Offensive des türkischen Militärs in Hatay | Bildquelle: AFP

Nach geplantem US-Abzug Türkei sieht Chance für Kurden-Offensive

Stand: 21.12.2018 17:47 Uhr

Schon vor der Ankündigung des US-Truppenabzugs hat Staatschef Erdogan eine türkische Offensive gegen Kurden in Syrien angekündigt. Jetzt ist der Weg dafür frei. Vorerst verschiebt er den Angriff aber.

Von Marion Sendker, ARD-Studio Istanbul

Marschiert die Türkei jetzt in Nordsyrien ein oder nicht? Seit Tagen spricht Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan davon, die Gebiete östlich des Flusses Euphrat von kurdischen Rebellen befreien zu wollen. Jede Nacht könne es so weit sein.

Nachdem US-Präsident Trump am Donnerstag überraschend den Abzug der dort noch stationierten US-Soldaten verkündet hat, wäre der Weg für Erdogans nächste Syrien-Offensive im Grunde frei. Doch dann sagte der türkische Staats- und Regierungschef: "Mein Telefonat mit Herrn Trump, die Kontakte zwischen unseren Diplomaten und Sicherheitskreisen und auch die Erklärung der amerikanischen Seite, sich aus Syrien zurückzuziehen, haben uns dazu gebracht, noch etwas zu warten."

Ewig werde Erdogan bestimmt nicht warten, betonte er noch. Sondern nur so lange, bis die USA ihre gut 2000 Soldaten abgezogen haben. Das kann Tage oder, was wahrscheinlicher ist, ein paar Wochen dauern.

Kampf gegen den IS nicht erste Priorität

SDF-Kämpfer in Nordsyrien (Archivbild) | Bildquelle: AFP
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SDF-Kämpfer gehen in Nordsyrien zusammen mit US-Einheiten gegen den IS vor.

Erdogan kündigte an, die Zwischenzeit zu nutzen, um genau zu planen, wie die Türkei die kurdischen Rebellen und die übrigen Einheiten der Terrormiliz "Islamischer Staat" in Nordsyrien eliminieren werde. Das sei nämlich das Hauptinteresse der Türkei in Syrien, sagt der Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul, Kristian Brakel: Sie wollten es schaffen, die Vorherrschaft der kurdischen Kräfte, namentlich der PYD und der YPG, zu beenden und zurückzudrängen.

Westkurdistan als Pufferzone

Die Rede ist von Westkurdistan, einer quasi autonomen kurdischen Zone entlang der Grenze, die Erdogan gerne kontrollieren und als Pufferzone einrichten möchte. Erdogan befürchtet, dass eine gefestigte Autonomie der Kurden in Syrien die separatistischen Bestrebungen von Kurden in der Türkei verstärken wird. In der PYD und YPG sieht er den syrischen Arm der in der Türkei, den USA und der EU als Terrororganisation verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. 

Brakel vermutet, dass eine Militäroperation in Nordsyrien sich aber nicht gegen die kurdische Bevölkerung richtet:

"Nur diese Regierungs- und Militärstrukturen sollen abgelöst werden. Das hängt aber auch ganz stark davon ab, was Damaskus macht, was Moskau zulässt. Ich glaube, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen."

Profitiert Assad von der Situation?

Nicht ausgeschlossen sei jetzt zum Beispiel, dass die Kurdenmilizen mit Assad einen Deal aushandeln. Da habe aber auch Russland ein Wörtchen mitzureden, sagt der ehemalige US-Diplomat Matthew Bryza in Istanbul. Die türkische Syrienpolitik beziehe deswegen auch Russland mit ein:

"Die Türkei will einerseits die Beziehungen zu Russland stärken, möchte den Russen aber nicht den mittleren Osten überlassen. Dasselbe gilt für Iran: Die Türkei hat ein Interesse daran, den iranischen Einfluss in Syrien zu begrenzen."

Da trifft es sich gut, dass Irans Staatspräsident Hassan Rohani gerade erst bei Erdogan zu Besuch war. Gemeinsam wolle man die Einheit Syriens bewahren, hieß es danach auf der Pressekonferenz. Welche Einheit sie damit meinten, ließen die beiden Staatschefs aber offen.

Syrien-Friedensgespräche in Astana | Bildquelle: AFP
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In Astana formulierten der Iran, die Türkei und Russland ihre Ziele für den syrischen Friedensprozess

Rohani und Erdogan verwiesen stattdessen auf den so genannten Astana-Prozess, in dem Iran, Türkei und Russland sich für eine Deeskalation in Syrien einsetzen. Das Interesse der Türkei ist klar: Je ruhiger es in Syrien bleibt, umso weniger Flüchtlinge kommen in die Türkei und umso mehr Syrer kann die Türkei zurück nach Syrien schicken - am liebsten in eben jene Grenzzone, in der jetzt noch vielerorts die Kurden das Sagen haben.

Türkei sieht nach US-Abzug Chancen für Offensive gegen Kurden
Marion Sendker, ARD Istanbul
21.12.2018 16:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. Dezember 2018 um 19:20 Uhr.

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