Trauer in Istanbul

Eskalation nach Tod eines 15-Jährigen Wut und Trauer in Istanbul

Stand: 12.03.2014 17:32 Uhr

Zehntausende Menschen sind im Zentrum von Istanbul zur Beerdigung des 15-jährigen Berkin Elvan zusammengekommen. Der Jugendliche war am Dienstag gestorben. Er erlag den schweren Verletzungen, die er bei Demonstrationen gegen die Regierung im Juni erlitten hatte. Viele Teilnehmer des Trauermarschs forderten den Rücktritt von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.

Im Anschluss an die Beerdigung ging die türkische Polizei mit Gewalt gegen die Regierungsgegner vor. Augenzeugen berichteten, die Beamten hätten Gummigeschosse, Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt. Ein dpa-Reporter beobachtete wie Demonstranten mit Steinen und Zwillen auf die Polizei losgingen.

In Istanbul setzte die Polizei erneut Tränengas gegen Demonstranten ein.
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In Istanbul setzte die Polizei erneut Tränengas gegen Demonstranten ein.

Neue landesweite Proteste gegen Erdogan

Auch in der Hauptstadt Ankara gingen Menschen zum Gedenken an den Jugendlichen auf die Straße. Als sie eine Hauptverkehrsachse Ankaras blockieren wollten, schritt die Polizei ein. Die Polizisten trieben die Demonstranten mit Tränengas und Wasserwerfern auseinander.

Der Tod Elvans hatte am Dienstagabend im ganzen Land neue Proteste ausgelöst. Die Demonstranten riefen "Erdogan - Mörder" und "Der Mörder-Staat wird zur Rechenschaft gezogen!". In Izmir nahm die Polizei in der Nacht auf Mittwoch mehr als hundert Menschen fest.

Der Jugendliche war zum Symbol für Polizeigewalt geworden. Er war im Juni auf dem Weg zu einem Bäcker, als er zwischen die Fronten der Straßenschlachten von Polizei und Demonstranten geriet. Er wurde vermutlich von einer Tränengasgranate am Kopf getroffen.

Der Jugendliche ist bereits das achte Todesopfer der landesweiten Massenproteste gegen die Regierung. Unter den Toten ist auch ein Polizist. Zudem wurden bei den Demonstrationen mehr als 8000 Menschen verletzt. Die Wut der Demonstranten hatte sich an einem staatlichen Bauprojekt im zentralen Gezi-Park in Istanbul entzündet.

Sein Tod und die neue Protestwelle könnte Ministerpräsident Erdogan weiter in Bedrängnis bringen. Er war bereits damals wegen des überaus harten Polizeieinsatzes gegen die Demonstranten scharf kritisiert worden. In den vergangenen Wochen geriet er in das Zentrum von Korruptionsermittlungen. Im Internet wurden Telefonmitschnitte veröffentlicht, die angeblich beweisen, dass Erdogan in illegale Machenschaften verwickelt war. Erdogan sprach von manipulierten Aufnahmen, die lediglich ihn und seine Regierung diskreditieren sollten.

Erdogan will Facebook und Youtube doch nicht völlig sperren

Tayyip Erdogan
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Ministerpräsident Erdogan steht unter anderem wegen einer Korruptionsaffäre unter Druck.

Unterdessen relativierte Erdogan seine Drohung, den Zugang zu sozialen Medien sperren zu lassen. Ende vergangener Woche hatte er angekündigt, Facebook und YouTube blockieren zu wollen - aus Ärger über die veröffentlichten Telefonmitschnitte.

Nun ruderte er zurück. Eine völlige Blockade solcher Seiten komme "nicht in Frage", sagte er der Zeitung "Yeni Safak". Doch bekräftigte er die Absicht, "gefälschte" Aufnahmen im Internet zu bekämpfen. Ein neues Gesetz gibt der Regierung bereits Handhabe zur verstärkten Kontrolle des Internets.

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