Proteste gegen den Goldabbau im Ida-Gebirge | Bildquelle: Bernhard Niebrügge

Bergbau in der Türkei Naturschützer protestieren gegen Goldabbau

Stand: 12.08.2019 18:38 Uhr

Im türkischen Ida-Gebirge schürft ein Bergbau-Konzern nach Gold. Anwohner und Umweltschützer befürchten massive Schäden für die Natur und das Trinkwasser der Region - und organisieren Protest.

Von Bernd Niebrügge, ARD-Studio Istanbul

"Nein, wir wollen hier kein neues Gezi aufziehen - wir sind anders", sagt die 32-jährige Naturschützerin Filiz Yaprak. "Deshalb sind in unserem Protestcamp politische Äußerungen oder Parolen verboten. Wir sind keine politische Organisation. Es gibt aber Kreise, die genau das wollen, dass man uns für Gezi-Aktivisten hält."

Hunderttausende Bäume gefällt

Yaprak und mehrere Hundert Mitstreiter haben im Ida-Gebirge ihr Protestcamp aufgebaut. Hier, nahe der Stadt Canakkale, hat eine kanadische Bergbaufirma vor zwei Jahren begonnen, Hunderttausende Bäume zu fällen und das gesamte Erdreich bis auf das bloße Gestein abzutragen. Der türkische Staat hat der kanadischen Firma Alamo Gold Inc. das Gelände und die Schürfrechte für 90 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt, heißt es. Mit 4,5 Prozent sei die Türkei zudem an dem Goldertrag beteiligt. Ein lukratives Geschäft.

Luftbild des Ida-Gebirges | Bildquelle: BBC Türkei
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Ein Drohnen-Video zeigt die Tragweite des Kahlschlages über mehrere Hundert Hektar.

Doch die Tragweite dieses Kahlschlages über mehrere Hundert Hektar hat erst ein Drohnen-Video öffentlich gemacht, das in den letzten vierzehn Tagen millionenfach in den Sozialen Medien geteilt worden ist. Es zeigt kahlgeschlagene Bergzüge und ausgebaggerte Täler, unwiederbringlich zerstört: eine tiefe Wunde in einer der schönsten Naturlandschaften der Türkei.

Umweltaktivisten protestieren gegen geplante Goldmine
mittagsmagazin 13:00 Uhr, 12.08.2019, Bernd Niebrügge, ARD Istanbul

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Demo mit 10.000 Teilnehmern

In den zumeist regierungsnahen Medien wurde über das enorme Ausmaß der Baumrodungen und die Zerstörung riesiger Naturflächen kaum berichtet. Erst das geteilte Video und die immer neuen Informationen über die Situation auf Facebook, Instagram oder Twitter brachten die Protestwelle in Gang.

Yaprak war hier vor Ort im Protestcamp eine der ersten. "Als ich gekommen bin, waren wir noch wenige Leute. Jetzt gibt es bereits 300 Zelte. Am letzten Montag gab es die erste Großdemo mit 10.000 Teilnehmern. Einfach großartig. Es zeigt, dass wir uns Gehör verschafft haben."

Kommunalpolitiker und Umweltexperten beteiligen sich

Filiz Yaprak | Bildquelle: Bernhard Niebrügge
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Demonstrantin Yaprak fürchtet Repression des Staates.

Doch kann in der Türkei der öffentliche Protest zu einer gefährlichen Sache werden. Auch die Gezi-Park-Proteste 2013 in Istanbul drehten sich anfangs um den Schutz von Bäumen. Dann aber richteten sich die Proteste gegen die Regierung Erdogan. Inzwischen sitzen viele der damaligen Aktivisten in Haft, angeklagt wegen "versuchten Staatsstreichs" oder auch der "Terrorunterstützung".

Im Camp der Umweltschützer im Ida-Gebirge finden sich Türken aus allen Gesellschaftsschichten. Gemeinsam mit Umweltexperten und regierungskritischen Kommunalpolitikern aus den umliegenden Orten organisieren sie den Protest. Man zeigt sich, trotz der für kritische Geister im Land schwierigen Lage, wieder mutig.

