Das Konterfei von Osman Kavala ist auf einem Plakat zu sehen, auf dem für seine Freilassung geworben wird. | AFP
Porträt

Prozess gegen türkischen Kulturmäzen "Kalkulierte Grausamkeit"

Stand: 18.12.2020 15:07 Uhr

Seit mehr als drei Jahren sitzt Osman Kavala in Haft. Heute hat ein zweiter Prozess gegen ihn begonnen. Der türkische Präsident Erdogan wirft ihm Putschpläne vor und bezeichnet ihn als "Finanzquelle von Terroristen".

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Ein Porträt von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Was hat Präsident Erdogan gegen Osman Kavala? Diese Frage stellt sich auch heute wieder, wo sich der türkische Kulturmäzen in einem zweiten Prozess vor Gericht verantworten muss, weil er unter anderem die Gezi-Park-Proteste in Istanbul 2013 mitfinanziert und -organisiert haben soll. Seit mehr als drei Jahren sitzt Kavala inzwischen im Gefängnis. Internationale Politiker und auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte fordern, die Türkei müsse ihn sofort freilassen. Viele, die ihn kennen, sagen, der 63-Jährige sei ein besonderer Mensch. Für Erdogan scheint er ein besonderer Feind zu sein.

Osman Kavala | AP

Osman Kavala - kein Politiker und kein Agitator, sagen Freunde und Wegbeleiter. Bild: AP

Verhaftung ohne Grund?

Yavuz Özkaya sitzt in Ankara an seinem Schreibtisch und schüttelt den Kopf. Warum Osman Kavala im Gefängnis sitzt, versteht er nicht. "Er war in der Öffentlichkeit nicht so bekannt. Und er ist auch kein Politiker. Er macht einfach nur seine Projekte. Wir haben einfach keine Ahnung." Özkaya ist Architekt und arbeitet seit vielen Jahren mit Osman Kavala zusammen. Im Osten der Türkei in Ani zum Beispiel restaurieren sie historische armenische Gebäude, ein Projekt, in das auch das türkische Kulturministerium eingebunden war.

Ein besonderer Feind Erdogans

Mitarbeiter des Ministeriums hätten sich sehr betroffen gezeigt, als Kavala im Herbst 2017 festgenommen worden sei, erzählt Özkaya. Ihr Chef, Präsident Recep Tayyip Erdogan, erklärte ihn dagegen zu seinem besonderen Feind. Der Kulturmäzen sei an Putschplänen beteiligt gewesen. "Jemand, der während der Gezi-Park-Proteste Finanzquelle der Terroristen war, sitzt momentan im Gefängnis. Warum sollte unsere Justiz mir nichts dir nichts einen Unschuldigen verhaften, jemanden, der nichts verbrochen hat?", so Erdogan.

Recep Tayyip Erdogan | via REUTERS

Präsident Erdogan hält an dem Vorwurf fest, Kavala habe die Gezi-Proteste finanziert. Bild: via REUTERS

Vorwürfe auch gegen deutsche Stiftungen

Anne Duncker verzweifelt fast bei solchen Vorwürfen. Sie lernte den großen schlanken Mann mit den grauen Locken schon vor 21 Jahren nach dem großen Erdbeben bei Istanbul kennen. Damals halfen sie gemeinsam den Opfern. Inzwischen arbeitet sie für die deutsche Mercator-Stiftung, die ebenfalls gemeinsame Projekte mit dem 63-Jährigen umsetzt. Sie beschreibt Kavala als ruhigen und auf Ausgleich bedachten Menschen. "Er ist überhaupt nicht jemand, der politisch agitiert oder der versucht durch Aggressivität etwas zu erreichen." Eher versuche er durch interkulturelle Begegnungen die Welt ein bisschen besser zu machen.

Bereits im ersten Prozess saßen deutsche Stiftungen, wie das deutsche Goethe-Institut oder auch die Mercator-Stiftung quasi mit auf der Anklagebank. Der Vorwurf: Auch sie hätten Einfluss auf die Gezi-Park-Proteste genommen. Duncker weist dies entschieden zurück. Sie verweist darauf, dass sämtliche Förderungen durch ihre Stiftungen transparent und nachvollziehbar seien.

Neue Vorwürfe nach erstem Freispruch

Mercator steht weiter zu Kavala und seiner Stiftung Anadolu Kültür. Zusammen mit anderen deutschen Institutionen, die in der Türkei aktiv sind, wehrte sich Mercator erst vor Kurzem in einer öffentlichen Erklärung gegen die Vorwürfe und verurteilte Kavalas Haft. Einige andere Partner seiner Stiftung ziehen sich allerdings zurück, erzählt Asena Günal, seine engste Mitarbeiterin.

Im Februar hat ein Istanbuler Gericht den Kulturmäzen freigesprochen. Günal wartet damals mit anderen Freunden in der Nähe des Gefängnisses. Er kommt nicht. Wegen neuer Ermittlungen wird er sofort wieder festgenommen. Für Asena Günal ist das Folter:"Das ist kalkulierte Grausamkeit. Und ich weiß nicht, wann er freikommt. Ich sehe eigentlich nur noch eine Chance, wenn die Regierung abgewählt wird."

Europäischer Gerichtshof und Europarat schalten sich ein

Kavalas Fall ist ein Paradebeispiel für die Willkür der türkischen Justiz unter dem Einfluss der Politik, sagen Kritiker. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilte schon vor einem Jahr, dass die Türkei Kavala sofort freilassen muss. Anfang des Monats forderte der Europarat, das Urteil endlich umzusetzen. Ankara ignoriert das alles. Das wird Konsequenzen haben, sagt Peter Schwabe. Er ist SPD-Bundestagsabgeordneter und sitzt im Europarat: "Da geht es am Ende auch ums Grundsätzliche, um die Frage, ob ein Land, das diese Regeln nicht respektiert Mitglied des Europarats bleiben kann."

Kavala treibt seine Projekte über kleine Notizen aus dem Gefängnis heraus weiter voran, stößt sogar neue an. Und trotzdem sagt Yavuz Özkaya, der Architekt aus Ankara: "Wir vermissen ihn sehr."

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 18. Dezember 2020 um 08:08 Uhr.