Patrick K. | Bildquelle: Kraicker

Deutscher in türkischer Haft Wanderurlaub oder Reise zur YPG?

Stand: 25.10.2018 17:00 Uhr

Seit Monaten sitzt der deutsche Patrick Kraicker in Haft - nun geht der Prozess weiter. Die Türkei hält ihn für ein Mitglied der YPG, doch die Beweise in der Anklageschrift sind dünn.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Am 14. März 2018 meldet sich der Gießener Patrick Kraicker zum letzten Mal bei seinem langjährigen Freund Dennis Schulz per Telefon. Er befinde sich in der südosttürkischen Stadt Nusaybin, in sein Hotelzimmer sei eingebrochen worden, er habe kein Geld mehr. "Er wollte nur noch nach Hause", sagt Schulz. Kurz darauf nehmen türkische Sicherheitskräfte Kraicker fest.

In der Anklageschrift, die der ARD vorliegt, wird die Festnahme mit dem 27. März datiert. Seit mehreren Monaten sitzt der 29-jährige gelernte Schreiner in der türkischen Stadt Elazig in Haft. Die türkische Staatsanwaltschaft wirft Kraicker Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung und Eintritt in eine verbotene Militärzone vor. Dafür drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Anklage hält ihn für Mitglied der YPG

Am Freitag wird die Verhandlung gegen Kraicker in Sirnak fortgesetzt. Er soll per Videokonferenz vom etwa 450 Kilometer entfernten Elazig zugeschaltet werden. Mehrere Beweise werden gegen Kraicker aufgeführt: Vorneweg der Ort der Festnahme, ein nicht näher beschriebenes militärisches Sperrgebiet und der nicht näher erläuterte angebliche Versuch, in den Irak zu reisen.

In einem Beschlagnahmeprotokoll der türkischen Polizei heißt es, in seinem Portemonnaie habe sich die Notiz befunden, er reise erst nach Gaziantep und von dort nach Nusaybin. Außerdem soll Kraicker an die syrisch-kurdische Miliz YPG, eine Schwesterorganisation der auch in Deutschland als Terrorvereinigung eingestuften PKK, eine E-Mail geschickt haben.

Demnach habe er der YPG angeboten, für diese zu kämpfen. Er sei ein Tourist in Kilis und wolle der YPG helfen, so steht es laut Anklageschrift in der E-Mail. Er bräuchte Hilfe, spreche Englisch und Deutsch, sei 28 Jahre alt und habe vier Jahre Militärerfahrung in der Bundeswehr. Man solle ihm also eine Chance geben. Von der YPG kam eine Standardantwort. Kraicker solle einen E-Mail-Account bei Protonmail einrichten und dann erneut schreiben.

Patrick K. | Bildquelle: Kraicker
galerie

Der Gießener wurde Ende März in der Türkei festgenommen - seither sitzt der 29-Jährige in türkischer Haft.

Weiterhin überprüfte er laut Anklageschrift mit dem Smartphone eine Reiseroute innerhalb Syriens und hatte auf dem Handy ein als "Biji YPG" (es lebe die YPG) bezeichnetes Foto gespeichert. Schließlich will ihn laut Anklageschrift ein Zeuge namens Temel, der in der selben Zelle mit Kraicker gesessen haben soll, wiedererkannt haben. Kraicker sei, so Temel, im Januar 2018 in einem Krankenhaus in Syrien in YPG-Uniform als Arzt tätig gewesen.

Außerdem, so die Anklageschrift, habe der Gießener selbst in einem Verhör zugegeben, dass ihn zwei Freunde mit kurdischen Wurzeln auf die Idee gebracht hätten, sich der YPG anzuschließen, um in einem Krankenhaus Verletzte der YPG zu behandeln.

Kaum klare Beweise

Der Istanbuler Anwalt Veysel Ok betreute den Korrespondenten der Tageszeitung "Die Welt", Deniz Yücel, juristisch während seiner Haft in der Türkei. Er hat Kraickers Anklageschrift gelesen und erklärt gegenüber der ARD, nach türkischem Recht gebe es Bedingungen für eine Mitgliedschaft in einer Terrororganisation. Demnach müsse ein Mitglied in eine Hierarchie eingebunden sein. Das sei bei Kraicker gemäß der Anklageschrift nicht der Fall. Es gebe lediglich eine E-Mail, aber keine Informationen, wie diese geschickt oder erhalten wurde. Dazu komme die Aussage eines unbekannten Zeugen.

