Straßenhund Boji in Istanbul | REUTERS

Istanbuler Straßenhund Boji Pendler auf vier Pfoten

Stand: 09.10.2021 13:09 Uhr

Boji ist ein Straßenhund. Und Boji liebt den Istanbuler ÖPNV: Liebend gerne nimmt er zwischen den anderen Fahrgästen Platz in Trams und Fähren, Tausende Fotos von ihm kursieren im Netz. Die Stadt verfolgt seine Wege per GPS.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Boji bellt nicht, Boji beißt nicht. Der große schlanke Hund mit dem beigen Kurzhaarfell liegt entspannt mitten auf dem Boden einer Tram, die durch den asiatischen Teil von Istanbul fährt. Er hat die Vorderpfoten lässig übereinander geschlagen, die schwarze Schnauze sachte aufgelegt. Ein paar Studenten steigen vorsichtig über ihn drüber. Boji hebt noch nicht mal den Kopf mit den dunklen Schlappohren.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

"Wir sind gerade in dem Moment eingestiegen und haben uns bei dem Anblick erst mal gewundert", sagt einer der Studenten. "An der Station, wo wir eingestiegen sind, ist er erstmal ausgestiegen und hat frische Luft geschnappt. Dann ist er wieder rein. Wir haben so lange auf ihn gewartet. Drinnen ist es jetzt voll. Die Leute müssen über ihn drübersteigen, um weiterzukommen."

Bisher keine Beschwerden

Schließlich wird ein Platz am Fenster frei. Der Kangal-Mischling springt auf die Holzsitzbank, mit dem Hinterteil zum Gang schaut er nach draußen. Bis jetzt habe es keine Beschwerden von anderen Fahrgästen gegeben, erklärt Aylin Erol von der Istanbuler Stadtverwaltung: "Er ist ein riesiger Hund, ja, aber er ist nicht so anders als wir, also als du und ich. Wenn er in die Tram steigt, lässt er erst die Leute rein. Er springt sie auch nicht an. Drum haben sie auch keine Angst vor ihm."

Eine junge Studentin sitzt in sicherer Entfernung zu dem Streuner. Bei ihr hält sich die Begeisterung in Grenzen. "Also, da ich das nicht gewohnt bin, habe ich Angst", sagt sie. "Aber er tut ja im Moment keinem was. Wenn er weiter so brav bleibt, ist das kein Problem. "

Straßenhund Boji in Istanbul | REUTERS

Gelassen hat Boji in der Tram Platz genommen, während um ihn herum Fahrgäste aus- und einsteigen. Bild: REUTERS

Tausende Fotos und Videos im Netz

Bis jetzt gibt es keine Berichte, dass Boji jemand angefallen oder gebissen hat, aber Tausende Fotos und Videos von Fahrgästen im Netz, die seine Wege durch Istanbul gekreuzt haben: Boji, wie er lässig auf zwei Tramsitzen schläft, Boji, wie er durch die langen Gänge der Istanbuler Metrostation trabt, Boji, wie er mit treuem Blick einen Fahrgast zum Streicheln animiert oder auf der Bosporus-Fähre, wie er die Nase in den Wind hält. Er ist inzwischen ein kleiner Star mit einem eigenen Twitter-Account und 60.000 Followern.

Die Stadt Istanbul wurde vor rund zwei Monaten auf den blinden Passagier auf vier Pfoten aufmerksam, als er versucht hat, in eine Tram zu steigen, erzählt Erol:

Unserem Sicherheitspersonal ist es nicht gelungen, ihn davon abzuhalten. Also sind sie mit ihm mitgefahren. Dann ist er ausgestiegen und wollte wieder rein. Ich habe dem Sicherheitspersonal dann gesagt, laßt ihn. Lass uns doch mal schauen, was er macht. Er ist dann ein paar Stationen gefahren und am Bosporus-Ufer ausgestiegen. Und da hat er dann eine halbe Stunde einfach nur auf's Wasser geschaut. Das kann man gar nicht glauben.
Straßenhund Boji in Istanbul | REUTERS

Auch die Fähre über den Bosporus nimmt Boji gern. Immer wieder wechselt der Hund so vom asiatischen in den europäischen Teil der Stadt. Bild: REUTERS

Ortung per Chip

Sie haben ihm ein Halsband mit einem Chip verpaßt. So können sie Boji jetzt jederzeit über GPS orten und seine Wege mitverfolgen. Ein Frühaufsteher ist er allerdings nicht. "Ab zehn Uhr ist er in der Tram unterwegs", erzählt Erol. "Das wissen wir. Anschließend fährt er fast den ganzen Tag bis neun Uhr abends. Dann verbringt er die Nacht auf der asiatischen Seite. Das liebt er."

Halsband von Straßenhund Boji in Istanbul. | Karin Senz

Per Chip am Halsband können die Behörden Bojis Wege nachverfolgen. Bild: Karin Senz

30 bis 40 Kilometer kann er schon mal an einem Tag zurücklegen, zeigen die GPS-Daten. Aber er hat auch Tage, wo er keine Lust auf das Gedränge in Bus und Bahn hat. Da spielt er dann mit anderen Hunden irgendwo in Istanbul.

Wenn er auf Tour ist, lassen ihn die Artgenossen allerdings eher kalt. Er will bei den Menschen sein. Der Tierarzt hat Boji durchgecheckt: Er ist fit und geimpft.

"Irgendwas treibt ihn um"

Aber Aylin Erol von der Stadtverwaltung macht sich so ihre Gedanken: "Ich vermute, irgendwas treibt ihn um", sagt sie. "Vielleicht sucht er jemand. Ich hoffe, dahinter steckt keine traurige Geschichte. Aber in der Tram zusammen mit den Leuten, da ist er wirklich glücklich. Das spüren wir."

Straßenhund Boji auf einer Fähre in Istanbul. | Karin Senz

Bis zu 40 Kilometer am Tag mit Fähre, Tram und Bus legt Boji zurück - manche Fahrgäste kennen ihn schon, für andere ist der Hund auf dem Sitz ein ungewohnter Anblick. Bild: Karin Senz

An der nächsten Haltestelle steigt Boji aus und schlendert zum Anleger. Kurz darauf kommt auch schon eine Bosporus-Fähre rüber zum europäischen Teil der Stadt.

Als wäre es das normalste der Welt, geht der Hund an Bord, springt drinnen mit einem Satz auf eine der breiten roten Bänke und fläzt sich in voller Länge hin, das Hinterteil in Richtung des Fahrgastes neben ihm. Der schaut kurz irritiert. Boji gähnt genüsslich, legt den Kopf auf die Armlehne, bis ihm schließlich die Augen zufallen.

 

 

Über dieses Thema berichtete Bayern 1 am 12. Oktober 2021 um 07:45 Uhr.