Das Dorf Mercimekli im Südosten der Türkei | Bildquelle: Aydogan Makasci

Arabischstämmige Clans aus der Türkei Auf den Spuren der Familienclans

Stand: 15.01.2020 05:36 Uhr

Arabischstämmige Clans beherrschen in einigen deutschen Großstädten Straßenzüge und vor allem das Rotlichtmilieu. Viele dieser Großfamilien haben ihren Ursprung im Südosten der Türkei. Eine Spurensuche vor Ort.

Von Aydogan Makasci, HR

An den Hosen von Mustafa klebt noch Matsch, als er in die schnöde Hotellobby kommt. Eigentlich heißt Mustafa anders, sein richtiger Name aber soll geheim bleiben. Er hat Angst vor seiner Familie, befürchtet, dass ihm etwas zustoßen könnte. "Es ist nicht loyal von mir, über all das zu sprechen und dieses Wissen zu teilen", erklärt er. "Deshalb müssen wir vorsichtig sein, verstehst du? Das ist nicht loyal gegenüber der Familie, wir müssen aufpassen."

Mustafa ist stabil gebaut, seine Augen sehen müde aus. Er gehört zu einer der großen Clan-Familien, lebte eine Zeit lang in Deutschland, saß im Gefängnis und musste deshalb zurück in die Türkei.

Viele kommen zurück in die Türkei

Inzwischen arbeitet er auf dem Feld, verdient sich seinen Lebensunterhalt mit Früchten. "Es sind viele aus Deutschland zurückgekommen, die auch im Gefängnis waren", berichtet er. "Wer hier im Gefängnis ist, hat sich dagegen einfach freigekauft. Es hat auch Vorteile, in der Türkei zu sein."

Mustafa stammt aus der arabischsprachigen Volksgruppe der Mhallami. Al-Zein, Remmo, Miri: Die meisten Clans in Deutschland gehören auch zu der Volksgruppe, der türkische Südosten ist eine Hochburg.

Regen fließt in kleinen Bächen durch die holprigen Gassen des Dorfes Mercimekli, zwischen beigen Steinhäusern hindurch, die mehr als tausend Jahre alt sind. Der Ort gilt als Mhallami-Hauptstadt.

Türkei-Libanon-Deutschland

Bis nach dem Ersten Weltkrieg lebt die Volksgruppe hier, danach wandern viele in den Libanon aus, erzählt Experte Mehmet Ali Aslan. "Dafür gab es viele Gründe: die schwache Wirtschaft, dann der Militärdienst, den viele nicht antreten wollten, und schließlich Streit zwischen mehreren Familien, die hier gelebt haben."

Als in den 1980er-Jahren im Libanon der Bürgerkrieg tobt, flüchten viele Mhallami dann nach Deutschland - auch die Familien Al-Zein, Remmo und Miri.

Kriminell - für die Angehörigen

Die Zeit im Exil stärkt den Zusammenhalt in der Familie, einige werden kriminell, um für die Angehörigen zu sorgen. Doch das sei nicht typisch für diese Volksgruppe, sagt Experte Aslan. "Das kommt höchstens im Ausland vor, hat aber nichts mit der Zugehörigkeit zu den Mhallami zu tun. Die Leute machen das für sich selbst, das hat nichts damit zu, das ist keine kulturelle oder religiöse Sache."

Das gelte auch für die Mhallami, die in der Türkei krumme Dinger drehten, vor allem in den größeren Städten Mersin, Adana oder Izmir.

In Diyarbakir sitzt der ehemalige Abgeordnete Altan Tan in seinem Büro in einem schwarzen Ledersessel, auf dem Tisch dampft ein Glas Tee. Tan hat die Clans in der Region untersucht und darüber ein Buch geschrieben - er glaubt, dass sich die Strukturen verändern. "Heute unterstützen sich die Familien vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, viele sind aus den Dörfern in die Städte gezogen, der Zusammenhalt spielt eine immer kleinere Rolle, es existieren vor allem die Namen."

Razzia der Polizei gegen Kriminalität | Bildquelle: imago images/Reichwein
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Polizisten stürmen ein Haus - Razzia gegen Clan-Kriminalität.

Bis zu 60 solcher Gruppen gebe es noch in der Region Mardin - kriminelle Verwicklungen streitet der Autor aber vehement ab. Vielmehr seien die Clans in diesen Tagen mit sich selbst beschäftigt. "Bei diesen Gruppen geht es weniger um Kultur oder Religion, sie haben alle dieselbe Herkunft und sind vergleichbar mit politischen Parteien. Genau wie da gibt es manchmal Konflikte um die Führung."

Illegales Geld aus Deutschland

Führungsstreit in der Familie? Gar keine illegalen Geschäfte? Der Clan-Angehörige Mustafa erzählt andere Geschichten: über prächtige Hochhäuser, die mit illegalem Geld aus Deutschland renoviert würden. Über vertuschte Morde und politischen Einfluss. "Seit über 40 Jahren geht aus unserem Dorf niemand mehr zum Militär, wir haben uns dem türkischen Staat immer widersetzt, mit unserem Mut, den wir aus unseren Mafia-Geschäften gewonnen haben. Kein anderes Dorf ist so."

Mustafa kommt aus einem Dorf, das auf Türkisch Ückavak heißt und auf Arabisch Rajdiye. Vor allem Ältere leben heute hier, Journalisten sind im Dorf nicht gerne gesehen. Dafür die Verwandten aus Deutschland, die laut Mustafa regelmäßig schmutziges Geld mitbringen.

Auf den Spuren der Clans in der Türkei
Aydogan Makasci, ARD Istanbul
15.01.2020 07:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete SR2 am 15. Januar 2020 in der Sendung Am Morgen zwischen 06:05 und 09:00 Uhr.

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