Ein Luftbild zeigt zerstörte Gebäude nach ܜberschwemmungen und Schlammlawinen in Bozkurt, Türkei.

Dauerkrise in der Türkei Erst Waldbrände, nun Überschwemmungen

Stand: 14.08.2021 14:59 Uhr

Es sind die schlimmsten Überschwemmungen in der Türkei seit Jahrzehnten. Mindestens 40 Menschen sind ums Leben gekommen, mehr als 100 werden vermisst. Weiterer starker Regen ist vorhergesagt.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Für die Türkei ist es Tag 18 im Krisenmodus. Im Süden und Südwesten des Landes warten sie dringend auf Regen. Der könnte endlich nachhaltig Entspannung in die Gebiete bringen, die seit Ende Juli mit Waldbränden kämpfen, den schlimmsten in der Geschichte des Landes.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Im Norden können sich die Menschen dagegen im wahrsten Sinn des Wortes vor Regen kaum retten. "Schon als ich am Morgen aufwacht bin, hat es wie verrückt geregnet. Ich wohne gleich hinter dem Marktplatz. Von da aus hat sich die Flut rasend schnell auf uns bewegt und hat alles Mögliche vor sich hingetrieben", erzählt ein Mann aus der Provinz Sinop. "Ich bin raus gerannt und zu meinem Laden, da war schon alles verwüstet. Als ich wieder zurückgekommen bin, war der Marktplatz verwüstet. Jetzt haben wir Stromausfall und kein Leitungswasser. Das macht alles noch schwieriger."

 Ein Luftbild zeigt zerstörte Gebäude nach ܜberschwemmungen und Schlammlawinen in Bozkurt, Türkei. | dpa

In vielen Orten schiebt sich förmlich eine braune Lawine durch Straßen und schluckt alles, was auf ihrem Weg liegt.  Bild: dpa

Mehr als 100 Vermisste

Das türkische Fernsehen zeigt Bilder von einer braunen Lawine, die sich durch Straßen schiebt und alles einfach schluckt, was auf ihrem Weg liegt. Städte und Dörfer, auch Krankenhäuser wurden evakuiert, teils hat man die Menschen mit Helikoptern und Booten von Dächern in Sicherheit gebracht, 2200 insgesamt. Brücken sind zerstört, Straßen unterspült. Die Zahl der Toten steigt, mehr als 100 Menschen sollen noch vermisst sein. Es gibt noch keinen Überblick über die Schäden. Aber sie sind immens.

Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärt bei einem Besuch in der Region, 120 Teams seien schon dabei, die Schäden aufzunehmen. Außerdem arbeite man daran, die Infrastruktur wieder in Gang zu bringen. "Wir krempeln jetzt sofort die Ärmel hoch, um den Bürgern, die in dieser Überschwemmungskatastrophe ihr Zuhause verloren haben, so schnell wie möglich ein neues zu geben", sagte Erdogan. "Wir können die Menschen, die ihr Leben verloren haben, nicht wieder zurückbringen. Aber unser Staat ist stark genug und entschlossen, um alle anderen Verluste wieder gut zu machen. Daran darf niemand zweifeln."

Rettungskräfte beobachten eine Rettungsaktion einer Kuh in der türkischen Provinz Kastamonu nach starken ܜberschwemmungen und Schlammlawinen.  | dpa

In der türkischen Provinz Kastamonu wird eine Kuh gerettet - nach starken ܜberschwemmungen und Schlammlawinen. Bild: dpa

Kritik am Staat

Ein Seitenhieb in Richtung der Internetkampagne #HelpTurkey (deutsch: Hilf der Türkei). Während der Waldbrände hatten User den Hashtag millionenfach geteilt. Erdogans Sprecher sah darin eine Aktion des Auslandes, die die Türkei schwach aussehen lassen sollte. Jetzt ist es Erdogan, der eine Spendenkampagne für die Flutopfer gestartet hat.

Kritiker im Netz fragen, ob der Staat zu schwach sei, um ihnen zu helfen. "Es gibt Gott sei Dank warmes Essen, Suppe und so. Der Rote Halbmond hat Feldküchen aufgebaut. Stellenweise fehlt es an trockener Kleidung. Aber jeder hat Verwandte hier in der Umgebung", erzählt ein Mann aus der Region Sinop im türkischen Fernsehen. "Man hilft sich gegenseitig, auch mit der Unterbringung. In jeder Wohnung leben momentan drei, vier Familien. Wer konnte, hat den Bezirk verlassen. Andere sind in Studentenheimen oder im Kreiskrankenhaus untergekommen."

"Wie in vielen Teilen der Welt hat auch unser Land mit Naturkatastrophen zu kämpfen", sprach Erdogan nach dem Freitagsgebet vor einer Moschee. "Das passiert nicht nur in unserem Land, sondern auch den USA, Kanada, Deutschland und viele weitere Länder in Europa haben mit allen möglichen Katastrophen zu kämpfen."

An einem Tag so viel Regen wie sonst in sechs Monaten

Am Schwarzen Meer sind die Menschen viel Regen gewohnt und auch Überschwemmungen. Aber diesmal hat es stellenweise in 24 Stunden so viel geregnet, wie sonst in einem halben Jahr. Der Istanbuler Ahmet Dursun Kahraman, Vorsitzender der Umweltingenieurskammer, spricht den Klimawandel an, über den die Türkei erst jetzt intensiver diskutiert: "Die Klimakrise bereitet teilweise die Zerstörung vor. Aber erst durch uns wird daraus eine Katastrophe."

Er kritisiert die Regierung. Der politische Wille orientiere sich nicht an der Wissenschaft oder der Natur, sondern am Kapital. "Wenn der Staat immer weiter und näher an Flussbetten bauen lässt, Bäche mit Beton in Kanäle zwingt und mit Wasserkraftwerken massiv in die Natur eingreift, dann sehen wir jetzt am Schwarzen Meer, was passieren kann."

Für mehrere der betroffenen Regionen im Norden am Schwarzen Meer ist weitere Regen vorhergesagt. Im Süden und Südwesten bleibt es dagegen weiter trocken und heiß. Die Türkei bliebt im Krisenmodus.

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KOMMENTARE

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asimo 14.08.2021 • 23:37 Uhr

@weingasi1

"Was mich wundert ist, dass z.B. der austral. Regierungschef total gelassen bleibt," Ignoranten gibt es überall. Ökologische/klimatische Zusammenhänge zu verstehen erfordert eine gewisse Fähigkeit des systemischen Denkens. Diese Fähigkeit ist nicht gleichmäßig gegeben. Vielen mangelt es auch an grundlegenden Fähigkeiten des abstrakten Denkens. Und ja, es ist bereits 5 nach Zwölf. Der point of no return wurde bereits überschritten, wir können aber noch abmildern und hoffen, das manche Kopplungen höheren Selbststabilisierungsfähigkeiten besitzen als in den gängigen Modellen einberechnet. Vor 25 jahren konnte man in der Tagesschau sehen, dass in 25 jahren dieser Punkt erreicht sein würde, kaum jemand hat das aber ernst genommen. Jetzt kommen die ersten Rechnungen, aber zurückgeben können wir nicht mehr... Pech, hätte man mal die Warner ernstgenommen. _Wir_ waren da!