Der Küstenort Kas in der Türkei im Oktober 2019 | Bildquelle: picture alliance / robertharding

Auswanderer in der Pandemie Nur nicht wieder weg

Stand: 24.04.2020 15:03 Uhr

240.000 gestrandete Bürger hat die Bundesregierung nach Deutschland geholt. Einige aber wollen gar nicht zurück: In der Türkei warten Auswanderer auf das Ende der Corona-Krise. Sie fühlen sich sicher.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Doris Bierett sitzt auf ihrem Balkon und hört kurz in die neusten Corona-Durchsagen rein, die über den Lautsprecher im Ort verkündet werden. Der Wochenmarkt ist Mittwoch statt Freitag, weil es ab Donnerstag einen kompletten Shutdown gibt.

Das betrifft die 76-Jährige nicht. Sie darf das Haus sowieso nicht mehr verlassen - alle über 65 haben in der Türkei seit ein paar Wochen eine Ausgangssperre. Kein Problem, sagt sie: "Ich hab hier schon immer sehr zurückgezogen und entschleunigt gelebt, was ich auch brauchte. Ich bin hier noch mit Nachwehen eines Burnouts hingekommen."

Bierett war Schauspielerin und Kabarettistin. Vor 14 Jahren ist sie ausgestiegen, hat alles in Deutschland aufgegeben. Jetzt lebt sie in einem kleinen Ort ganz im Südwesten der Türkei am Meer. Die Region sei coronafrei, hieß es vor Kurzem.

Misstrauen gegen das türkische Gesundheitswesen

Die ältere Dame mit den rotgefärbten Haaren macht sich trotzdem Gedanken. Dabei ist ihr eingefallen, was ihr ein Wahrsager vor langer Zeit prophezeit hat: "Ich würde nur 76 werden. Und damals hab ich gelacht und hab gesagt: 'Ach, so alt will ich sowieso nicht werden!' Und jetzt bin ich 76 und möchte nicht, dass es zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung kommt."

So recht vertraut Bierett dem türkischen Gesundheitssystem nicht, grade wenn's um die Hygiene geht. Aber sie weiß sich zu helfen: "Da ich kein Blatt vor den Mund nehme, sag ich denen jetzt auch, wenn sie ihre Handschuhe schon seit Ewigkeiten anhatten und damit Türklinken, andere Patienten und so weiter angefasst haben: Ich möchte bitte neue Handschuhe."

Die Ärzte riefen sie schon "Herr Doris" wegen ihrer Durchsetzungsfähigkeit, erzählt sie und schaut zufrieden auf das türkisblaue Meer.

"Corona rennt nicht über's Wasser"

Auch Jens Brambusch hat vor anderthalb Jahren in Deutschland alles zurückgelassen, seinen Job als Wirtschaftsjournalist gekündigt, seine Wohnung verkauft. Jetzt sitzt der 48-Jährige braungebrannt auf seinem kleinen Segelboot im Hafen von Kas.

Jens Brabusch | Bildquelle: SWR
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Jens Brabusch: "Corona rennt nicht über's Wasser".

Im Moment darf er nur zu kleinen Segeltörns raus. Egal, sagt er: "Man geht vor Anker in der Bucht, liegt dort. Wie man hier im Hafen immer sagt: Corona rennt nicht über's Wasser. Wir haben dort sehr wenig Berührungspunkte zu anderen Menschen, daher fühle ich mich - ich hoffe, ich täusche mich da nicht - sehr, sehr sicher."

Eigentlich, meint Brambusch, kriege er von Corona gar nicht viel mit. Nur manchmal wird er als Ausländer beim Einkaufen im Ort schräg angeschaut - "weil ja von offizieller Seite suggeriert wurde: Die Ausländer haben es reingebracht. Und irgendwie gab es dann Momente, in denen ich dachte, die Leute gucken mich jetzt anders an: 'Blond, relativ offensichtlich Ausländer - was macht der denn hier? Die dürfen doch gar nicht mehr hier reinkommen'."

Ohne Touristen kommen mehr Tiere vorbei

Dabei war er schon seit über einem halben Jahr nicht mehr in Deutschland. Die Türkei hat ihre Grenzen dicht gemacht, auch innerhalb des Landes sind Reisen verboten.

Brambusch zögert kurz, denn er kann all dem auch etwas Positives abgewinnen: "Wir freuen uns natürlich auch, denn man hat das Meer für sich alleine. Wir sehen plötzlich Tiere, Delfine, Robben, die kommen. Meeresschildkröten hat man eh sehr viele, man sieht aber mehr von denen, weil die normalerweise ja durch den ganzen Tagestourismus und die Boote gestört wurden."

"Irgendwann wird's hoffentlich vorbei sein"

Die Saison hätte jetzt schon angefangen. Ohne Corona-Pandemie wären die Gassen voller Touristen, das Meer voller Segelboote - und Brambusch unterwegs auf einem langen Törn nach Israel - mit acht Booten und Leuten aus neun Ländern. Das fällt erstmal flach - aber Brambusch nimmt es mit Fassung: "Wenn man auf einem Boot lebt, ist eben nichts planbar. Wir wissen eben nicht: Wo kommt der Wind her, wo können wir hinfahren?"

Man könne nur das Beste aus der Situation machen - "und irgendwann wird’s hoffentlich vorbei sein". Zurück nach Deutschland wegen Corona will er auf keinen Fall.

Und auch Doris Bierett braucht keine Rückholaktion oder einen Heimflug. "Ich bin hier zu Hause", sagt sie. "Weil ich früher so oft unterwegs war und jetzt habe ich endlich ein festes Zuause. Da möchte ich nur nicht wieder weg."

Aussteiger in der Türkei: Rückkehr wegen Corona kommt nicht in Frage
Karin Senz, ARD Istanbul
24.04.2020 14:01 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL im Hörfunk am 24. April 2020 um 16:22 Uhr.

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