Ein Konvoi der türkischen Armee fährt durch einen Ort in der Provinz Idlib. | Bildquelle: AP

Vergeltungsaktion Türkei will syrische Soldaten "neutralisiert" haben

Stand: 10.02.2020 20:15 Uhr

Erneut hat die syrische Armee offenbar türkische Stellungen angegriffen und dabei nach Angaben aus Ankara fünf Soldaten getötet. Bei den folgenden Gegenangriffen will die Türkei mehr als 100 syrische Soldaten "neutralisiert" haben.

Bei einem Angriff der syrischen Armee in der umkämpften nordwestsyrischen Region Idlib sind nach Angaben aus Ankara fünf türkische Soldaten getötet worden. Fünf weitere Türken seien durch den Artilleriebeschuss auf türkische Stellungen verletzt worden, gab das türkische Verteidigungsministerium bekannt.

Nichtregierungsorganisationen berichten hingegen von einem vorangegangenen Angriff türkischer Truppen auf die syrische Armee. Sicher ist, dass die Türkei im Laufe des Tages zumindest zurückgeschossen hat. Dabei wurden nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Ankara mehr als 100 syrische Soldaten "neutralisiert" und mehrere Panzer und Kanonen zerstört.

Die Luftangriffe auf syrische Stellungen würden am Abend fortgesetzt. Die vom Ministerium genannten Zahlen konnten bislang nicht von unabhängiger Seite überprüft werden.

Russische Delegation versucht zu vermitteln

Parallel gab es Versuche, die Situation diplomatisch zu lösen. Das türkische Fernsehen zeigte schwarze Limousinen, die durch das Regierungsviertel von Ankara rollten. Es war die zweite russische Delegation innerhalb von drei Tagen und ein weiterer der zahlreichen Versuche, das Blutvergießen in Idlib zu stoppen. Darum geht es jedenfalls nach den Worten des türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Ziel sei die schnellstmögliche Sicherung des Waffenstilstands, sagte er. Dieser müsse eingehalten werden. Vertriebene Zivilisten müssten außerdem in ihre Heimatorte zurückkehren können.

Eine Waffenruhe war im sogenannten Astana-Prozess zwischen der Türkei, Russland und Iran vereinbart worden. Eingehalten wurde sie nur kurz. Doch der Prozess verschaffte der Türkei die Möglichkeit, ein Dutzend Beobachtungsposten in Syrien zu errichten, von denen aus die Einhaltung diese Waffenruhe überwacht werden sollte.

Zweiter Angriff innerhalb einer Woche

Mit dem Vormarsch der syrischen Armee und einer Aufrüstung der Türkei im Rebellengebiet Idlib verschärft sich die Lage im Nordwesten des Bürgerkriegslandes. Erst vor einer Woche waren unter syrischem Beschuss sieben türkische Soldaten und ein ziviler Mitarbeiter des Militärs getötet worden. Türkische Truppen töteten daraufhin bei einem Vergeltungsangriff mehrere syrische Soldaten. Präsident Recep Tayyip Erdogan stellte der syrischen Regierung zudem ein Ultimatum und sagte, dass sich die syrische Armee bis Ende Februar von den türkischen Posten zurückziehen müsse, sonst werde die Türkei die Sache selber in die Hand nehmen.

Die syrische Armee hatte im vergangenen Jahr eine Offensive auf die Region um die Stadt Idlib im Nordwesten des Landes begonnen. Sie nahm Dutzende Ortschaften ein. Die syrische Regierung wirft der Türkei vor, die Sicherheit zu untergraben, indem sie Tausenden ausländischen Kämpfern erlaube, gegen das syrische Militär zu kämpfen.

Idlib ist das letzte große Rebellengebiet in Syrien, wo seit fast neun Jahren ein Bürgerkrieg herrscht. Die Region wird von der Al-Kaida-nahen Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS) kontrolliert. Präsident Baschar al-Assad hat erklärt, wieder ganz Syrien unter seine Kontrolle bringen zu wollen. In der seit April laufenden Offensive auf Idlib, bei der Assads Truppen durch russische Luftangriffe unterstützt werden, wurden nach UN-Angaben mindestens 1500 Zivilisten getötet. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht, viele in Richtung türkischer Grenze.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan | Bildquelle: dpa
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Der türkische Präsident Erdogan hatte mit seinem russischen Amtskollegen Putin einen Waffenstillstand ausgehandelt.

Ein Rückzug kommt nicht in Frage

Angesichts der neuen Eskalation sieht Murat Yesiltas vom regierungsnahen Thinktank "Seta" drei mögliche Szenarien: "Zum einen ein möglichst schnelles Treffen der Staatschefs der Türkei und Russlands mit dem Ziel, das Regime zu stoppen. Zum Zweiten, dass die Türkei vormarschiert und das Regime in die in Sotchi vereinbarten Grenzen zurückdrängt. Das würde Krieg bedeuten, ernsthaft."

Eine dritte Option wäre ein effektiver Militärschlag auf das syrische Regime, nicht auf dessen meist iranische Milizen. Nach den Gesprächen mit der russischen Delegation betonte die türkische Regierung, sie werde am Astana-Prozess festhalten. Mit anderen Worten: Ein Rückzug kommt nicht in Frage. Stattdessen sollen die Beobachtungsposten verstärkt und notfalls verteidigt werden.

"Die Türkei sollte mit der EU reden"

Die Ziele der Türkei unterschieden sich dabei nicht wesentlich von den Zielen Europas, meint der Politologe Ragip Kultay Karaca von der Istanbuler Aydin-Universität "Das Wichtigste für die Türkei in der Idlib-Frage ist es, einen Flüchtlingsandrang an ihren Grenzen zu verhindern. Aber auch Europa fühlt sich durch Flüchtlinge bedroht, insbesondere Deutschland. Deswegen sollte die Türkei dringend auch mit der EU reden und nicht nur mit Russland. Denn dass sich das Problem allein mit Russland lösen lässt, das mag ich inzwischen zu bezweifeln."

Trotzdem ist es gut möglich, dass sich schon bald die Präsidenten Erdogan und Wladimir Putin erneut treffen, um über Idlib zu beraten. Bis dahin dürfte weitergeschossen werden, zumindest vereinzelt.

Mit Informationen von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Türkisch-russischer Konflikt um Idlib spitzt sich zu
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
10.02.2020 20:05 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 10. Februar 2020 um 19:15 Uhr in den Nachrichten.

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