Außenminister Heiko Maas und sein türkischer Amtskollege Mevlüt Cavusoglu (rechts im Bild) bei einer Gedenkveranstaltung in Solingen. | Bildquelle: AFP

Maas besucht die Türkei "Wir erwarten einfach nur Respekt"

Stand: 05.09.2018 07:23 Uhr

Es ist ein komplizierter Antrittsbesuch: Außenminister Maas will die kritischen Themen nicht aussparen, wenn er heute seinen Amtskollegen Cavusoglu trifft.

Von Karin Senz, ARD-Studio Instanbul

Es ist das Bild, das viele in Deutschland mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu verbinden: der damalige deutsche Außenminister Sigmar Gabriel schenkt seinem türkischen Gast Tee in Goslar ein. Cavusoglu spricht vom "Dostum" Sigmar, was zu Deutsch "mein Freund" heißt. Gabriel erwidert das. Cavusoglu ist seit knapp drei Jahren Außenminister und eine feste Bank in Erdogans Kabinett. Stets loyal verkauft er Erdogans sprunghaft pragmatische Außenpolitik.

Mevlüt Cavusoglu kommt daher, wo Deutsche Urlaub machen: aus Antalya. Meistens sieht man ihn korrekt im Anzug, ab und zu aber auch mal im Poloshirt, und zwar dann, wenn der 50-Jährige auf dem Golfplatz unterwegs ist. In dieser etwas entspannteren Atmosphäre fällt Diplomatie oft leichter.

Gabriel und Cavusoglu konnten gut miteinander

Auch den damaligen deutschen Außenminister Sigmar Gabriel empfängt er vergangenen Herbst in einem Golfhotel unter Palmen - der erste offizielle Kontakt zwischen Politikern beider Länder nach einer Eiszeit. Der Gegenbesuch findet ähnlich privat statt: Bei Gabriels zu Hause in Goslar.

Das Bild, als der deutsche Außenminister seinem türkischen Amtskollegen Tee einschenkt, schafft es auf viele Titelseiten. Dazu der passende Text von Cavusoglu: "Mein Freund, ich unterstreiche mein Freund, Sigmar Gabriel." Und auch Gabriel nennt ihn einen Freund. Die beiden können miteinander.

Die Außenminister Sigmar Gabriel und Mevlüt Cavusoglu, rechts, in Goslar | Bildquelle: dpa
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Der damalige Außenminister Sigmar Gabriel schenkt Mevlüt Cavusoglu Tee ein.

Mit Gabriels Nachfolger Heiko Maas gibt es solche Szenen nicht, zumindest noch nicht. Und auch eine Stufe darüber geht es nicht so vertraut zu - zwischen Präsident Erdogan und Kanzlerin Merkel. Aber Cavusoglu hilft gerne mal mit etwas Charme aus: "Ich respektiere Madame Merkel sehr. In den letzten fünf bis sechs Jahren hat sie doch in Wirklichkeit Europa geführt - also nach Erdogan."

Ein typischer Cavusoglu-Spruch. Der 50-Jährige gewinnt im Lauf seiner Amtszeit, und die dauert nun schon knapp vier Jahre, an Selbstbewusstsein. Dabei lässt er aber nie Zweifel daran, wo er steht: zu 100 Prozent hinter Erdogan und seiner Politik.

Gegebenenfalls kann er blitzschnell von Charme auf Angriff umschalten: "Die PKK ist eine Terrororganisation. Und Ihr Land sollte sie nicht unterstützen. Ihr Land sollte kein sicherer Rückzugsraum für diese Terroristen sein", sagte er an Deutschland gewandt über die kurdische Miliz.

Im ARD-Interview deutete er Yücels Freilassung an

Erdogan hält auch im neuen Präsidialsystem an seinem bewährten Außenminister fest, während andere gehen müssen. Viele Minister hält der türkische Präsident an der kurzen Leine, die von Cavusoglu scheint länger zu sein.

Im Fall des deutsch-türkischen Zeitungskorrespondenten Deniz Yücel hatte Cavusoglu im Januar im Interview mit dem ARD-Studio Istanbul angedeutet, dass Bewegung in das Thema kommt: "Das Verfassungsgericht urteilt sehr kritisch", sagte er damals. "Und viele Leute wurden in der Vergangenheit entlassen, darunter auch Journalisten und Politiker, dank der Entscheidung des Verfassungsgerichts."

Einen Monat später kommt Yücel frei. Cavusoglu wird aber nicht müde zu betonen, die Justiz in der Türkei sei unabhängig.

"Wir erwarten einfach nur Respekt"

Er war auch mal Europaminister. Er weiß, dass sein Land im Moment wenig Chancen hat, in die EU aufgenommen zu werden. Darum fordert er: "Wir erwarten einfach nur Respekt. Wir können über unsere Werte oder europäische Standards oder dies oder das Meinungsverschiedenheiten haben. Aber das bedeutet nicht, dass sie ein Land zweitklassig behandeln können."

Noch immer nimmt er Deutschland übel, dass ihm die Stadt Hamburg letztes Jahr einen öffentlichen Auftritt vor dem Referendum in der Türkei verboten hat. Ist das demokratisch, fragt er noch heute. Nein, das sei es überhaupt nicht, antwortet er in Rage. Der galante Ton ist verflogen.

Erdogans verlässlicher Außenminister
Karin Senz, ARD Istanbul
05.09.2018 06:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 05. September 2018 um 07:20 Uhr.

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