Ein syrischer Junge im Flüchtlingslager Kilis, nahe der syrischen Grenze in der Türkei | Bildquelle: picture alliance / dpa

Teil VI der Serie Die Sehnsucht nach Syrien bleibt

Stand: 23.11.2018 11:23 Uhr

Viele der Millionen Syrien-Flüchtlinge in der Türkei sind jung. Sie genießen die Sicherheit, gehen zur Schule und haben Pläne. Doch irgendwann wollen sie zurück in ihre Heimat.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Die Türkei hat etwas weniger Einwohner als Deutschland, aber deutlich mehr syrische Flüchtlinge aufgenommen: 3,5 Millionen von ihnen leben dort - rund zehn Prozent davon in Lagern.

Die Mehrzahl der syrischen Flüchtlinge hält sich aus eigener Kraft über Wasser, zahlreiche mit EU-Geldern finanzierte Hilfsprogramme sollen ihnen dabei helfen. Eine Rückkehr in ihre Heimat ist für viele Syrer noch undenkbar - zumal ihr Land noch keineswegs sicher und befriedet ist.

So viele Einwohner wie Flüchtlinge

In den Räumen der Hilfsorganisation Roter Halbmond in Kilis ist gut was los. Im Erdgeschoss sitzen junge Männer im Kreis und singen. Einen Stock darüber macht Amira einen Nähkurs. Die 20-Jährige kommt aus Aleppo. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann in Kilis nur ein paar Kilometer weg von der syrischen Grenze. Gut 130.000 Einwohner hat die Stadt und noch mal so viele Flüchtlinge. Amiras Mann erlaubt ihr nicht zu arbeiten. Nähen lernt sie vor allem für sich selbst und um ein bisschen von zu Hause heraus zu kommen und andere Frauen zu treffen.

Nebenan föhnt Faten, die auch aus Aleppo stammt, ihrer Freundin im Friseurkurs die Haare. Sie habe gehofft, dass dieser Kurs sechs Monate dauert, damit sie das richtig lernen und einen Friseursalon aufmachen könne. Aber zwei Monate für die Ausbildung seien zu kurz. Männer dürfen nicht in den Kursraum. Die jungen Frauen im Friseurkurs sind normalerweise alle komplett verschleiert.

Syrische Flüchtlinge, darunter auch Jugendliche schauen durch einen Zaun am Eingang des Flüchtlingslagers Nizip in der Türkei. | Bildquelle: dpa
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3,5 Millionen Syrer sind in die Türkei geflüchtet.

Erst konnte sie kaum Türkisch, jetzt studiert sie

Faten ist ein bisschen enttäuscht. Denn sie will hier unbedingt Fuß fassen und arbeiten. Für immer will sie aber nicht in der Türkei bleiben. Da geht es ihr wie Amira: "Wenn der Krieg vorbei ist, dann will ich auch zurück. Aber erst dann. Wenn nicht, bleibe ich hier. Ich mag die Türkei."

Sie konnte schon ein bisschen Türkisch, bevor sie kam - im Gegensatz zu Samira. Als sie vor zwei Jahren in die Türkei floh, hatte sie große Probleme: Dann habe sie aber türkische Freunde gefunden, die ihr geholfen hätten, Türkisch zu lernen. "Und jetzt spreche ich ganz gut Türkisch. Ich hab' da keine Probleme mehr. Ich bin hier angekommen."

Und wie! Die 21-Jährige hat ein Stipendium bekommen und studiert inzwischen an der Universität von Gaziantep, gut 60 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. All das sind Projekte, die von der EU gefördert werden. Samira ist eine von gut 15.000 Syrern an türkischen Universitäten.

"Das vermisse ich"

Die 15-jährige Hadscher geht noch zur Schule in Osmaniye, das ebenfalls in der Südtürkei liegt. Sie trägt ein dunkelblaues Kopftuch um ihr rundes Gesicht - ein fröhliches Gesicht. Nur ganz selten huscht ein bisschen Traurigkeit darüber: "In der Türkei leben unsere Verwandten und Bekannten zerstreut. In Syrien haben sie alle im selben Dorf gelebt. Das vermisse ich."

Hadscher aus Latakia | Bildquelle: Karin Senz
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Die 15-jährige Hadscher fühlt sich wohl in der Türkei - doch sie vermisst ihr Dorf in Syrien.

Hadscher steht umringt von anderen Kindern: türkische und syrische Kinder: "Meine Klassenkameradinnen sind okay. Ich werde voll akzeptiert. Sie diskriminieren mich nicht. Da hab' ich also keine Probleme."

"Sie gehören jetzt zu uns"

Fuat Oflas ist der Direktor der Schule in Osmaniye, an die Hadscher geht - kein leichter Job. Denn in der Türkei gibt es keine Schulen nur für Syrer. Die Flüchtlingskinder werden alle integriert, ob sie Türkisch sprechen, wie Hadscher, oder nicht. Manche Schüler hätten im Bürgerkrieg Familienmitglieder verloren. Einige seien schon seit fünf Jahren da, sie hätte ihr Anfangsprobleme weitgehend überwunden und sich in die Türkei integriert. "Sie sind nicht mehr 'die Anderen', sie gehören jetzt zu uns. Wir lernen von ihnen und sie lernen von uns. Es gibt einen kulturellen Austausch."

Der 16-jährige Loey ist Hadschers Klassenkamerad. Er feixt mit seinen Freunden auf dem Schulhof, ganz unbeschwert. Aber das ist nur eine Seite: Nach der Schule wolle er in der Türkei studieren. "Die Schule und das Studium sind das wichtigste für mich." Danach aber fühle er sich verpflichtet, nach Syrien zurückzugehen, "denn wir sind es, die nach dem Krieg unser Land wiederaufbauen müssen".

In den wirtschaftlich schweren Zeiten hört das nicht mehr jeder Türke gerne. Das Land investiere viel in eine gute Ausbildung der jungen Syrer. Nur die würden nichts zurückgeben, das teure Know-how ginge verloren, wenn sie heimkehren. 

Syrischer Stand in Kilis | Bildquelle: Karin Senz
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Ein syrischer Stand in Kilis.

"Erst meinen Abschluss machen"

Samira, die 21-jährige Stipendiatin, will davon nichts hören. Auch sie hat nur ein Ziel, sie warte auf eine Gelegenheit zurückzugehen. "Aber erstmal will ich hier meinen Abschluss machen, und dann werde ich versuchen, einen sicheren Ort für ein Leben in Syrien zu finden, um dann meinem Land das zu geben, was ich geben kann."

Wann es sicher genug ist, um zurückzukehren? Wie ein neues Leben in Syrien aussehen könnte - in einem zerstörten Aleppo? Samira schüttelt nach solchen Fragen etwas verwirrt den Kopf. Darüber will die noch nicht nachdenken. Jetzt ist sie erstmal hier in der Türkei.

Syrische Flüchtlinge in der Türkei
Karin Senz, ARD Istanbul
23.11.2018 11:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. November 2018 um 09:17 Uhr.

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