Ein buddhistischer Mönch am Zug, den die Tsunami-Wellen am 26. Dezember 2004 mitgerissen haben.

Zehn Jahre nach Tsunami in Sri Lanka "Die Welle spülte den Zug einfach weg"

Stand: 24.12.2014 18:27 Uhr

Die Zugstrecke an der Südwestküste Sri Lankas gehört zu den schönsten der Welt. Am 26. Dezember 2004 aber kam es auf Höhe des Ortes Peraliya zur Katastrophe: Mit großer Wucht traf der Tsunami den Zug - und riss ihn einfach fort. Der Fischer Nalim erinnert sich.

Von Jürgen Webermann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi, zzt. Peraliya

Es ist eine Zugstrecke durchs Paradies. Die mächtige Lok, und die schweren roten Waggons rattern auf ihrem Weg in die Hauptstadt Colombo durch eine tiefgrüne Palmenwelt.

Nalim genießt ein paar freie Tage, mit seiner Frau Sureka und den beiden Kindern. Ein kleiner Unterstand vor ihrem gelb gestrichenen Steinhaus bietet ihnen Schutz vor dem warmen Regen. Nalim wohnt direkt am Bahngleis. Er arbeitet eigentlich auf einem Fischkutter, aber er muss erst am nächsten Morgen los.

Das Grundstück nebenan ist verwaist und zugewuchert. Der graue Rest einer Hauswand rankt aus dem Grün. Nalim zeigt auf die Ruine. "Jedes Jahr im Dezember kommen die Erinnerungen besonders stark hoch, die Erinnerungen an den Sonntag damals - an diesen schwarzen Tag."

Nalim und seine Frau entkamen den Tsunami-Wellen nur knapp.
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Nalim und seine Frau entkamen dem Tsunami nur knapp.

Nalim hat kein Detail vergessen. "Es war 9:20 Uhr, als die erste Welle bis zu uns schwappte. Der Zug war genau hier vor unserem Haus zum Stehen gekommen. Ein Signal hatte ihn zum Stoppen gezwungen." Einige Menschen versuchten, auf den Zug zu klettern und sich vor dem Wasser in Sicherheit zu bringen. Dann sei eine zweite Welle gekommen, mehr als zehn Meter hoch. Und Nalim fährt fort: "Die Leute konnten nicht wegrennen, weil der Zug im Weg stand, also versuchten sie, durch den Zug auf die andere Seite des Bahngleises zu gelangen. Aber die Welle spülte den Zug einfach weg."

Die Welle war so mächtig, dass sie die 50 Tonnen schweren Waggons 100 Meter weit ins Landesinnere wirbelte. Nalim und seine Familie konnten rechtzeitig wegrennen - zwei Kilometer weit ins Inland. "In einem Tempel kamen wir für zwei Tage unter. Wir durften nicht zurück. Die Polizei hatte Angst, dass noch ein Tsunami kommen könnte."

Leben am Todesgleis
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
24.12.2014 18:25 Uhr

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Direkt vor Nalims Haus, im Dorf Peraliya, ereignete sich das verheerendste Zugunglück der Geschichte Sri Lankas. Rund 1500 Menschen starben, viele Zugreisende, aber auch viele Freunde, Nachbarn und Bekannte aus Nalims Dorf. "Wir waren so dankbar, einfach nur überlebt zu haben. Aber alles war weg. Wir hatten nicht mal was zum Anziehen", berichtet er.

Damals lebten 300 Familien in Peraliya. Jetzt sind es noch 120. Viele starben. Andere kehrten aus Angst nicht mehr zurück. Nalims Vater sitzt auf einem wackeligen, weißen Plastikstuhl. Er sieht aus wie ein Greis. Er wirkt abwesend. Nalim erzählt: "Er war damals draußen auf dem Meer. Er ist auch ein Fischer. Aber seit dem Tsunami ist mein Vater traumatisiert. Er ist nie wieder raus gefahren. Sein Herz ist schwach. Er ist wie gelähmt."

Die Warnsirene ertönt nicht mehr

Das Internationale Rote Kreuz und eine italienische Hilfsorganisation haben das Haus der Familie wieder aufgebaut. Wären da nicht die Ruinen zwischen den Palmen, sähe Peraliya aus wie ein ganz normales Fischerdorf. Aber es ist ein Dorf, in dem die Angst immer wieder hochkommt.

"Vor zwei, drei Jahren hatten wir einen Tsunamialarm", erzählt Nalim. "Es herrschte Panik. Die Menschen rannten wieder um ihr Leben. Ich blieb mit einigen anderen, um unser Hab und Gut zu beschützen." Seitdem ertöne die Warnsirene in Peraliya nicht mehr. Auch nicht zum Probealarm. "Es gab kein Geld mehr für die Wartung oder die Gehälter der Männer, die sich darum gekümmert haben."

Der Lautsprecher wurde gestohlen. Nur die Hülle steht noch auf einem Holzpfahl. Nalim zuckt mit den Schultern. Morgen muss er wieder raus, vier Wochen mit dem Kutter aufs Meer. Jedes Mal, wenn er sich mit dem Schiff wieder der Küste nähert, hofft er, dass Peraliya und seine Familie noch da sind.

Dieser Beitrag lief am 22. Dezember 2014 um 05:21 Uhr im Deutschlandfunk.

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