Kyriakos Mitsotakis (l) und Tayyip Erdogan (r) bei einem Treffen in Brüssel 2021 | via REUTERS

Griechenland und Türkei Streit unter Nachbarn

Stand: 14.09.2022 09:04 Uhr

Griechenland und die Türkei sind NATO-Mitglieder und als Nachbarn eigentlich eng verbunden. Doch momentan kriselt es. Am Wochenende feuerte die griechische Küstenwache Warnschüsse ab. Was steckt hinter dem Streit?

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Am Wochenende haben viele Menschen in der Türkei und Griechenland kurz den Atem angehalten. Die griechische Küstenwache habe einen Frachter vor der türkischen Insel Bozcaada beschossen, teilte die türkische Küstenwache mit. Es hätte der Beginn einer heftigen Eskalation sein können. Dem war nicht so, laut Athen handelte es sich nur um Warnschüsse. Trotzdem wächst bei Griechen und Türken die Angst, auch weil der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Stimmung weiter anheizt:

Wenn die Zeit reif ist, werden wir das Nötige tun (...). Wir sagen das immer: Wir können eines Nachts ganz plötzlich kommen.
Karin Senz ARD-Studio Istanbul
Griechenland mit der Insel Lesbos und die Türkei mit den Städten Istanbul und Izmir

Experte für beide Seiten

Es war eine offene Drohung gegen seinen NATO-Partner Griechenland. Dimitrios Triantafyllou ist erst am Wochenende aus Athen nach Istanbul zurückgekommen. Natürlich haben ihn zuhause viele gefragt, was davon zu halten ist.

Triantafyllou lebt seit zwölf Jahren in Istanbul und lehrt Internationale Beziehungen an einer Universität der Stadt. "Im griechischen Frühstücksfernsehen und in Nachrichtensendungen geht es immer so eine halbe Stunde um die Türkei. Und ich werde oft von der griechischen Presse eingeladen, weil man in mir jemanden sieht, der auf keiner Seite steht, der moderat ist", berichtet er. "Ich unterscheide mich mit dem, was ich erzählen kann, von vielen griechischen Kollegen, weil ich hier lebe und die türkische Position möglicherweise besser verstehe."

Beide Länder wählen im kommenden Jahr

Er sortiert Erdogans Worte unter anderem unter Wahlkampf ein. Schließlich sind nächstes Jahr in der Türkei Präsidentschafts- und Parlamentswahlen. Im Moment sieht es nicht gut aus für den Amtsinhaber. Auch in Griechenland sind nächstes Jahr Wahlen. Und da spielt eine wichtige Rolle, dass man sich durch Ankara bedroht fühlt, nicht nur militärisch: "Viele sehen die Gefahr, dass man wieder versucht, die Grenze mit Flüchtlingen zu fluten, egal, ob die Land- oder Seegrenze", sagt Triantafyllou.

Dabei mache es keinen Unterschied, ob man zum politischen Lager in der Mitte, dem Rechts oder Links gehöre. "Es wird einen Konsens unter den Griechen geben, dass egal, welche Kraft an die Macht kommt, sie muss so ein Szenario verhindern."

Experte: Griechenland gewinnt an Bedeutung für NATO

Für den Politikexperten gewinnt Griechenland in den Augen der USA als NATO-Mitglied an Bedeutung. Das zeige der Empfang von Regierungschef Kiriakos Mitsotakis im Frühjahr in Washington und eine immer stärkere militärische US-Präsenz in Griechenland. Ankara verliere dagegen an Vertrauen. Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar widerspricht solchen Aussagen vehement: "Die Türkei fällt der NATO nicht zur Last. Im Gegenteil: Sie ist ein Land, das Belastungen mitträgt", sagte Akar.

Griechenland sollte die Türkei nicht länger als Bedrohung verstehen. Die Türkei ist ein effektiver, vertrauenswürdiger Bündnispartner für seine Freunde und für das Bündnis.

Triantafyllou diskutiert viel mit seinen türkischen Kollegen an der Universität über die Spannungen zwischen ihren beiden Länder. Die Gespräche seien sehr offen: "Denn sie wissen, ich kann ihnen von den Debatten und Argumenten in Griechenland erzählen. Aber ich denke, wir sind immer noch dabei, die jeweils andere Seite zu verstehen und sehen, dass es wichtig ist, dass Gesprächskanäle offen sind. Aber im Moment sind sie das nicht."

"Es stimmt, dass man vorsichtiger sein muss"

Mitsotakis hatte dem Kongress bei seinem Washington-Besuch empfohlen, Ankara keine F16-Kampfjets zu verkaufen. Daraufhin hatte Erdogan den Kontakt zu ihm abgebrochen. Der erklärte erst am Wochenende wieder, er sei jederzeit bereit, Erdogan zu treffen.

Zwischen den Bürgern beider Staaten funktioniere der Austausch dagegen noch. Bei seiner letzten Athen-Reise hat Triantafyllou erlebt, dass die Flugzeuge in beiden Richtungen voll waren mit Griechen, die in der Türkei Urlaub machen und andersrum. Er fühlt sich auch nach wie vor sicher in Istanbul. Allerdings achtet er drauf, was er in Vorträgen sagt oder auf Social Media postet:

Ich wusste schon, als ich damals gekommen bin, dass ich mich leider - wie soll ich das ausdrücken - selbst regulieren muss. Es stimmt, dass man vorsichtiger sein muss und weniger kritisch sein darf.

"Ich glaube, dass die beiden sich arrangieren"

Ob dieser Streit zwischen Ankara und Athen nach den Wahlen wieder abflaut - der Experte für Internationale Beziehungen geht im Moment davon aus, dass Erdogan wieder gewinnt. Mit Blick auf das Verhältnis zwischen ihm und Mitsotakis sagt er: "Ich denke, die Tatsache, dass er ihn direkt angegriffen hat und sich weigert mit ihm zu reden, heißt vielleicht, dass er ihn respektiert. Ich glaube, dass die beiden sich arrangieren und das Thema vorantreiben könnten."

Schließlich ist es gerade mal ein halbes Jahr her, dass Erdogan Mitsotakis in Istanbul empfing. Damals schrieb seine Pressestelle, Ankara und Athen würden besondere Verantwortung in der europäischen Sicherheitsarchitektur tragen.