Türkische Flagge

Kommunalwahl in der Türkei Wo die Geisterwähler spuken

Stand: 19.01.2019 08:07 Uhr

Ende März gibt es in der Türkei Kommunalwahlen. Doch wer stimmt eigentlich ab? Viele "Wähler" gibt es offenbar gar nicht - und das führt zu viel Spott und Ärger.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

In der Türkei gibt es einige Menschen, die über 100 Jahre alt sind. Aber über 140 Jahre - da wird es dann doch ein bisschen komisch. Im Zusammenhang mit den Kommunalwahlen sind auf den Wählerlisten jetzt aber einige dieser steinalten Geisterwähler aufgetaucht.

Auch manche "Wohngemeinschaften" muten seltsam an: In einer Straße sollen zum Beispiel in gerade einmal sechs Baracken knapp hundert eingetragene Wähler zusammenwohnen.

Das Thema sorgt für politische Diskussionen und für viel Häme im Netz: "Aaah, unser Haus ist zu einer Provinz geworden", schreibt eine Twitter-Userin süffisant und spielt damit auf die vielen Wahlberechtigten an, die laut Wahllisten plötzlich alle unter einem Dach wohnen.

Istanbul | Bildquelle: AP
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Ortsvorsteherchef Adigüzel sagt, er habe ausgerechnet, dass in letzter Zeit eine Millionen Menschen von Istanbul auf dem Papier nach Anatolien zogen.

Eine WG mit 100 "Wählern"

In Artvin zum Beispiel, einer Kleinstadt an der georgischen Grenze, gibt es sechs Häuser, in denen angeblich knapp 100 registrierte Wähler zusammenleben. Nur sind das keine Mehrfamilienhäuser, sondern mehr Baracken, die aussehen, als stürzten sie gleich ein. "Hier wohnt niemand, es ist leer. Anscheinend haben Wähler als Wohnadresse einige dieser leerstehenden Häuser angegeben", erzählt ein Nachbar. Die Geschichte macht vor allem im Internet die Runde.

Und nicht nur diese eine: "Das ist nicht nur ein Thema in Artvin, die ganze Türkei spricht über solche Fälle. Man kann doch nicht mit Scheinwählern Wahlen bestreiten. Das hat doch mit Demokratie nichts mehr zu tun", schimpft ein anderer Nachbar.

"Bald mehr Einwohner als China"

Auf Twitter hagelt es Häme: "Überall tauchen plötzlich imaginäre Wähler auf. In einem Land, in dem die Wähler imaginär sind, kann man nur von einer imaginären Demokratie reden", heißt es da. Oder: "Wenn wir die Geisterwähler wirklich alle registrieren, hätten wir bald mehr Einwohner als China." Oder: "Wenn ich nach Hause komm, schau' ich in allen Zimmern nach, denn heutzutage gibt's ja überall Geisterwähler."

Auch Mehrfamilienhäuser haben damit zu kämpfen. In Istanbul leben angeblich Wähler in einem fünften Stock. Das Haus hat aber nur vier Stockwerke.

Empörung über die Geisternachbarn

In Artvin finden das die Wähler, also die, die es wirklich gibt, alles gar nicht so lustig. "Die Bürger von Artvin wollen ihren Bürgermeister mit ihren eigenen Stimmer wählen, nicht mit Geisterwählern oder hergekarrten Wählern", empört sich ein Anwohner.

Denn der eine oder andere vermutet, dass Ortsvorsteher- oder Bürgermeisterkandidaten auswärtige Wähler, die ihnen wohlgesonnen sind, bei sich gemeldet haben, um zu gewinnen. Diese Ämter sind nämlich begehrt in der Türkei.

Ahmet Adigüzel ist Chef der Ortsvorsteherföderation. "Ich bin seit 20 Jahren Ortsvorsteher", sagt er. Er erlebe zum ersten Mal, dass sich so viele Menschen ummelden. "Ich habe grob ausgerechnet, dass in letzter Zeit ungefähr eine Millionen Menschen aus Istanbul nach Anatolien umgezogen sind - auf dem Papier."

Erdogan während einer Veranstaltung in Istanbul | Bildquelle: REUTERS
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"Das darf nicht sein!", meint auch Präsident Erdogan.

Auch für Erdogan ein Thema

Selbst auf der höchster politischer Ebene wird das Thema diskutiert - auch Präsident Recep Tayyip Erdogan äußerte sich dazu: "Umziehen, um einen bestimmten Kandidaten für das Amt des Ortsvorstehers oder des Bürgermeisters zu unterstützen. Nein, so etwas darf bei der AKP nicht passieren. Das darf nicht sein!" Und damit kann's dann auch nicht sein.

Die Opposition wittert Wahlmanipulation zugunsten der Regierungspartei AKP. Der Hohe Wahlrat will die ganze Geschichte dann doch mal prüfen und dem Spuk um die angeblichen Geisterwähler ein Ende bereiten.

Kommunalwahlen in der Türkei: "Geisterwähler" tauchen auf Wahllisten auf
Karin Senz, SWR Istanbul
18.01.2019 15:58 Uhr

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