Eine Frau mit Maske läuft an einem Schild eines Geschäfts in Prag vorbei | MARTIN DIVISEK/EPA-EFE/Shutterst

Tschechien Lockerung trotz Angst vor dritter Welle

Stand: 03.12.2020 13:06 Uhr

In Tschechien dürfen Einzelhandel und Gastronomie wieder öffnen. Die Regierung entschloss sich zu den Lockerungen, obwohl sie davon nicht richtig überzeugt ist. Sie fürchtet eine dritte Welle.

Von Peter Lange, ARD-Studio Prag

Eigentlich wollte die tschechische Regierung dem Einzelhandel und der Gastronomie schon für vergangenen Montag grünes Licht geben. Dann hatte sie sich jedoch entschieden, noch ein paar Tage zu warten. Aber auch bei der Lockerung heute ist Ministerpräsident Andrej Babis nicht ganz wohl: "Wir haben immer noch hohe Zahlen, und ich möchte die Menschen deshalb bitten, nicht alle auf einmal in Geschäfte und Restaurants zu gehen, sondern ein wenig zu warten. Man muss noch sehr vorsichtig sein. Ich bin wegen der Entwicklung leicht nervös."

Peter Lange ARD-Studio Prag

Die Zahl der Corona-Erkrankten in den Kliniken geht langsam zurück, auch die Zahl der täglichen Todesfälle. Seit Beginn der Pandemie sind in Tschechien rund 8400 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben. Die Neuinfektionen sind seit gut zwei Wochen ebenfalls rückläufig. Knapp 5200 wurden am Dienstag gemeldet, 700 weniger als eine Woche zuvor.

17 Prozent der Tests sind positiv

Der Anteil der positiven Befunde liegt immer noch bei 17 Prozent. Gesundheitsminister Jan Blatny hält die Lockerung der Corona-Auflagen dennoch für gerechtfertigt: "Der Grund ist die bedeutsame Verbesserung der gesamten epidemiologischen Situation nach der Bewertung der Hygieniker und der Epidemiologen."

Sein Amtsvorgänger Roman Prymula, von Haus aus selbst Epidemiologe und Berater der Regierung, beurteilt die Lage sehr viel skeptischer: "Die Situation ist noch nicht in allen Regionen stabil. Sie kann sich in den Kreisen verschärfen, wo die Pandemie noch nicht unter Kontrolle ist. Ich würde die Lockerungen um eine Woche verschieben."

Dafür hatte auch Jan Hamacek plädiert, der Innenminister und Chef des Krisenstabs, der aber auch gemerkt hat: "Der Druck zu öffnen war natürlich riesig. Die Leute sind nervös und wollen möglichst schnell in das normale Leben zurückkehren."

Die Besitzerin eines Geschäfts in Prag bereitet das Schaufenster für die Wiederöffnung vor | MARTIN DIVISEK/EPA-EFE/Shutterst

In Tschechien dürfen die Geschäfte nun wieder öffnen. Der Druck von Handel und Gastronomie gegen längere Schließungen war enorm. Bild: MARTIN DIVISEK/EPA-EFE/Shutterst

Handel und Gastronomie waren Sturm gelaufen

Besonders die Verbände von Handel und Gastronomie waren Sturm gelaufen gegen eine längere Schließung. Wirtschaftsminister Karel Havlicek wies immer wieder auf die Folgen für viele Geschäftsleute hin, wenn ihnen jetzt auch noch das Weihnachtsgeschäft entgeht.

Und so erfolgt die Öffnung unter weiteren Auflagen: Läden dürfen pro 15 Quadratmeter Verkaufsfläche nur einen Kunden einlassen. Restaurants dürfen nur halb so viele Gäste bewirten wie sie Plätze haben. Um 22 Uhr müssen sie schließen. Die nächtliche Ausgangssperre ist aufgehoben. Sport- und Kulturveranstaltungen sind auch wieder erlaubt, allerdings ohne Publikum. Museen, Galerien und Zoologische Gärten dürfen ihre Besucherkapazitäten zu einem Viertel nutzen. Ob es Weihnachtsmärkte gibt, sollen die Kommunen selbst entscheiden.

Rücktritt wegen der Lockerung

Für Petr Fiala, den Chef der oppositionellen Bürgerdemokraten ist die Öffnung eine gute Nachricht. "Viele Gewerbetreibende, Dienstleister und Restaurants sind schon am Ende. Sie haben die Frühjahrswelle überstanden, aber jetzt ist es für sie schwierig. Die Öffnung bedeutet für sie ein Licht am Ende des Tunnels."

Flankiert werden soll die Öffnung mit Antigen-Tests in den besonders gefährdeten Bereichen. Und der Notstand soll über den 12. Dezember hinaus verlängert werden. Der Koordinator der nationalen Teststrategie hat allerdings seinen Posten aufgegeben. Die Lockerung sei eine politische Entscheidung, die er nicht mittragen könne.

Über dieses Thema berichtete mdr aktuell am 03. Dezember 2020 um 12:50 Uhr.