Immer wieder würden in der Türkei Personen aufgrund von Aussagen geheimer Zeugen festgehalten, wenn die Staatsanwaltschaft ansonsten keine Beweise habe. All das belege jedoch kaum Kraickers Mitgliedschaft in der YPG. Außerdem werde in der Anklageschrift nicht wiedergegeben, unter welchen Umständen Kraickers Aussage zustande kam - ob ein unabhängiger, vereidigter Dolmetscher anwesend war. In Kraickers Reisepass müsste schließlich nachvollziehbar sein, ob er nach Syrien eingereist sei. Dazu gebe es keine Informationen in der Anklageschrift. Diese sei also unvollständig und habe demnach lediglich das Ziel, Kraicker anhand von Vorwänden in Haft zu halten.

Bruder beklagt mangelnden Einsatz des Anwalts

Patrick Kraickers Bruder Dennis kann sich die Festnahme und Untersuchungshaft nicht erklären. "Patrick hat sich nie zu Erdogan oder zu kurdischer oder türkischer Politik geäußert", sagt er über seinen Bruder. Die einzige Verbindung, die sein Bruder zur kurdischen Kultur habe, sei über zwei Freunde mit kurdischen Wurzeln.

Patrick Kraickers Anwalt engagiere sich nicht so, wie er es eigentlich sollte, glaubt Dennis Kraicker. Er sei zuerst als Pflichtverteidiger aufgetreten, habe dann sehr schnell Geld verlangt. Mutter und Bruder hätten eine Anzahlung geleistet. Jedoch kümmere sich der Anwalt kaum um Patrick, so der Bruder.

Laut Freund eine unpolitische Reise

Der gute Freund, den Patrick Kraicker vor seiner Festnahme anrief, Dennis Schulz, erzählt ohne Umschweife, er wäre auch beinahe mit nach Gaziantep geflogen. Kraicker und er wollten in den Bergen in der Region wandern, so Schulz. Bilder aus Gaziantep hätten auf die beiden wie 1001 Nacht gewirkt. Die Brüder Antonio Y. und Mathias Y., Freunde von Kraicker und Schulz mit kurdischen Wurzeln, die auch schon in der Anklageschrift auftauchen, hätten dann von der Reise abgeraten, weil es in der Türkei zurzeit zu gefährlich sei.

Patrick hätte sich da jedoch den nur 70 Euro billigen Flug nach Gaziantep in den Kopf gesetzt. Dennis Schulz sagt - wie auch zuvor der Bruder Dennis Kraicker - der wegen Terrorvorwürfen Inhaftierte sei völlig unpolitisch gewesen sein. Er habe eigentlich keine Ahnung von dem Konflikt zwischen dem türkischen Staat und den Kurden. Die Vorwürfe der türkischen Staatsanwaltschaft seien konstruiert.

Vor allem die Aussage des obskuren Zeugen, der Patrick bereits im Januar in Syrien gesehen haben will, hält Schulz für Humbug. "Ich war mit Patrick jeden zweiten Tag zusammen", so Schulz. Ein offizieller Nachweis anhand von Dokumenten sei für ihn als Freund jedoch schwierig.

Altmaier will Fälle im Hintergrund ansprechen

Am Mittag ist Bundeswirtschaftsminister Altmaier in Ankara mit einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation gelandet. Es soll auch um die Normalisierung des Verhältnisses zu Ankara gehen. Altmaier will bei türkischen Regierungsvertretern die Fälle deutscher Staatsbürger ansprechen, die in der Türkei inhaftiert sind. Allerdings im Hintergrund und "nicht bei einer Pressekonferenz". Vielleicht hilft das Kraicker.

Wirtschaftsminister Altmaier zu Gesprächen in der Türkei
tagesschau 17:00 Uhr, 25.10.2018, Volker Schwenck, ARD Berlin

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. Oktober 2018 um 17:00 Uhr.

Darstellung: