Türkische Einsatzkräfte rücken in Panzern im Dorf Al-Maabatli in der syrischen Grenzregion Afrin vor. | Bildquelle: AFP

Türkische Offensive in Syrien Erdogans sauberer Krieg

Stand: 03.03.2018 02:00 Uhr

Seit Mitte Januar treibt die Türkei ihre Militäroffensive im nordsyrischen Grenzgebiet voran. Und zeichnet von den vermeintlichen Erfolgen ein ganz eigenes Bild in der Öffentlichkeit.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Es sind skurrile Szenen im türkischen Fernsehen: Eine bekannte Reporterin plaudert mit Künstlern und ehemaligen Sportgrößen an der Grenze zum Kampfgebiet in Nordsyrien, darunter Sänger Orhan Hakalmaz. Er hält die Militäroffensive natürlich für richtig: "Jetzt, wo ich unsere Jungs vor Ort gesehen habe, geht es mir wieder besser. Der Besuch hat mein Vertrauen in sie gestärkt. Hier herrscht ein familiäres Klima. Ihre Eltern sollen sich keine Sorgen machen."

Propagandamaschinerie unter Volldampf

Während sich im Hintergrund die Zweige der Olivenbäume im Wind wiegen und noch weit dahinter das Kampfgeschehen zu erahnen ist, kann sich Schauspieler Mehmet Cevik für die Operation "Olivenzweig" sogar regelrecht begeistern: "Hier kämpfen die Kinder einer stolzen Nation, die in Afrin einer legitimen Aufgabe nachgeht."

Keine Rede von den inzwischen 40 getöteten türkischen Soldaten, auch nicht von den 116 getöteten Kämpfern der mit der Türkei verbündeten Freien Syrischen Armee. Je mehr Todesopfer der Einsatz auf türkischer Seite fordert, desto mehr kommt die Propagandamaschine in Fahrt.

Schulmädchen in Soldatenuniform

So auch kürzlich auf dem Kongress der türkischen Regierungspartei AKP in Kahramanmaras in der Südosttürkei. Ein kleines Mädchen in einer Soldatenuniform wird zu Staats- und Parteichef Recep Tayyip Erdogan auf die Bühne gebracht. Das Publikum tobt. Doch das Mädchen steht verloren neben dem mächtigen Mann und weint.

Erdogan erklärt der Kleinen, dass Soldaten nicht weinen. Er tätschelt die Grundschülerin, gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und entdeckt dann die türkische Fahne, die zusammengerollt in ihrer Uniformtasche steckt. Damit, so Erdogan, würde sie zugedeckt, wenn sie als Märtyrerin falle.

 Es war dieselbe Veranstaltung, auf der Erdogan laut über eine Generalmobilmachung nachdachte: "Sobald der Mobilmachungsbefehl erteilt wird, werden wir alle aufbrechen - allen voran ich selber."

Der türkische Präsident Erdogan gibt einem weinenden Mädchen auf einer Konferenz der AKP einen Kuss auf die Wange. | Bildquelle: AFP
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Propaganda für die Afrin-Offensive: Auf einer Konferenz seiner AKP herzt Präsident Erdogan ein Schulmädchen in Soldatenuniform.

Regierung bestreitet zivile Opfer

Dabei beklagen Menschenrechtsorganisationen und Oppositionspolitiker bereits jetzt zahlreiche zivilie Opfer durch den türkischen Einmarsch in Afrin. So auch Pervin Buldan, die Co-Vorsitzende der zweitgrößten Oppositionspartei HDP: "Wir sind im Besitz von ernstzunehmenden Belegen - Fotos zeigen getötete Kinder und Frauen. Die Behauptung der Regierung, in Afrin seien lediglich 'Terroristen' getötet worden, ist eine Lüge."

