Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (Archivbild: 14.08.2018) | Bildquelle: picture alliance/AP Images

Stiftung im Dienste Erdogans Denkfabrik prangert Journalisten an

Stand: 08.07.2019 16:55 Uhr

Im Umfeld des türkischen Präsidenten Erdogan versucht die einflussreiche Seta-Stiftung, ausländische Journalisten zu diffamieren. Ein Dossier über Pressevertreter erinnert an Steckbriefe.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Auf der Internetseite des Think Tanks wird Seta als Stiftung für politische, soziale und ökonomische Forschung bezeichnet. Seta sei unabhängig und unparteiisch, heißt es dort. Seta-Mitarbeiter machen im persönlichen Gespräch jedoch keinen Hehl daraus, dass ihre politischen Studien in den meisten Fällen Positionen der Regierungspartei AKP und des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ideologisch stützen. Dabei bemühen sie sich, bisweilen wissenschaftlich zu argumentieren.

Der jüngste Bericht der Stiftung mit dem Titel "Der verlängerte Arm internationaler Medienorganisationen in der Türkei" hat jedoch mit Wissenschaft kaum etwas zu tun. Vielmehr geht es offensichtlich allein darum, türkische Mitarbeiter internationaler Medienhäuser, wie BBC, Deutsche Welle, der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" oder Voice of America an den Pranger zu stellen.

Seitenweise Namen von Journalisten

Professor Burhanettin Duran, Leiter der Seta-Stiftung, erläutert im Vorwort, Ziel des Berichts sei es aufzuzeigen, wie die ausländische Presse die Türkei darstelle und dadurch die internationale Wahrnehmung beeinflusse. Eine Erklärung, warum dafür seitenweise die Namen einzelner Journalisten aufgelistet werden müssen, bleibt er schuldig.

So findet der Leser beispielsweise auf Seite 77 Bülent Mumay und dessen berufliche Vita. Mumay schreibt für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" mit spitzer Feder die wöchentlichen "Briefe aus Istanbul". Dabei stellt er regelmäßig die Rechtsstaatlichkeit der türkischen Justiz oder den autoritären Politikstil des türkischen Staatspräsidenten in Frage.

Auch die mit Preisen ausgezeichnete Pelin Ünker gehört zum Katalog, dessen Profilbeschreibungen an Steckbriefe erinnern. Ünker arbeitete im internationalen Rechercheteam mit, das die "Paradise Papers" auswertete. Sie berichtete in der regierungskritischen Tageszeitung "Cumhuriyet" über Firmen der Söhne des ehemaligen türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim, die in der Steueroase Malta angemeldet waren. Inzwischen sei sie zur Deutschen Welle gewechselt, heißt es im Seta-Bericht.

"Ziel ist die Diskreditierung"

Seitenweise zeigt das Pamphlet Tweets von Journalisten oder Screenshots von Internetseiten der Medienhäuser. Diverse Beispiele sollen die aus Seta-Sicht offenbar unbotmäßige Berichterstattung belegen.

Murat Yetkin war früher Chefredakteur der "Hurriyet Daily News". Er gilt als in Regierungs- und Oppositionskreisen gut vernetzter unabhängiger Journalist, den AKP-Politiker nicht sofort in eine Anti-Erdogan Schublade stecken würden. In seinem Blog lässt er jedoch keinen Zweifel, was er von dem Seta-Werk hält. Die Terminologie des Berichts habe offenbar das Ziel, die genannten Journalisten zu diskreditieren, ihnen kriminelle Machenschaften oder illegale Aktivitäten zuzuschreiben, oder nachzuweisen, sie seien Gegner des türkischen Staatspräsidenten Erdogan, so Yetkin.

Und noch etwas wird laut Yetkin deutlich: Regierungsnahe Medien, die sich trotz großer finanzieller Unterstützung bei den letzten Wahlen für Erdogan als nutzlos erwiesen hätten, wollten die Regierung überzeugen, unabhängige Stimmen zum Schweigen zu bringen. Denn diese nehme die türkische Öffentlichkeit inzwischen stärker wahr.

Korrespondenten arbeiteten mit Seta zusammen

In der Vergangenheit ließen internationale Korrespondenten immer wieder Einschätzungen von Seta-Mitarbeitern in ihre Berichte einfließen, so auch der Autor dieser Zeilen. Wenn sich Vertreter der Erdogan-Partei AKP aus unerfindlichen Gründen zum wiederholten Mal zierten, zu einem Sachverhalt Stellung zu beziehen, konnten Seta-Mitarbeiter beispielsweise außenpolitische Ziele der Regierung in Ankara erklären und so zu einem Gesamtbild beitragen.

Die offensive Diffamierung vieler unabhängiger türkischer Journalisten dürfte dem Ansehen der Seta-Stiftung nachhaltig schaden.

Über dieses Thema berichtete die Erste am 19. Mai 2019 um 12:45 Uhr im "Europamagazin".

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