Menschen in einem türkischen Lebensmittelgeschäft - kurz vor Beginn der Ausgangssperre | Bildquelle: AFP

Erdogan hält seinen Innenminister Chaos um Ausgangssperre - kein Rücktritt

Stand: 13.04.2020 07:22 Uhr

Weil die Ausgangssperre erst zwei Stunden vor Beginn verkündet worden war, kam es in türkischen Geschäften zu Panikkäufen und Gedränge. Innenminister Soylu wollte deshalb zurücktreten - was Präsident Erdogan aber ablehnte.

Die türkische Regierung ist durch ihren Umgang mit der Corona-Krise in schwere Turbulenzen geraten. Innenminister Süleyman Soylu bot seinen Rücktritt an, nachdem er wegen einer sehr kurzfristig angekündigten Ausgangssperre zur Zielscheibe heftiger Kritik geworden war. Präsident Recep Tayyip Erdogan ließ allerdings mitteilen, er halte einen Rücktritt nicht für angemessen. Soylu werde "seine Aufgabe weiter ausführen".

Sein Rücktrittgesuch hatte der Minister kurz zuvor eingereicht. "Mögen mir mein Land, das ich niemals verletzen wollte, und unser Präsident, dem ich mein ganzes Leben lang treu ergeben sein werde, verzeihen", erklärte der 50-Jährige.

Selbst Bürgermeister nicht über Ausgangssperre informiert

Soylu hatte am Freitagabend mit nur zwei Stunden Vorlauf angekündigt, dass die Bewohner von 31 Städten, darunter der Hauptstadt Ankara und der Millionenmetropole Istanbul, ihre Wohnungen für einen Zeitraum von 48 Stunden nicht verlassen dürften. Selbst der Bürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoglu, war nach eigenen Angaben nicht vorab über die Maßnahme informiert worden. 

Viele Menschen hatten daraufhin noch panikartig Lebensmittel gekauft. Auf den Straßen gab es Staus und in den Geschäften teils dichtes Gedränge. Die Menschen ignorierten die Regel, Abstand zu halten und trugen oft keine Gesichtsmasken. Erst später verkündete die Regierung, Bäckereien, Apotheken und andere Geschäfte des täglichen Lebens sollten trotz der Ausgangssperre geöffnet bleiben.

Innenminister Süleyman Soylu (Archivbild) | Bildquelle: REUTERS
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Soylu (hier auf einem Archivbild aus dem vergangenen Jahr) wollte die politische Verantwortung für das Chaos übernehmen.

Als Erdogan-Nachfolger gehandelt

Kritiker warfen der Regierung vor, die Menschen durch die überstürzte Maßnahme einer erheblichen Ansteckungsgefahr ausgesetzt zu haben. Soylu hatte zunächst darauf verwiesen, auf Anweisung Erdogans gehandelt zu haben. Gestern übernahm der Innenminister dann aber "die ganze Verantwortung". Die Bilder hätten nicht zum bis dahin erfolgreichen Corona-Krisenmanagement gepasst, so Soylu. Angesichts seiner langen Erfahrung hätte so etwas nicht passieren dürfen.

Der 50-Jährige, der früher der Oppositionspartei DP angehört hatte, trat 2012 der Regierungspartei AKP bei und ist seit August 2016, also kurz nach dem Putschversuch gegen Erdogan, Innenminister und gilt manchen als dessen möglicher Nachfolger.

Erdogan akzeptiert Rücktritt seines Innenministers nicht
Karin Senz, ARD Istanbul
13.04.2020 06:39 Uhr

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Mit Informationen von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. April 2020 um 02:10 Uhr.

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