Angst vor Repression

Die türkischen Oppositionsparteien haben ihre Chance für eine Kritik an der Regierung Erdogan erkannt. Die Vorsitzende der nationalistischen IYI Partei, Meral Aksener, pflanzte direkt vor dem Bauzaun der kanadischen Bergbaufirma kleine Bäumchen und gießt sie höchstpersönlich - eine öffentlichkeitswirksame Solidarität mit den Umweltaktivisten. Vertreter von der kemalistischen CHP und der prokurdischen HDP haben sich in den Ida-Bergen ebenfalls gezeigt. Alle Oppositionsparteien brandmarken die Regierung Erdogan als verantwortlich für eine Umweltkatastrophe.

Doch im Camp fürchtet man die politische Instrumentalisierung. Und dies nährt die Sorge vor plötzlichen Repressalien durch den Staat oder auch vor einer Auflösung des Protestdorfes durch die Polizei.

Angst vor Vergiftung der Trinkwasser-Reserven

Die Proteste vor der riesigen Goldmine begannen Ende Juli. Seitdem habe die kanadische Bergbaufirma keine Bäume mehr gefällt, erzählen die Naturschützer stolz. Davor aber seien angeblich 600.000 Bäume illegal gerodet worden. Ein vielfaches der Menge, die türkischen Behörden genehmigt haben sollen.

Über die Risiken für den Atikhisar Staussee - das Trinkwasserreservoir für die gesamte Ida-Region und knapp 180.000 Menschen - sprechen nur die Umweltschützer. Die Goldgewinnung mit giftigen Chemikalien könnte über das Grundwasser den See verschmutzen, warnt der Agraringenieur Hicri Nalbant. "Das Zyankali, mit dem das Gold in einem schwierigen Prozess herausgelöst wird, soll in großen Schlammbecken auf dem Betriebsgelände gelagert werden. Es wird langfristig Boden und Wasser vergiften."

Proteste gegen den Goldabbau im Ida-Gebirge | Bildquelle: Bernhard Niebrügge
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Hunderte Menschen versammeln sich in den Bergen ...

Proteste gegen den Goldabbau im Ida-Gebirge | Bildquelle: Bernhard Niebrügge
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... unter ihnen Anwohner und Umweltschützer.

Regierung beschwichtigt

Das Protestcamp in den Ida-Bergen sorgt in der Türkei nun fast täglich für Schlagzeilen. Die Regierung Erdogan sah sich schon gezwungen, öffentlich Stellung zu nehmen. Den Vorwürfen, es habe illegale Abholzungen gegeben und eine Umweltkatastrophe habe das Ida-Gebirge heimgesucht, wurde widersprochen. Neue Bäume seien inzwischen schon angepflanzt worden. Auch betonte der türkische Regierungssprecher Ömer Celik, dass das giftige Zyankali beim Abbau nicht zur Anwendung käme.

Unweit des Stausees liegt das kleine Dorf Kirazli. Vor 20 Jahren hat man hier schon vor den Folgen des Goldabbaus gewarnt. Damals waren auch noch einige Bewohner dagegen. Die jetzige große landesweite Protestwelle kommt für sie viel zu spät. Sie haben sich mit den kahlen Flächen in ihrer Umgebung abgefunden. Außerdem bietet das kanadische Bergbauunternehmen endlich Arbeitsplätze vor allem für die jungen Menschen - hier in einer strukturschwachen Region. Die Demonstranten aus Istanbul, Antalya oder Izmir reisen irgendwann wieder ab, kritisieren sie. Sie aber müssten hier weiterleben.

Die Demonstranten vor Ort wissen um das hohe persönliche Risiko ihres Einsatzes für die Natur. Deshalb wurde am Wochenende auch eine mögliche Auflösung des Camps diskutiert. Doch am Ende entschieden sie zu bleiben.

"Wir repräsentieren doch inzwischen das, was das Volk will", ist eine der Protestierenden überzeugt. "Darum werden wir nicht weichen. Und wir werden den Goldgrubenbesitzern, die doch die eigentlichen Besetzer sind, und der Regierung, die das alles genehmigt hat, hier keinen Zugang mehr gewähren."

Über dieses Thema berichtete das mittagsmagazin am 12. August 2019 um 13:00 Uhr.

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