Hände halten türkischen Reisepass

Angst vor Repression Immer mehr Türken im griechischen Exil

Stand: 17.11.2018 14:31 Uhr

Sie haben Angst davor, für Kritik an der Regierung ins Gefängnis zu kommen: Immer mehr junge Türken wandern aus - und gehen nach Griechenland. Michael Lehmann hat einige von ihnen getroffen.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Kinder spielen im Flur eines kleinen Hotels in Thessaloniki. Es sind die Kinder von zehn türkischen Familien, die hier ihre neue Heimat gefunden haben. Auch Sumeyye ist vor einigen Monaten hierher geflohen. Sie ist die Tochter eines 75-Jährigen, der ohne erkennbaren Grund unter Terrorverdacht in Ankara ins Gefängnis gesteckt wurde.

"Acht Monate musste er im Gefängnis bleiben. Sie können sich die Zustände dort nicht vorstellen. Schrecklich, völlig überfüllt und nicht mal ein Bett für jeden. Und drin saßen Lehrer, Doktoren und auch Professoren." Sumeyye wirkt nicht mehr verzweifelt. Sie ist froh, dass sie nicht allein fliehen musste. Sie und andere Türken im Raum Thessaloniki sprechen von Hunderten, die in den letzten Monaten über den Fluss Evros nach Griechenland gekommen sind.

Kritiker landen im Gefängnis

Tuba Guven zum Beispiel. Sie hatte Angst, dass es ihr zu Hause genauso gehen könnte wie vielen Freunden, die nur wegen ein paar kritischer Mails weggesperrt wurden: "Es ist unmöglich geworden, die Regierung zu kritisieren. Wenn du da was auf Twitter schreibst, kannst du dafür direkt ins Gefängnis kommen."

Offizielle Zahlen, wie viele Türken seit dem Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan nach Griechenland geflohen sind, gibt es von den griechischen Behörden nicht. Staatsfeinde und Verräter seien sie in den Augen des türkischen Präsidenten, erzählen sie.

Schleuser verdienen kräftig mit

Guven sagt, sie fühle sich den Menschen in der Türkei nach wie vor verbunden. Nur das Regime könne sie nicht länger ertragen: "Ich habe nichts gegen meinen Staat, gegen die Türkei. Ich denke anders im Moment. Meine Meinung passt dem Regime nicht." Aber deshalb sei sie doch kein Terrorist. "Ich tue doch nichts Illegales gegen den Staat, gegen mein Land und meine Landsleute."

Die Flucht nach Griechenland lassen sich viele Türken bis zu 6000 Euro kosten. Schleuser verdienen kräftig mit. Doch Griechenland ist für viele das attraktivste Ziel nach ihrer Flucht - nah genug an der Heimat, falls sich die Zustände doch wieder ändern sollten: "Warum ich nach Griechenland gekommen bin? Weil es hier ähnlich ist wie in der Türkei, nur eben demokratisch. Wir haben eben nur eine Grenze zwischen unserer Ländern."

Erdogans langer Arm

Berivan Aydin ist nicht aus der Türkei geflohen. Aber die Mitarbeiterin der oppositionellen Zeitung "Cumhurriyet" reist oft von Istanbul nach Griechenland. Es ist kein Geheimnis, dass auch ihre Redaktionsarbeit immer schwieriger wird. Das Erdogan-treue Lager innerhalb der Belegschaft ist mächtiger geworden.

Deshalb kann sich auch die Journalistin vorstellen, bald für länger in Griechenland zu leben: "Ich lerne Griechisch schon seit sechs, sieben Jahren und es ist verrückt, wie ähnlich sich auch die Sprachen sind. Die Art, wie die Menschen sich unterhalten und wie sie denken, das ist doch schon ziemlich ähnlich. Dann die Musik, das Essen." Und geschichtlich gesehen gebe es auch in der Politik vieles, was verbindet. Auch der Kampf für Demokratie: "Also, wenn wir unsere jetzige türkische Regierung mal außen vor lassen, dann haben unsere Völker keine Schwierigkeiten miteinander. Nur die Politik hat sie."

Wie Aydin scheinen vor allem junge Türken zum Verlassen ihres Landes bereit zu sein. Im Gepäck haben sie die Waffen, die Erdogan fürchte muss: Laptops und Smartphones. Von Griechenland aus berichten immer mehr türkische Autoren online darüber, was sie in ihrer Heimat nicht mehr länger ertragen wollen.

Exil in Griechenland - immer mehr Türken verlassen ihre Heimat
Michael Lehmann, ARD Istanbul
17.11.2018 13:40 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Darstellung: