Mehrere Gräber | Bildquelle: ARD-Studio Istanbul

Gewalt gegen türkische Frauen Das Ende des Schweigens

Stand: 05.09.2020 09:18 Uhr

Die Istanbul-Konvention soll Frauen vor häuslicher Gewalt schützen. Nun debattiert die türkische Regierungspartei über einen Ausstieg. Das empört viele Frauen - auch wegen neuer Fälle von Gewalt.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Selten besucht jemand das Grab der 18-jährigen Ipek Er aus dem südostanatolischen Dorf Kurukavak. Die Umstände ihres Todes sieht man in ihrer Heimat als Schande. Ihr Schicksal aber sorgt überregional für Aufsehen in einer Zeit, in der in der Türkei über die Abkehr von internationalen Regeln zum Schutz von Frauen vor Gewalt diskutiert wird.

Ipek Er erliegt Mitte August ihren Verletzungen. Mit einer Schrotflinte hatte sie versucht, sich das Leben zu nehmen, lag dann mehrere Wochen im Krankenhaus. Der Grund für die Verzweiflungstat war eine mutmaßliche Vergewaltigung durch ihren Freund Musa O.. Sie wendet sich nach der Tat an die Polizei, zeigt ihren Freund an.

Die Justiz lässt ihn zwar kurzzeitig festnehmen, doch er kommt schnell wieder frei. Der Fall spricht sich herum. Die Empörung in den sozialen Medien über die Freilassung ist so groß, dass ein Staatsanwalt den Ex-Freund und Gendarmen erneut verhaften lässt. Aus der Gendarmerie wird er unehrenhaft entlassen. Der zuständige Richter in der arabisch-kurdisch geprägten Stadt Siirt setzt ihn aber schnell wieder auf freien Fuß.

Ein Grabstein | Bildquelle: ARD-Studio Istanbul
galerie

Die Eltern von Ipek Kilinc fordern nach dem Tod ihrer Tochter Gerechtigkeit.

Die Eltern wehren sich

Ers Vater Fuat Er will das nicht hinnehmen. Gegenüber der ARD beklagt er sich: "Da kommen doch viele Fragen auf. Zuallererst würde ich gerne mit diesem Richter sprechen: 'Wenn das deine Tochter gewesen wäre, wäre dein Gewissen rein geblieben, als du diesen Mörder freigelassen hast?'"

Der Fall schlägt Wellen bis nach Istanbul. Im Oktober soll der Ex-Gendarm vor Gericht kommen. Ipeks Mutter Hakime Kilinc ist schon jetzt besorgt, dass der 23-Jährige straffrei ausgehen könnte. "Das Recht meiner Tochter darf nicht vergessen werden", fordert sie. "Ich will nicht, dass man ihm hilft. Ich fordere Gerechtigkeit."

Eine Frauenorganisation nimmt Ers Tod zum Anlass, ihr Foto mit den Worten "Wir schweigen nicht" auf Banner zu drucken und bei einer der derzeit regelmäßig stattfindenden Demonstrationen gegen Gewalt an Frauen in Istanbul hochzuhalten.

Gewalt bei Demonstrationen: kein Einzelfall

Gewalt gegen Frauen ist Alltag in der Türkei. Nahezu im Wochentakt werden in sozialen Medien Videos mit abscheulichen Szenen geteilt: Ein Mann holt aus und schlägt einer Frau in aller Öffentlichkeit ins Gesicht. Manchmal wehren sich die Opfer, manchmal nehmen sie die Pein nahezu regungslos hin. Teilweise mischen sich Passanten ein, teilweise ignorieren sie das Geschehen.

Türkei: Gewalt gegen Frauen
Europamagazin 12:45, 06.09.2020, Oliver Mayer-Rüth, BR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Mehr als 470 Morde an Frauen haben türkische Frauenorganisationen 2019 gezählt. Gewalt an Frauen nehme zu, mahnen sie. Die wenigen unabhängigen türkischen Medien greifen das Thema zuletzt auch deshalb immer öfter auf, weil extrem islamisch-konservative Kräfte in der Regierungspartei AKP die sogenannte Istanbul-Konvention aufkündigen wollen.

Der völkerrechtliche Vertrag wurde 2011 von 13 Staaten, unter anderem auch von der Türkei, in Istanbul unterzeichnet und später ratifiziert. In den Folgejahren schlossen sich weitere Länder an. Die Unterzeichnerstaaten verpflichteten sich, Gewalt gegen Frauen zu verhüten und bekämpfen.

Ein Plakat | Bildquelle: ARD-Studio Istanbul
galerie

An dem Schicksal von Ipek Kilinc nehmen viele Türkinnen Anteil - und gehen auf die Straße.

Widerstand aus einer erzkonservativen Bruderschaft

Die erzkonservative muslimische Bruderschaft Ismailaga aber hält die Konvention für einen "Angriff auf islamische Werte" und verbreitet diese Ansicht über ihren Twitter-Account. Im Januar besuchte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan den Führer von Ismailaga, anschließend wurden Bilder von dem Treffen verbreitet.

Anfang Juli dann forderte Nurman Kurtulmus, stellvertretender Vorsitzender der AKP, den Austritt aus der Konvention. "Es ist falsch zu behaupten, Gewalt gegen Frauen würde steigen, wenn man aus der Istanbul-Konvention aussteigt", sagt er. "So wie man das Abkommen regelkonform unterschrieben hat, so kann man es auch aufkündigen."

Die Empörung bei Frauenorganisationen ist groß. Doch auch in der Frauenorganisation der AKP regt sich Widerstand. Aus Parteikreisen heißt es, über die Forderung von Kurtulmus sollte man erst intern in allen Einzelheiten diskutieren und abwägen, wie vor allem traditionelle Erdogan-Wählerinnen auf einen Austritt aus der Konvention reagieren könnten.

Viel könnte von Erdogans Tochter Sümeyye abhängen. Sie ist Vizepräsidentin der Frauenorganisation Kadem, die dafür bekannt ist, dass sie ein islamisch-konservatives Frauenbild vertritt. Doch es heißt auch immer wieder, das Thema Gewalt gegen Frauen sei dort eine rote Linie: Sümeyye Erdogan habe Einfluss auf ihren Vater. Dass sich der extrem-islamisch-konservative Flügel in der AKP beim Thema Istanbul-Konvention durchsetzt, dürfte noch nicht entschieden sein.

Diese Reportage sehen Sie auch im Europamagazin - am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Europamagazin am 06. September 2020 um 12:45 Uhr im Ersten.

Darstellung: