und Türken. | Bildquelle: ERDEM SAHIN/EPA-EFE/REX
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Imamoglu gilt als Hoffnungsträger vieler junger, säkularer Türkinnen und Türken.

Pro-kurdische HDP unterstützt Imamoglu

Immer wieder muss sich Binali Yildirim für ein Selfi aufstellen, während er durch die Gassen von Diyarbakir spaziert. Er schüttelt unzählige Hände von Anhängern. Allerdings unterstützt die pro-kurdische HDP den CHP-Kandidaten Ekrem Imamoglu. Cemil Yildirz, der junge Lehrer, sieht den distanziert:

"Imamoglu ist für mich kein politischer Führer, der uns Demokratie bringt. Aber in den 17 Jahren, in denen die AKP regiert, hat sie ihre eigenen Profit-Strukturen geschaffen und undurchsichtige Stiftungen und Institutionen gegründet. Vielleicht kann Imamoglu da wieder legale und transparente Bieterverfahren einführen." 

Die Euphorie für den 49-jährigen CHP-Shootingstar hält sich in der Kurdenhochburg in Grenzen. Sie machen seine Partei mitverantwortlich dafür, dass HDP-Bürgermeister nach den Kommunalwahlen in der Region abgesetzt wurden und Parteichef Selahattin Demirtas und andere Politiker im Gefängnis sind.

Fernsehduell landesweit live

Trotzdem verfolgt auch Cemil Yildiz das Fernsehduell zwischen den beiden Spitzenkandidaten. Es wird landesweit gleich in mehreren Sendern live übertragen.

"Istanbul steht symbolisch für die Türkei. Wer auch immer Istanbul gewinnt, der gilt auch als Sieger im ganzen Land. Vielleicht ist das nicht ganz korrekt, aber für uns fühlt es sich so an, als würden wir den Vorspann für die nächsten Parlamentswahlen anschauen. Darum ist Istanbul jetzt so wichtig, darum verfolge ich auch den Wahlkampf."

Er greift sein kleines Glas Tee, die Zigarette zwischen den Fingern. Es ist einer der typisch warmen Sommerabende in Diyarbakir. Die Augen des jungen Kurden gehen zurück zum Fernseher - zum TV-Duell. Da wirft Imamoglu Yildirim gerade vor, zu AKP-Zeiten seien Steuergelder verschwendet worden. Außerdem sei das Land gespalten:

"Wenn ich über Armut in Istanbul rede und von Sozialhilfe... dann unterscheide ich doch nicht zwischen Kurden und Türken. Ich werde Bürgermeister aller 16 Millionen Bürger dieser Stadt sein. Die Spaltung der Gesellschaft ist nach Terrorismus das größte Übel in diesem Land."

Ekrem Imamoglu will auch die Neuwahl um das Bürgermeisteramt Istanbuls gewinnen. | Bildquelle: ERDEM SAHIN/EPA-EFE/REX
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Ekrem Imamoglu will auch die Neuwahl um das Bürgermeisteramt Istanbuls gewinnen.

Yildirim punktet - oder doch nicht?

Yildirim scheint deutlich ruhiger. Bei einem Mann, der das TV-Duell in einem Café verfolgt, kommt das an:

"Ekrem Imamoglu drückt sich gut aus. Aber Yildirims Glaubwürdigkeit ist höher."

Eine Frau wertet es genau andersrum:

"Binali Yildirim ist zu passiv. Als wäre er etwas angespannt. Als wäre er unsicher. Imamoglu wirkt sicherer."

Wahl am kommenden Sonntag

Ob Yildirim und seine Partei denn das zweite Wahlergebnis am kommenden Sonntag akzeptieren werden, egal wie es ausfällt, will der Moderator wissen:

"Wir sind immer bereit, Wahlergebnisse anzuerkennen. Aber Einsprüche gehören ebenfalls zum Prozedere, genau wie die Stimmenabgabe, die Wahl selbst auch. Und vielleicht werden ja diesmal nicht wir, sondern Herr Imamoglu Einspruch erheben."

Yildirim scheint sich manchmal etwas schwer zu tun mit ungewohnt kritischen Fragen. Dann antwortet er schmallippig. Den Vorwurf, er dürfe erst jetzt selbst Wahlkampf betreiben, nachdem Präsident Erdogan die erste Runde dominiert habe, weist er zurück:

"Nein, bei mir hat sich gar nichts geändert. Was ich vorher getan habe, tue ich auch jetzt. Mir geht es um Istanbul."

Imanoglu emotional

Beide Kandidaten halten immer wieder Tafeln mit Statistiken in die Kamera, haben sich vorbereitet. Imamoglu wirkt aber deutlich emotionaler, kann seine Hände kaum ruhig halten.

"Das ist nicht nur eine Kommunalwahl, ich bin ein gewählter Oberbürgermeister. Ein Bürgermeister, der seine Urkunde bekommen hat und 18 Tage lang im Amt war. Die Neuwahl ist ein Kampf um die Demokratie."

Bei diesem verbalen Kampf im Fernsehen geraten die beiden immer wieder aneinander, werfen sich gegenseitig Lügen vor.

Imanoglu geht in the Offensive

Eigentlich ist der CHP-Kandidat bekannt dafür, bei seinen Wahlkampfauftritten den Gegner nicht direkt anzugreifen. Aber jetzt scheint er seine Chance nutzen zu wollen, wo er ihn vor sich hat. Und auch mit dem Moderator legt sich Imamoglu an, als es um das starre Zeitkorsett von drei Minuten pro Antwort geht. Die Uhr tickt immer sichtbar mit. Da zeigt Binali Yildirim seine humorige Seite - er schenkt ihm zwei Sekunden von seiner Zeit.

Die Spannung löst sich in diesem Moment bei beiden Kandidaten. Zum Schluss entschuldigen sich sie sich sogar noch beieinander für etwaige Beleidigungen. Nach langen drei Stunden gibt es noch ein Familienfoto: Rechts Yildirim mit Sohn und seiner Frau, die einen langen weiten Rock und ein weißes Kopftuch trägt. Neben ihr Imamoglu und seine Frau im Hosenanzug mit sportlichen Schuhen - ohne Kopftuch, die blonden Haare trägt sie offen. Das zeigt wie gegensätzlich die beiden Kandidaten und ihr Umfeld sind.

Bild verdeutlicht Unterschiede

Allerdings präsentiert sich Imamoglu ebenfalls konservativ. Der Fastenmonat Ramadan fiel in den Wahlkampf. Imamoglu nutzte diese Bühne und war fast jeden Abend medienwirksam bei einer anderen Familie zum Fastenbrechen:

"Ich faste, seit ich sieben oder acht bin. Und ich faste gern. Meine Familie und ich lieben das Fastenbrechen. Dieses Jahr schaffen wir es wenigstens zum letzten Ramadan-Tag zusammen zu kommen. Und wenn wir schon mal was organisieren, haben wir uns gesagt, soll es gleich die Großfamilie sein - meine Eltern, meine Onkel, meine Tanten, meine Schwägerinnen... es sind schon ganz schön viele heute Abend hier in Istanbul."

Frauen mit kurzen Röcken und großzügigem Dekolletee - und Frauen mit Kopftuch. So bunt wie seine Familie ist, ist auch seine Anhängerschaft, vom modernen, säkularen Geschäftsmann bis hin zum konservativen Kurden. Imamoglu spricht viele an. So wurde er zum Shootingstar - vom kleinen Bezirksbürgermeister in einem Istanbuler Stadtteil zum Hoffnungsträger der CHP, den inzwischen das ganze Land kennt.

Parallelen zwischen Imamoglu und Erdogan

Zwischen ihm und dem Präsident Recep Tayyip Erdogan gibt es einige Parallelen, nicht nur, dass auch Erdogan seine Karriere als Bürgermeister in Istanbul begann. Beide kommen aus der konservativen Schwarzmeer-Region, Imamoglu wurde in Trabzon geboren. Er scheut sich nicht, seine Anhänger in den Arm zu nehmen, Nähe zu zeigen. Aber auch er beherrscht die große Show auf der Bühne. Seine Wahlkampfauftritte sind perfekt inszeniert.

Sein Wahlkampfslogan "Her sey cok güzel olacak" ("Alles wird gut") ist zu einer Art Codewort unter seinen Anhängern geworden. Er sagt, er will Bürgermeister von allen Istanbuler sein:

"Die Istanbuler lieben die Demokratie; sie werden auch an die Wahlurnen gehen, damit die Demokratie gewinnt. Deswegen wird alles gut werden."

Manche wollen in ihm schon den Nachfolger von Erdogan als türkischen Präsident sehen. Aber Imamoglu tut alles, um keine größeren Ambitionen zu zeigen. Nächsten Sonntag soll es nur um die Wahl des Oberbürgermeisters von Istanbul gehen, nicht mehr und nicht weniger.

Der Kampf um den Rathaussessel in Istanbul - spannender denn je
Karin Senz, ARD Istanbul
18.06.2019 00:21 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 16. Juni 2019 um 22:45 Uhr.

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