Nach Angriff auf türkische Soldaten Gefechte zwischen Türkei und Syrien

Stand: 03.02.2020 16:49 Uhr

In der syrischen Provinz Idlib sind türkische Soldaten bei einem Angriff der syrischen Armee getötet worden. Die Türkei reagierte mit einer Gegenoffensive. Auf syrischer Seite soll es bis zu 35 Opfer gegeben haben.

Die syrische Armee hat bei ihrem Vormarsch auf die letzte größere Rebellenhochburg in der Provinz Idlib fünf türkische Soldaten und einen zivilen Mitarbeiter getötet. Das teilte die türkische Regierung in Ankara mit. Das Verteidigungsministerium sprach zudem von sieben Soldaten, die durch den Artilleriebeschuss im Nordwesten Syriens teils verletzt worden seien. Die Soldaten des syrischen Machthabers Baschar al-Assad hätten angegriffen, obwohl sie zuvor auf die Stellungen der türkischen Kräfte hingewiesen worden seien.

Die Türkei reagierte mit Gegenangriffen. Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte in Ankara, man habe unter anderem mit Kampfflugzeugen zahlreiche Stellungen attackiert. Dabei seien 30 bis 35 Syrer "außer Gefecht gesetzt" worden, sagte Erdogan. Ob es sich dabei um Regierungssoldaten handelte, ist bislang unklar. Beweise nannte Erdogan nicht. Aktivisten der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge kamen bei den türkischen Angriffen 13 Soldaten der syrischen Regierung ums Leben. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana dementierte hingegen die Berichte über Opfer in den Reihen der Regierungstruppen.

Es sei nicht möglich, einen solchen Angriff unbeantwortet zu lassen, sagte Erdogan. "Wir werden weiter Rechenschaft dafür verlangen." An Russland gerichtet mahnte er: "Ihr solltet uns nicht im Wege stehen." Russland unterstützt die syrische Armee im Bürgerkrieg.

Botschaft Russlands an die Türkei?

Mangelnde Kommunikation war möglicherweise verantwortlich für den vorausgegangenen Angriff auf den türkischen Konvoi. Das russische Militär teilte mit, die türkische Seite habe die Russen nicht über ihre Bewegungen informiert. Dabei seien sie unter Beschuss der syrischen Regierungstruppen gekommen, die gegen "Terroristen" westlich des Orts Sarakib in der Provinz Idlib vorgehen wollten.

Manche sehen in dem Angriff aber auch eine Botschaft Russlands an die Türkei, sich außerhalb ihrer Grenzen zurückzuhalten. Idlib ist nach neun Jahren Bürgerkrieg das letzte große Rebellengebiet. Die Türkei unterhält dort zwölf Beobachtungsposten, die eigentlich einen Waffenstillstand überwachen sollen. Sie waren auf der Grundlage eines im September 2018 geschlossenen Abkommens zwischen Russland, dem wichtigsten Verbündeten Assads, und der Türkei eingerichtet worden.

Die syrische Armee hatte im vergangenen Jahr eine Offensive auf die Region um die Stadt Idlib im Nordwesten des Landes begonnen. Sie hat bereits Dutzende Ortschaften eingenommen. Damit wird es auch für die türkischen Soldaten in Idlib immer ungemütlicher. Die syrische Regierung wirft der Türkei vor, die Sicherheit zu untergraben, indem sie Tausenden ausländischen Kämpfern erlaube, gegen das syrische Militär zu kämpfen.

Türkei sagt gemeinsame Patrouillen ab

Idlib wird von der Al-Kaida-nahen Miliz Haiat Tahrir al-Scham kontrolliert. Syrien und Russland argumentieren, ihre Angriffe richteten sich gegen Terroristen. Die Gewalt hatte zuletzt wieder zugenommen. Sie ging auch weiter, nachdem Russland vor drei Wochen eine neue Waffenruhe verkündet hatte. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. Die Türkei, die bereits fast vier Millionen Syrer aufgenommen hat, befürchtet viele weitere Flüchtlinge.

Nach dem Vorfall in Idlib sagte die türkische Seite die routinemäßigen gemeinsamen Patrouillen mit den Russen vorerst ab. Unklar ist noch, ob der türkische Gegenschlag einmalig war oder die Türkei nun zur aktiven Kriegspartei im Kampf um Idlib geworden ist. Der Experte Murat Arslan von der Hasan Kalyoncu Universität im südtürkischen Gaziantep meint, dass dies die nächsten Tage zeigen dürften. Immerhin meldete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf den Kreml: Die Militärs beider Seiten seien im Gespräch über Idlib.

Mit Informationen von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. Februar 2020 um 10:15 Uhr.

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