Doch Staatspräsident Erdogan spricht von einer sauberen Militäraktion: "Unsere Armee hat bis dato größtmögliche Rücksicht auf Zivilisten genommen, damit nicht ein einziger von ihnen zu Schaden kommt. Hätten wir keinen Unterschied zwischen Zivilbevölkerung und Terroristen gemacht, wäre Afrin schon längst eingenommen."

Helfer wurden beschossen

Hilfsorganisationen und Augenzeugen berichten etwas anderes. Auch humanitäre Helfer werden offenbar nicht verschont, berichtet Dr. Basrawi Ali. Der kurdische Arzt arbeitet für die deutsche Hilfsorganisation "Armut und Gesundheit" mit Sitz in Mainz und machte sich selbst auf den Weg in die Stadt Afrin. "Unterwegs wurde unser Konvoi von der türkischen Armee angegriffen. Unsere Autos waren alle Zivilfahrzeuge, darunter drei Krankenwagen. Sobald wir das Gebiet von Afrin erreicht hatten, hat uns die türkische Luftwaffen beschossen. Aus der Luft und mit Artillerie. Dabei ist einer unserer Fahrer ums Leben gekommen, 15 unserer Leute wurden verletzt", schildert Ali.

Berichte wie diese tauchen in den türkischen Medien nicht auf. Natürlich ist bei allen Informationen aus dem Kriegsgebiet Vorsicht geboten. So besteht der türkische Regierungssprecher Bekir Bozdag darauf, dass es keine zivilen Opfer gebe: "Im Gebiet, in dem die Operation Olivenzweig durchgeführt wird, hat es bis heute keinerlei Probleme beim Zugang zu humanitären Bedürfnissen oder ärztlicher Versorgung gegeben. Es hat bis heute keinen einzigen Fall gegeben, bei dem Zivilisten zu Schaden gekommen wären."

"Kinder können keine Kämpfer sein"

Basrawi Ali berichtet hingegen sogar von Angriffen auf Schulkinder: "Etwa 40 Schüler wurden verletzt, einige getötet. Auch Frauen und ältere Menschen sind ums Leben gekommen. Die waren alle Zivilisten. Ich glaube nicht, dass ein Schulkind, in der dritten oder vierten Klasse ein Kämpfer sein kann."

Die kurdische Nachrichtenagentur ANF veröffentlichte eine Liste von 31 Schulen im Bezirk Afrin, die bombardiert worden sein sollen. Das wäre jede zehnte Schule.

Türkei fühlt sich nicht an UN-Resolution gebunden

Die Zivilisten zu schützen, das sollte der Sinn der UN-Resolution vom 24. Februar sein: eine 30-tägige Waffenruhe wird darin gefordert - für ganz Syrien. So steht es eindeutig im Resolutionstext.

Die Türkei fühlt sich an den Beschluss des UN-Sicherheitsrats nicht gebunden. Regierungssprecher Bekir Bozdag bezieht sich auf das Kleingedruckte: "Die Resolution macht bei der Bekämpfung der Terrormiliz 'Islamischer Staat' und deren Untergruppen eine Ausnahme."

Das Gros der türkischen Angriffe gilt jedoch den kurdischen Volkschutzeinheiten YPG. Europa und die USA forderten die Türkei deshalb auf, ihre Kämpfe umgehend einzustellen. Der Regierungschef der Türkei, Binali Yildirim, ist jedoch nicht der Ansicht, dass die Türkei genug getan hätte, um ihre Grenze zu schützen und auf einen - nach internationaler Auffassung völkerrechtswidrigen - Vormarsch zu verzichten: "Diese Operation basiert auf internationalem Recht und dem Recht auf Selbstverteidigung. Sie wird abgeschlossen, wenn die Ziele erreicht sind. Wer unsere Grenzen bedroht und uns terrorisiert, der ist für uns ein Ziel. Wir zögern nicht, dagegen vorzugehen."

Türkische Militäraktion in Syrien fordert immer mehr Opfer
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
02.03.2018 20:05 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die Tagesschau am 21. Februar 2018 um 12.00 Uhr.

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