Der türkische Präsident Erdogan und der russische Präsident Putin  | Bildquelle: AP

Putin trifft Erdogan in Istanbul Wer hat welche Interessen?

Stand: 08.01.2020 10:51 Uhr

Putin und Erdogan eröffnen heute eine Gaspipeline. Der Zugang zu Energiequellen bestimmt zunehmend die Politik der Türkei. Das kommt auch Putins strategischen Interessen entgegen.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Die Mittelmeer-Anrainerstaaten teilen die Bodenschätze unter sich auf und die Türkei bleibt auf der Strecke: Das ist der Eindruck, den der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seinen Landsleuten vermittelt.

Die regionalen Allianzen, die im östlichen Mittelmeerraum geschmiedet werden, seien für die Zukunft der Türkei lebenswichtig, betont der Regierungschef. "Da können wir nicht tatenlos zuschauen. Wir sind gezwungen, unseren eigenen Spielplan zu erarbeiten und umzusetzen."

Erdogan hat wirtschaftliche Interessen in Libyen

Ein eigener Spielplan - im Streit um die Gasfelder vor Zypern setzte Erdogan den um. Er schickte Bohr- und Forschungsschiffe in Begleitung der Marine. Jetzt ist Libyen dran. Auch dort hat die Türkei wirtschaftliche Interessen und will Gasvorkommen im Mittelmeer sichern. Erdogan unterstützt deshalb die Einheitsregierung in Tripolis.

Faik Öztirak, Sprecher der türkischen Oppositionspartei CHP, kritisiert das. Die Mittelmeeranrainer kooperieren miteinander, um von den Bodenschätzen zu profitieren und die miteinander zu teilen, erklärt er. Darum tauschen sie sich diplomatisch aus und entsenden ihre Wirtschaftsreferenten und Geschäftsleute, betont Öztirak. "Aber die Führung von Erdogan sieht sich gezwungen, Soldaten zu entsenden, um die Regierung in Libyen zu retten, um Präsenz im Mittelmeer zu zeigen."

Die Karte zeigt die "TurkStream-Pipeline" im Schwarzen Meer.
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Das russisch-türkische Erdgas-Pipeline-Projekt TurkStream ist für die Türkei auch ein politischer Erfolg.

Russland unterstützt Haftar

Die libysche Regierung steht unter Druck. Denn der abtrünnige General Haftar hat eine Offensive auf die Hauptstadt Tripolis gestartet und Russland unterstützt ihn. Der türkische Journalist Hakan Aksay war lange Korrespondent in Russland. An eine offene Konfrontation der beiden Länder auf libyschem Boden glaubt er nicht: "Die Türkei weiß, dass sie Haftar nicht plötzlich besiegen kann und stellt sich deshalb, wie schon in Syrien, auch in Libyen eher eine türkisch-russische Kooperation vor: gemeinsame Patrouillen zum Beispiel."

Damit sollen die beiden Länder die Vorhut einer Friedensmission in Libyen werden. So kann die Türkei innenpolitisch und außenpolitisch punkten, erklärt Aksay weiter.

Nordsyrien könnte Thema auf dem Treffen werden

Erdogan hatte im Herbst mit der Einheitsregierung in Tripolis, die international anerkannt wird, ein Abkommen über Seegrenzen geschlossen. Dadurch will er sich Bodenschätze im Mittelmeer sichern. Das könnte Teil von den Verhandlungen mit Russland werden, meint Aksay. Aber auch Nordsyrien könnte dabei Thema werden. In Idlib unterstützt die Türkei die Rebellen, Russland Machthaber Assad. Der ist auf dem Vormarsch. 

"In die Verhandlungsmasse könnte auch Syrien mit einfließen", sagt Aksay. Russland könnte einen Deal aushandeln, der natürlich zu seinen Gunsten ausfällt, aber daneben auch die Türkei in Schacht hält. Für klare Vorhersagen sei es aber noch zu früh, betont der Journalist.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan | Bildquelle: dpa
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Das Treffen zwischen dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan und Russlands Präsident Putin findet inmitten schwerer Spannungen im Nahen Osten statt.

"Bitte fragen Sie nicht nach Details"

Erdogan dürfte durch das militärische Mandat für Libyen versucht haben, sich für die Verhandlungen mit Russland zu positionieren. Über die genaue Ausgestaltung hält sich Regierungssprecher Ömer Celik bedeckt: "Bitte fragen sie mich nicht nach Details. Wir können auf See sein oder an Land sein. Fragen zu Zahlen und Kontingenten unserer Verbände zu beantworten - das kann ich nicht machen." Man wolle die Sicherheit der Soldaten nicht gefährden und effektiv vorgehen.

Und Putin? Experten unterstellen ihm schon länger, dass er die Türkei aus der NATO herauslösen will. Beispielsweise lieferte Russland ihr im Sommer das Raketenabwehrsystem S400 gegen den Willen des NATO-Partners USA. Russland-Experte Aksay glaubt nicht, dass Putin das will. "Putin will einerseits die Türkei ausnützen und andererseits die NATO und das westliche Lager von innen heraus schwächen und polarisieren. Das soll die Position Russlands insgesamt und Putins Rolle innenpolitisch stärken."

Und das gelingt ihm auch ganz gut, sagt Aksay, sei es durch das Vorgehen im Nahen Osten oder durch den Verkauf von S400. Dass aber Russland die Türkei darüber hinaus weiter an sich binden will, bezweifelt er.

General: Russland will Türkei nicht an sich binden

Der frühere türkische General Ahmet Yavuz beschreibt das Verhältnis der beiden Länder so: "Die Interessen der Türkei und Russlands decken sich nie komplett ab. Man muss sich das wie zwei Kreise vorstellen, die sich teilweise überschneiden. Die gemeinsamen Interessen sind mal größer, mal kleiner, je nachdem, was gerade nationales Interesse ist."

Aber auch er glaubt, dass Putin und Erdogan sich einigen werden, wie sie das auch schon im Herbst bei Nordsyrien nach der türkischen Offensive getan haben. "Konfrontationen mit Parteien, die die Milizen von General Haftar unterstützen, also Frankreich, Ägypten, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Russland sind ausgeschlossen. Wir sind nicht in Libyen, um uns mit irgendwelchen Parteien Gefechte zu liefern", erklärt er.

Putin trifft Erdogan in Istanbul
Karin Senz, ARD Istanbul
08.01.2020 09:04 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 08. Januar 2020 um 11:45 Uhr.

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