Demonstrantinnen rufen Slogans während einer Kundgebung gegen den Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention | dpa

Türkei verlässt Istanbul-Konvention "Wir schweigen nicht, wir haben keine Angst"

Stand: 01.07.2021 08:46 Uhr

Seit heute ist der Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen gegen Gewalt wirksam. Viele Frauen im Land kämpfen für den Erhalt des Abkommens und gegen die patriarchale Regierung in Ankara.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Im Jahr 2011 haben 13 Länder in Istanbul eine Konvention zum Schutz von Frauen unterschrieben, die Istanbul-Konvention. Auch die Türkei war dabei - bis heute. Denn zum 1. Juli ist die Türkei aus dem Abkommen ausgetreten. Als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Schritt im März über Nacht verkündete, waren Frauenrechtsorganisationen geschockt. Seitdem kämpfen sie dagegen und planen zum Stichtag eine Marsch durch das Zentrum von Istanbul. 

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Auch Tugce setzt sich zusammen mit anderen Frauen für den Verbleib der Türkei in dem Abkommen ein. Auf dem Boden in einem Versammlungsraum der Frauen liegt eine lange lila Stoffbahn. Welche Aufschrift draufkommt, fragt Tugce ihre Freundin Feride. So genau wisse diese das noch nicht. Irgendwas in die Richtung: "Wir geben die Istanbul-Konvention nicht auf", sagt sie schließlich. Tugce ist eine kleine zierliche Frau mit dunklen langen Locken.

Tugce  | Karin Senz

Die 32-jährige Tugce kämpft für den Verbleib der Türkei in der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen gegen Gewalt. Bild: Karin Senz

Wenn man sie nach ihrem Beruf fragt, sagt sie ganz selbstbewusst, sie sei Aktivistin, sie kämpfe für Frauenrechte. Denn die würden in der Türkei regelmäßig verletzt. Dazu brauche es nicht zwingend einen prügelnden Ehemann. Auch der Druck, den die Regierung beim Thema Familiennachwuchs macht, sei eine Form der Gewalt.

"Erdogan hat erst vor wenigen Tagen in einer Ansprache im Fernsehen seine Landsleute aufgefordert, mindestens drei Kinder pro Familie zu zeugen", sagt Tugce. "Ich als ledige, kinderlose Frau, die auch keine Kinder haben möchte, ich fühle mich unter Druck gesetzt. Und das ist auch eine Form der Gewalt."

Viele Frauen berichten von erlebter Gewalt

Und dann erzählt die 32-Jährige fast im selben Atemzug von einem Erlebnis mit ihrem früheren Freund. "Ich war noch sehr jung und er drängte mich gegen meinen Willen zum Geschlechtsverkehr, ich war 18", erinnert sie sich. Sich gegen solche Gewalt zu wehren, habe sie erst in der Frauenbewegung gelernt. "Vorher konnte ich das, was mir passiert war, nicht mal richtig einordnen, erst später."

Viele Frauen in der Türkei berichten von solchen oder ähnlichen Erfahrungen, oft durch den Freund, Mann, Vater oder Bruder, durch jemanden aus dem nahen Umfeld. Tugce lacht viel, nur wenn sie sich zurückerinnert, wird sie ernst.

Auf dem Boden in einem Versammlungsraum liegt eine lange lila Stoffbahn an denen Frauen arbeiten. | Karin Senz

Die Aktivistinnen arbeiten an einem Transparent für einen Demonstrationsmarsch ins Zentrum von Istanbul. "Wir geben die Istanbul-Konvention nicht auf, für uns ist es noch nicht vorbei", steht darauf geschrieben. Bild: Karin Senz

"Das ist ein gesellschaftliches Problem"

Damals sei sie wütend auf ihren Freund gewesen und auf das, was passiert war. "Erst später habe ich begriffen, dass das eigentlich ein gesellschaftliches Problem ist und, dass mich diese Gesellschaft in so eine Situation gebracht hat", sagt Tugce. Seitdem will sie die Gesellschaft verändern. Die Istanbul-Konvention helfe dabei, sagt sie. Der internationale Vertrag sei für die Türkei verbindlich gewesen. "Das war was, was uns gestärkt hat - vor Gericht, auf der Polizeiwache, im Zivilrecht bei Gewaltdelikten. Die Istanbul-Konvention hatte uns einfach stärker gemacht", so Tugce.

Ihr Freund kam noch ohne Anklage und Strafe davon. Tugce kann damit leben. In ihren Augen hat diese Gesellschaft nicht nur sie damals in diese Situation gebracht, sondern auch ihren Freund zum Täter gemacht.

Für Tugces Freundin Feride ist die Position der Regierung in Ankara dabei klar. Diese stütze sich auf ein patriarchalisches, konservatives und familienorientiertes System. "Und sie hat Angst, wenn Frauen Gleichberechtigung verlangen, und es LGBTI-Leute gibt, dass das dann ihre Vorherrschaft zerstört", sagt Feride. "Und wenn dein ganzer Reichtum und deine Macht darauf basiert, andere Menschen zu unterwerfen, dann willst du nicht, dass die sich dagegen auflehnen, vor allem nicht mit dieser breiten Unterstützung aus der Gesellschaft."

Demonstrationen wurden verboten

Die Aktivistinnen riskieren einiges. Viele von ihnen wurden schon mindestens einmal festgenommen. Auch beim Marsch durch das Zentrum von Istanbul am Abend rechnet Feride mit einem massiven Polizeiaufgebot. An den Wänden hängen große Fotos von früher von Märschen zum Frauentag mit Zehntausenden Teilnehmerinnen. Das ist vorbei, in den letzten Jahren wurden die Demos immer verboten.

Die Aktivistinnen sind trotzdem auf die Straße gegangen, auch Rüya. Und auch jetzt will sie für die Istanbul-Konvention kämpfen. "Wir haben einen Slogan, wir schweigen nicht, wir haben keine Angst, wir gehorchen nicht", sagt sie. Die 40-Jährige mit den blonden Wunschel-Locken kniet auf der lila Stoffbahn. Mit einem Stück Seife in der Hand skizziert die Buchstaben. Sie haben sich geeinigt, in leuchtendem Gelb draufstehen soll: "Wir geben die Istanbul-Konvention nicht auf, für uns ist es noch nicht vorbei."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Juli 2021 um 08:00 Uhr.

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Moderation 01.07.2021 • 16:54 Uhr

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